Mag keine Einschränkungen und fühlt sich schnell eingeengt, sei es am Stammtisch oder im Kunstkuchen: Galerist Urs Meile. (Bild: Pascal Gut)
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Mag keine Einschränkungen und fühlt sich schnell eingeengt, sei es am Stammtisch oder im Kunstkuchen: Galerist Urs Meile. (Bild: Pascal Gut)

Urs Meile: «Immer über Kunst reden? Ich würde durchdrehen» 

9min Lesezeit

Der weltberühmte Ai Weiwei hat das Gebäude für seine Galerie in Peking entworfen, der Ex-Botschafter Uli Sigg öffnete ihm alle Türen: Der Luzerner Urs Meile gilt als einer der besten Kenner chinesischer Kunst. In Luzern kennt man ihn aber ausserhalb des Kunstkuchens kaum. 

Pascal Gut

Kunst war schon immer ein Teil von Urs Meiles Leben. Der 63-jährige Galerist, der in Luzern sein operatives Zentrum hat, unterhält zwei weitere Galerien in Peking. Die beiden Standorte in der chinesischen Metropole gelten als etablierte, internationale Treffpunkte für Sammler, Kuratoren und andere Kunstinteressierte aus der ganzen Welt. Schon Urs Meiles Vater sammelte Kunst, und zwar querbeet durch alle Epochen. Vom Mittelalter bis in die 1950er-Jahre, erzählt Meile. «Es war eine Familienkrankheit», sagt er, «die über Generationen hinweg väterlicherseits weitervererbt wurde.» 

Sein Vater war nicht nur leidenschaftlicher Sammler, sondern zeitweilig auch Vizedirektor der Kunstgewerbeschule in Luzern. Vielleicht etwas zu viel Kunst für den jungen Urs Meile, der anstatt zu studieren, wie es sein Vater wollte, eine Hochbauzeichner-Lehre absolvierte. Doch schon nach einem halben Jahr auf dem Beruf habe er gemerkt, dass es doch nicht das Richtige sei.

Es folgten vier Jahre als Auktionator, danach eine Stelle am Schweizerischen Institut für Kunstwissenschaften in der Inventarisierung und schliesslich gelangte er über einen Bekannten ans Kunstmuseum Basel. Hier arbeitete der Luzerner in derPapierrestauration und nach drei Jahren, das war Ende der siebziger Jahre, eröffnete Urs Meile sein eigenes Atelier. 

Treffpunkt der lokalen Kunstszene

In seinem Atelier für Papierrestaurationen hängte er von Beginn weg zeitgenössische Kunst auf. Als er in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre mit seinem Atelier an die Maihofstrasse zog, wo ihm mehr Platz zur Verfügung stand, begann er erste Ausstellungen für befreundete Künstler zu organisieren. Es entstand eine Ausstellungsserie für konstruktiv konkrete Kunst mit Künstlern wie Max Bill oder Hans Hinterreiter. Da es an Ausstellungsangeboten für lokale Künstler mangelte, entwickelte sich Meiles Atelier alsbald zu einem Treffpunkt der lokalen Kunstszene.

«Der Markt war eingebrochen und ich dachte mir: Jetzt kannst du eigentlich fast nichts falsch machen.»

Urs Meile, Luzerner Galerist

Der direkte Austausch mit den Kunstschaffenden, wie ihn Urs Meile nun erlebte, wurde für ihn zu einer Schlüsselerfahrung. «Früher hing das Zeugs wie Artefakte einfach an der Wand», erzählt er. «Jetzt konnte ich mich mit den Künstlern darüber austauschen und erlebte so eine ganz neue Form der Auseinandersetzung mit Kunst. Plötzlich konnte ich meine Fragen unmittelbar dem Künstler stellen.»

Im Zuge der Wirtschaftskrise entschied sich Meile 1992, eine Galerie für zeitgenössische Kunst zu eröffnen. «Der Markt war eingebrochen und ich dachte mir, jetzt kannst du eigentlich fast nichts falsch machen und wagte den Schritt», erinnert er sich.

Entdeckungsreisen durch China

«Komm mich mal besuchen» – so etwas in der Art muss ihm sein Freund Uli Sigg gesagt haben. Sigg, ebenfalls Kunstsammler, war 1995 als Botschafter nach Peking berufen worden. Gemeinsam unternahmen die beiden Freunde in den folgenden Jahren regelmässig Entdeckungsreisen durch China und insbesondere durch die chinesische Kunstszene. «Galerien oder Museen gab es damals nicht. Um die Künstler kennenzulernen, sind wir zuerst an die Akademien gegangen. Und Uli Siggs Position als Botschafter öffnete uns alle Türen.»

Eine der beiden Galerien von Urs Meile in Peking.
Eine der beiden Galerien von Urs Meile in Peking. (Bild: zvg)

Die erste Gruppenausstellung mit zeitgenössischen chinesischen Künstlern in seiner Galerie in Luzern organisierte Meile im Jahr 1997. Die Reaktionen seien unterschiedlich ausgefallen. Zwar sei ein grosses Mass an Neugierde dagewesen, ein echtes Interesse brachten aber nur die Wenigsten mit. «Für die Leute stand das Exotische im Mittelpunkt.» Und die lokale Kunstszene habe vor allem mit Ablehnung reagiert. «Die haben einfach gesagt, das sei Scheisse», so der Galerist. «Die waren wohl einfach eifersüchtig und hatten Angst vor der Konkurrenz.» Vor allem habe es an der Bereitschaft gemangelt, sich mit etwas Neuem auseinanderzusetzen, erinnert sich Meile.

Die erste Galerie in Peking

Im Jahr 2000 eröffnete die Galerie Urs Meile ein Büro in Peking. «Ein Kunstmarkt existierte damals in China noch nicht. Es gab vielleicht eine Handvoll Sammler im ganzen Land. Verkaufen konnte man eigentlich nur in den Westen», so Meile. Dennoch, Anfang 2005 begann er mit dem Bau einer Galerie in Peking. Entworfen hatte den Gebäudekomplex der weltbekannte Künstler Ai Weiwei, den Meile bis heute vertritt. Triebfeder für den Bau seien in erster Linie die chinesischen Künstler gewesen, die ihre Arbeiten nicht nur im Ausland, sondern auch zuhause ausstellen wollten. 

Die Entstehung eines echten chinesischen Markts für zeitgenössische Kunst setzte gemäss Meile zwischen 2010 und 2012 ein. Doch seitdem ist kaum ein Stein auf dem anderen geblieben. Meile mag die Entwicklung des Landes, wie er sie erlebte, gar nicht in Worte fassen: «Das läuft auf eine Aneinanderreihung von Superlativen heraus», sagt er. Inzwischen gilt Peking als eine der wichtigsten Kunstmetropolen weltweit.

Die geschäftliche Seite

Seinen Tatendrang spürt man beim Zuhören. Urs Meile erzählt in hohem Tempo und mit viel Esprit in einer offenen und unverblümten Sprache, in der auch Ironie und der eine oder andere Kraftausdruck ihren Platz finden.

Zwar reist Urs Meile noch immer sieben bis acht Mal im Jahr nach China, doch die Aufenthalte seien kürzer geworden. Die Verantwortung teilt er sich heute mit der künstlerischen Leiterin, Karin Seitz und seinem Sohn René, der hauptsächlich für das Asiengeschäft zuständig ist. «Ich bin einfach dort, wo es gerade brennt», sagt Meile. Und im Idealfall ist das nicht im Büro. Denn Büroarbeit sei nicht seine Lieblingsbeschäftigung. 

«Der Laie wird sagen, die müssen ja grausam viel Geld verdienen. Dem ist leider nicht so.»

Urs Meile, Luzerner Galerist

Der Markt in die Schweiz und erst recht in Luzern sei für eine international arbeitende Galerie zu klein – Aktivität über Grenzen hinweg ein spannendes Muss. Dennoch ist Meile überzeugt davon, dass die Schweiz ein grosses Potenzial an – auch im internationalen Kontext – interessanten Kunstschaffenden hat.

Die Galerie von Urs Meile im Maihofquartier in Luzern.
Die Galerie von Urs Meile im Maihofquartier in Luzern. (Bild: zvg)

Die Galerie vertritt und repräsentiert ihre Künstler mit allem, was dazugehört. «Unsere Aufgabe besteht darin, die Künstler im internationalen Kontext zu positionieren», fasst es Urs Meile zusammen. Die Einkünfte der Galerie stammen aus den Verkäufen ihrer Künstler, von denen sie 50 Prozent erhält. «Der Laie wird da sagen, die müssen ja grausam viel Geld verdienen. Dem ist leider nicht so», sagt Meile. Die Einnahmen würden für die Förderung von unbekannten Jungtalenten gebraucht. «Wenn die Wand, zum Beispiel an einer Kunstmesse, an der das Bild hängt, vier bis fünfmal so teuer ist, wie das Bild selbst, musst du das über die Verkäufe bekannter Künstler quersubventionieren», erklärt Meile.

Gegen jedwede Einengung

Auch wenn die Kunst einen grossen Teil seines Lebens ausmacht, mag er sich nicht darauf beschränken. Wenn er ein Problem habe, dann jenes, dass ihn zu viele verschiedene Sachen interessieren würden. «Ich sammle, bin aber kein Sammler. Ich jage, bin aber kein Jäger. Ich segle, bin aber kein Segler», sagt er. «Wenn ich immer nur über Kunst reden müsste, würde ich durchdrehen», so Meile.

Urs Meile in seiner Galerie vor einem Werk von Aldo Walker: Ohne Titel (Standbein-Spielbein), 1985-1986.

Urs Meile in seiner Galerie vor einem Werk von Aldo Walker: Ohne Titel (Standbein-Spielbein), 1985-1986. (Bild: Pascal Gut)

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