Die Luzerner Tatort-Kommissare Stefan Gubser und Delia Mayer: Viele wollen auf ihren Spuren wandeln. (Bild: SRF/Daniel Winkler)
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Die Luzerner Tatort-Kommissare Stefan Gubser und Delia Mayer: Viele wollen auf ihren Spuren wandeln. (Bild: SRF/Daniel Winkler)

«Tatort ist ein Zauberwort, das alle Türen öffnet»

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Im Rahmen der Ausstellung «Tatort. Luzerner Kriminalfällen auf der Spur» des Historischen Museums pilgerten am Samstag Tatort-Enthusiasten durch Luzern. Set-Betreuer Franz Moser zeigte ihnen, wo die Leute vom Film Probleme hatten und wo sie Überraschungen erlebten.

Der Sonntagabend ist für viele Krimifans heilig: Tatort läuft. Die erste Folge wurde 1970 ausgestrahlt, mittlerweile klären 47 Kommissare und Kommissarinnen in 22 Städten in Deutschland, Österreich und der Schweiz Verbrechen auf. Eine der 22 Städte ist seit 2011 Luzern.

Und die Luzerner lieben ihren Tatort. Das Historische Museum Luzern nahm diese Faszination für Mord und Totschlag zum Anlass, die Ausstellung «Tatort. Luzerner Kriminalfällen auf der Spur» mit echten, historischen Kriminalfällen zu lancieren.

Luzerner stellen Wohnungen zur Verfügung

Die Begeisterung der Luzerner für den Tatort zeigt sich auf verschiedene Arten: «Die Luzerner Behörden sind sehr offen und hilfsbereit», erklärt Franz Moser, Tatort-Set-Betreuer, an der Stadtführung «Tatort – Making Of», die im Rahmen der Ausstellung stattfand. Auch die Bevölkerung unterstütze die Produktionen: Wenn Wohnungen benötigt werden, melden sich immer viele, die ihr Daheim anbieten – obwohl die Wohnung dann komplett ausgeräumt und zum Teil sogar neu gestrichen wird. «Oder Leute bieten mir ihren Laden oder so als Drehort an. Aber die Locations müssen natürlich zur Geschichte passen», erklärt Franz Moser.

An einem Schauplatz im Innenhof der Bruchstrasse.
An einem Schauplatz im Innenhof der Bruchstrasse. (Bild: Natalie Ehrenzweig)

Die meisten Drehorte, die sich die Produktion wünscht, könnten auch realisiert werden. «Tatort ist ein Zauberwort, das alle Türen öffnet», so der Set-Betreuer. Ein weiteres Indiz, dass die Luzerner den Tatort mögen: Die Führung ist ausverkauft.

Dreh an der Fasnacht ist unberechenbar

Beim ersten Halt am Mühlenplatz kramt Franz Moser in Erinnerungen an den ersten Tatort aus Luzern: Hier kam damals Gubser mit seinem Segelboot an und hier wurde die erste Luzerner Leiche gefunden. «Der Mord geschah auf dem Rathaussteg und in der Stadt war kein Mensch zu sehen. Damals durften wir dafür die ganze Altstadt für etwa sieben Stunden mit 100 Zivildienstleistenden komplett sperren.»

Wie Luzern auf die Leinwand und den Bildschirm kommt

Der Verein Filmlocation Lucerne will Film- und Fernsehproduktionen in die Zentralschweiz locken und bietet deshalb die benötigten Rahmenbedingungen dazu. Auch die drei Tatort-Produktionsfirmen arbeiten mit Filmlocation Lucerne zusammen. Franz Moser von Filmlocation Lucerne ist beim Tatort «Mädchen für alles», wie er sich selber nennt. Der Luzerner sucht die Motive, fädelt alles ein, holt die Bewilligungen ein und ist schlussendlich auch vor Ort beim Dreh, falls etwas schiefgeht. «Doch der Tatort ist nicht unser einziges Projekt. In der Region werden etwa 12, 13 Produktionen im Jahr realisiert», erzählt er.

Die Leiche sei damals dermassen eingezoomt worden, dass Maskenbildner Marc Hollenstein wochenlang einzelne Haare anbringen musste, ergänzt Sibylle Gerber, Ausstellungskuratorin.

Auf der Passerelle zum Parkhaus Altstadt geht es um die Folge «Schmutziger Donnerstag». An das Debakel mit der Fritschi-Zunft erinnert sich Franz Moser nicht gern: «Eine Woche vor Drehbeginn hat sich die Zunft zurückgezogen und dafür gesorgt, dass wir viele unserer Drehorte verlieren. Da mussten wir rasch eine Zunft erfinden.» Die Fasnacht sei ausserdem ein Chaos, das als Filmcrew schwer zu kontrollieren sei. Darum haben wir die Szene, in der die Polizei auf den Kapellplatz fährt, quasi in echt gedreht. Das ging nur in einem Versuch, und davon wussten nur wenige Leute», erzählt Franz Moser schmunzelnd.

Stadtreinigung putzt den Set

Immer wieder gibt es eine Vermischung von Realität und Fiktion, nicht nur bei der Fasnachtsfolge. «In der Vorbereitung zu ‹Skalpell› fand die Produktionsfirma zum Beispiel heraus, dass es just einen ähnlichen, realen Fall zum Thema Intersexualität am Kantonsspital gab. Das war nicht so lustig», so der Luzerner.

Franz Moser an der Baselstrasse. Musste im Tatort als Drogensumpf herhalten.
Franz Moser an der Baselstrasse. Musste im Tatort als Drogensumpf herhalten. (Bild: Natalie Ehrenzweig)

Oder bei den Arbeiten zur Folge «Schutzlos», die in der Baselstrasse spielt: «Während wir eine Geschichte im Drogenmilieu filmten, passierte genau das um uns herum. Das waren intensive Drehtage, alle waren angespannt.» In einem Punkt unterschied sich die Realität aber von der Fiktion: Die Baselstrasse sei dem Team zu sauber gewesen. «Die ersten zwei Wochen haben wir die Strasse etwas dreckiger gestaltet. Das klappte gut, bis das Reinigungsteam bei der Stadt wechselte. Die haben dann all unsere Requisiten entfernt», erinnert sich Franz Moser lachend.

Eine Produktion dauert zwei Jahre

Wenn es um die Drehorte geht, dann wird den Autoren nicht etwa eine Liste hübscher Orte überreicht, die sie in die Geschichte einbringen müssen. «Wir laden zweimal im Jahr die Autoren nach Luzern ein und zeigen ihnen die Hotspots, sodass sie sich für ihre Storys inspirieren lassen können», erläutert der Set-Betreuer.

«Weil wir oft hier drehen, haben die Bewohner im Bruchquartier auch etwas die Nase voll von uns.»

Franz Moser, Set-Betreuer, Tatort

Überhaupt: So eine Tatort-Produktion ist ungeheuer aufwendig. Vom Drehbuch bis zum Sendetermin vergehen zwei Jahre, während deren etwa 2,2 Millionen Franken ausgegeben werden. Das ist Detailarbeit, denn da muss die Redaktion zum Beispiel falsche Medikamente erfinden oder sicherstellen, dass im Drehbuch keine Namen vorkommen, die irgendwie an reale Personen in diesem Umfeld erinnern könnten. «Da unterlief uns ja in der Baselstrasse ein Fehler, der viel zu reden gab», sagt Franz Moser.

Spezielle Tatort-Leckereien

Was bringt es Luzern, Schauplatz für den Tatort zu sein? Messen könne man einen Effekt nicht, meint der Experte. Für einzelne Restaurants oder so habe der Auftritt im Tatort aber durchaus zu einem Besucheransturm geführt. Eine Bäckerei habe sogar spezielle Tatort-Schoggitörtchen kreiert. «Die Carreisen, die ein deutsches Unternehmen anbot, finden aber nicht mehr statt.»

Im Bruchquartier: Hier werden lange Autofahrten gefilmt.
Im Bruchquartier: Hier werden lange Autofahrten gefilmt. (Bild: Natalie Ehrenzweig)

Wenn im Tatort Sprechszenen im Auto vorkommen, dann werden die oft in der Bruchstrasse gedreht. Aus einem einfachen Grund: Es ist eine lange, gerade Strasse. «Weil wir oft hier drehen, haben die Bewohner im Bruchquartier auch etwas die Nase voll von uns», bedauert Franz Moser. Da sei schon mal versucht worden, mit vielen Anrufen bei der Polizei das Team zu vergraulen. Dass sich übrigens Realität und Fiktion auch auf der Zuschauerebene vermischen, zeigt das Beispiel der Bekannten von Franz Moser, die im Bruchquartier wohnt und in deren Innenhof ein Mord geschah: Sie hätte nachts im Innenhof immer noch Angst!

Bald kommt die Box

Die Führung hat Lust auf mehr gemacht. Zum Glück kommt am 3. November die DVD-Box «Tatort Luzern – Flückiger & Ritschard ermitteln» heraus (zu bestellen beim SRF). Wer neugierig geworden ist, kann schauen, ob zu erkennen ist, wo fremde Städte und Orte benützt wurden, weil der Regisseur ein ganz spezifisches Motiv wollte.

Mehr Tatort gibt’s noch im Historischen Museum: Die Ausstellung läuft noch bis am 11. März. Das reichhaltige Begleitprogramm findet man unter www.historischesmuseum.lu.ch

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