Geistreich und schelmisch: So kennt man Peter von Matt, der Garfield mit Goethe über einen Leisten schlug. (Bild: hae)
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Geistreich und schelmisch: So kennt man Peter von Matt, der Garfield mit Goethe über einen Leisten schlug. (Bild: hae)

Der Professor, seine Fans und die sieben Küsse

11min Lesezeit

Donna Leon und Eveline Hasler waren hier, auch Thomas Hürlimann oder Pedro Lenz. Am Wochenende las der grösste Luzerner Geschichtenerzähler in der «Salle Modulable» des Hotel Hammer, hoch oben im Eigenthal bei Kriens. Peter von Matt ist ein Mann der grossen Worte. Einer, den man bremsen muss, wenn ihn die Leidenschaft packt. Seine «Sieben Küsse» führen zu Liebe – und zu Tod.

Mathias Haehl

Grosse Kulissen ist dieser Autor sich gewohnt: Peter von Matt (80) gab an der Uni Zürich einst wöchentlich Vorlesungen. Vor mehr als 500 Wissbegierigen brachte der Luzerner Germanist – wohl der beste seiner Zeit – Ordnung in die deutsche Literatur. Im Hotel Hammer hatte der greise Gast mit immer noch vifem Geist am Samstag bei der Lesung einen würdigen intimen Rahmen: Schliesslich ging es ja ums Küssen. Und Weltliteratur obendrein. Wie sexy ist das denn!

Von Matt nannte sie zwar «zärtliches Allerweltsgeschäft», diese allgegenwärtige Küsserei. Doch Küssen kann gefährlich sein. Kann das Literatur auch? Wenn Peter von Matt sich in ein Thema hineinkniet, dann ist stets Grosses zu erwarten. Auch wenn es sich für einmal nicht um «Liebesverrat» oder gar «Verkommene Söhne, missratene Töchter» oder «Die Intrige. Theorie und Praxis der Hinterlist» handelt. So lauten die Titel seiner Erfolgsbücher, oder gar zuletzt «Das Kalb vor der Gotthardpost», für das er den Schweizer Buchpreis erhielt. Für einmal sind es vermeintlich kleine Küsse, die allerdings zu grossen Seelengeschichten führen. 

«Es ist seit ewig das Geschäft der Dichter, die Glücklichen ins Unglück zu stürzen und die Unglücklichen ins Glück zu heben.»

Peter von Matt, Ex-Professor der Uni Zürich

Davon erzählt der Fabulierer mit Leuchten in den Augen und viel raumgreifender Gestik, sagt dann so ganz lapidar: «Heute wird in der Literatur nicht mehr so viel geküsst.» Er ist stets ein genauer Beobachter, und obendrein ein noch genauerer Analysierer. Von Matt weiss: «Es ist seit ewig das Geschäft der Dichter, die Glücklichen ins Unglück zu stürzen und die Unglücklichen ins Glück zu heben.»

Da sitzt er dann vor rund 40 Schaulustigen am Tischchen neben Laura de Weck (36), der gefeierten Jungautorin, Schauspielerin und Tagi-Kolumnistin (sowie Tochter des grossen Medienmannes und abtretenden TV-Chefs Roger de Weck), die sonst so unverblümt angriffig ist.

«Die Kunst ist das Wie, nicht das Was – wie beim Kochen!»

Peter von Matt, Luzerner Autor

Die charmante Diskussionführerin hängt dem eloquenten Grossvater an den Lippen, fordert ihn mit klugen Fragen heraus, bis der so wunderbare Sätze sagt wie: «Die Kunst ist das Wie, nicht das Was – wie beim Kochen!»

Professor und Ex-Studentin: Peter von Matt mit Marianne Iten aus Luzern.
Professor und Ex-Studentin: Peter von Matt mit Marianne Iten aus Luzern. (Bild: hae)

Und mit grosser Kelle über den grossen Landsmann Gottfried Keller ausholt. Keller war eigentlich Feminist, der die Frauen liebte und das Volk erziehen wollte. «Aber er war ein armer Hund, der nie eine Frau fand, ein gewaltiger Trinker auch, ja eine äusserst trübe Existenz.» 

Bei Virginia Wolfe gab’s einen Kuss zweier Frauen

Und von Matt ist fasziniert, wenn er weiter von Gottfried Keller erzählt, wie der alte Grantler beim Saufen rabiat werden konnte – aber die wunderbarsten Geschichten des 19. Jahrhunderts schrieb. Oder wie bei Virginia Wolfe ein Kuss zweier Frauen eine Gesellschaftsordnung aus den Angeln hebt. Bei Tschechow kommt ein grauer Soldat zu einem Überraschungskuss im Dunkeln. Der wächst dann in seiner Glückseligkeit über sich hinaus und formt in Gedanken auf herrische Weise ein Wunschbild von einer Frau. «Er wird über die Monate zum wissenden Kenner, dieser dumpfe Kämpfer.»

Hammer-Kultur

Alle paar Wochen wartet das Hotel Hammer im Eigenthal mit hochkarätigen Gästen auf, und das schon seit zehn Jahren: Donna Leon las schon hier (es gab Videoprojektionen im ganzen Haus), Thomas Hürlimann oder Pedro Lenz. Das sind schöne Abende mit gutbürgerlichem Essen, nachdenklichen Reden oder besinnlichen Konzerten und am Schluss grosser weinseliger Stimmung. Hier gibt’s die «Salle Modulable» schon seit zehn Jahren. Und das Schönste an der Sache: Man kann die Kulturgrössen dann auch beim Frühstück am nächsten Morgen kennenlernen. Die nächsten Gäste im November sind Samy Molcho, der Körpersprache-Papst, und Christina Jaccard, die Schweizer Blues-Sängerin. 

Man ahnt und sieht schnell: Die Küsserei, Peter von Matts neuste Betrachtung, führt direkt zum Existentiellen eines jeden Menschen: zu Liebe und Tod. Die vorgeführten Kussszenen sind dermassen entscheidend in den besprochenen Werken, dass, so von Matt «die ganze Welt hätte Kopf stehen können». Es sind Offenbarungen, Momente von religiösem Gefühl, Transzendenz.

Keine Schleim- und Säfte-Prosa

Und da ist plötzlich diese Lust auf Lust. Das ist in der Literatur bei älteren Herren bekanntlich oft der Fall. Doch hier schreibt einer eine weitaus elegantere Sprache als all die Schleim- und Säfte-Prosa, die es derzeit auf die Bestsellerlisten spült. Von Matt treibt die Lust des Romantikers um: Das Spiel am Versteckis und der damit verbundenen Sehnsucht, entdeckt zu werden. Engagement und Sorgfalt kommen dazu.

Produkte der Kunst des Schreibens: Werke von Peter von Matt und seiner Interviewerin Laura de Weck.
Produkte der Kunst des Schreibens: Werke von Peter von Matt und seiner Interviewerin Laura de Weck. (Bild: hae)

«Sieben Küsse. Glück und Unglück in der Literatur.» So heisst sein mittlerweile 17. Buch, zwei weitere stehen bereits in Druck. Der Titel klingt verdächtig nach Märchen. Doch was der Autor unternimmt, ist allenfalls märchenhaft in der leidenschaftlichen Lektüre. Es sind sieben Texte, bei denen ein einzelner Kuss im Zentrum von Weltliteratur steht. Von Matt bescheiden: «Aber es ist kein Buch über die Geschichte des Küssens, also nicht chronologisch. Sondern es geht mir darum, über Literatur schreibend dem Leser zu erklären, was passiert, wenn einer schreibt.»

Ja, was passiert bei diesen sieben literarischen Extremküssen aus Kleists «Marquise von O.» oder Fitzgeralds «Der grosse Gatsby», von Autorinnen wie Marguerite Duras oder Virginia Wolfe? Der gelehrte Kenner der Weltliteratur beweist stets viel Eleganz und führt kenntnisreich und äusserst verständlich in die Interpretationsgeschichten der behandelten Werke. 

Von Garfield bis Goethe

Es ist ein grosser Akt der Reflexion, der hartnäckigen Lektüre und dann des sorgfältigen Formulierens. Sein grosses Wissen zeichnet von Matt ebenso aus wie seine Eloquenz. Er versteht die Kunst des Lesens und kann locker den Bogen spannen von Garfield bis Goethe. Deshalb wurde der Autor und Professor auch mit sämtlichen Literaturpreisen im deutschsprachigen Raum dekoriert: Schweizer Buchpreis, Goethepreis von Frankfurt, Brüder-Grimm-Preis, Heinrich-Mann-Preis – you name them.

«Und wie ein Galeerensklave habe ich dann rumgehackt und rumgesucht.»

Wissenschaftler Peter von Matt

Peter von Matt kann aber auch einfach geistreich plaudern. Und gesteht beispielsweise, wie es zum neusten Bestseller kam: Sein Verleger kam vor einem Jahr und mahnte, dass von Matt ja bald 80 sei und der Hanser-Verlag ein neues Buch brauche. «Und wie ein Galeerensklave habe ich dann rumgehackt und rumgesucht.» Der Titel stand schon früh, «ein Lockvogel, klar, denn das klingt doch besser als sieben Kühe oder so.» 

Storyteller und politischer Sich-Einmischer

Von Matt ist nicht der seichte Storyteller, sondern immer auch der politische Sich-Einmischer: Auf dem Rütli sprach er über die Kraft der Mythen bei der politischen Willensbildung, zum NZZ-Jubiläum über die Sprache in der Demokratie. Zum 100. von Max Frisch über die Schrecken der Vollkommenheit. Und am Samstagabend im Hotel Hammer über die allgegenwärtige Küsserei.

Volles Haus für den «Kussprofi» Peter von Matt: «Salle Modulable» des Hotel Hammer, hoch oben im Eigenthal bei Kriens.
Volles Haus für den «Kussprofi» Peter von Matt: «Salle Modulable» des Hotel Hammer, hoch oben im Eigenthal bei Kriens. (Bild: hae)

Der Luzerner Denker ist dabei stets ein patriotischer Kritiker, ein kritischer Patriot. Er weiss: Wem Küsse heilig sind, der darf über den Liebesverrat nicht schweigen. Wer Berge liebt, muss Umweltsünden thematisieren. Von Matt macht das. Er ist ein liebender, ein küssender und vor allem immer wieder neu denkender Berg in unserem Land. Der vieles überragt. Auch wenn er dann nach der grossartigen Lesung eher klein und eingefallen an der langen Dinner-Tafel im Hotel sitzt. 

Poetisch aufgehübschter Viergänger

Nach der Lesung umschwärmen seine Fans den 80-jährigen Literaten am grossen Tisch des hölzigen Speisesaals im urchigen Hotel Hammer hoch oben im Eigenthal. Sie geniessen das Menü – Käsenascherei, Kürbissuppe, Geschnetzeltes mit Luzerner Edelpilzen und hausgemachten Marroni-Nüdeli und Heidelbeer-Baisers – das Juliana Hammer, die Hofdame des Hauses, dem Anlass gerecht zum poetischen Viergänger aufgehübscht hat.

Der Autor und seine Fans: So nah kommt man einem Autor selten.
Der Autor und seine Fans: So nah kommt man einem Autor selten. (Bild: hae)

Da stehen die vier Gerichte auf der liebevoll gestalteten Speisekarte dann neben einem Gedicht von Franz Grillparzer unter den Titeln: «Wohlgefallen, Sehnsucht, Begierde, Raserei». Man freut sich auf diese Raserei am Ende, schlemmt, trinkt viel Wasser und noch mehr spanischen Rotwein. Und man lauscht, was der Professor und seine junge Interviewerin sonst noch aus ihrem alltäglichen Leben zu berichten haben. 

Kann die Kunst des Lesens und Signierens: Peter von Matt, einstiger Dozent an der Uni Zürich.
Kann die Kunst des Lesens und Signierens: Peter von Matt, einstiger Dozent an der Uni Zürich. (Bild: hae)

Kuss-Orgie

Das Wort wurde Fleisch. Der Kuss wurde Liebe. Und Literatur Leidenschaft. Am Anfang war das Wort. Am Ende könnte es eine Umarmung sein, so glücklich macht man sich dann nach dieser Kuss-Orgie auf den Nachhauseweg.

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