Lejla Kalamujic lebte ein halbes Jahr in diesem Atelier-Haus im Gelände des Klosters Maria Opferung. (Bild: mbe.)
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Lejla Kalamujic lebte ein halbes Jahr in diesem Atelier-Haus im Gelände des Klosters Maria Opferung. (Bild: mbe.)

«Am meisten vermissen? Die Sonnenuntergänge über dem Zugersee»

10min Lesezeit

Lejla Kalamujic ist eine der bekanntesten post-jugoslawischen Schriftstellerinnen der jüngeren Generation. Aus dem ehemaligen Kriegsschauplatz Sarajevo kam sie im Mai 2017 ins friedliche Zug, wo sie ein halbes Jahr an ihrem nächsten Buch arbeitete. Wie erlebt Kalamujic ihre temporäre Heimat?

Die 37-jährige Lejla Kalamujic tauschte die letzten Monate ihr Zuhause in einem sozialistischen Plattenbau Sarajevos mit einer gemütlichen Dachwohnung auf dem Gelände des Franziskanerinnen-Klosters Maria Opferung.

Die Landis & Gyr Stiftung hat sie als sogenannte Writer-in-Residence eingeladen. Sie fördert damit auf der einen Seite Kulturschaffende, nimmt aber dabei auch gerne in Kauf, wenn diese in Zug etwas bewegen oder Impulse aus der Zentralschweiz in ihr Schaffen aufnehmen.

Lejla Kalamujic wohnt im Rahmen ihres Stipendiums noch bis Ende Monat in Zug. Am 23. Oktober kann man sie an einer Lesung kennenlernen (siehe Box). zentralplus hat sie im Kloster besucht.

zentralplus: Lejla Kalamujic, wie sind Sie zum Stipendium in Zug gekommen?

Lejla Kalamujic: Faruk Sehic, der auch in Zug war, hat mich empfohlen. Ich war letztes Jahr wegen meines Buchs «Mein Name sei Esteban» am Literaturfestival Basel eingeladen und weilte damit das erste Mal in der Schweiz. Daraufhin lud mich die Landis & Gyr Stiftung nach Zug ein, wofür ich sehr dankbar bin. Davor war ich für kürzere Stages von einem, zwei Monaten bereits in Pristina, Belgrad, Kroatien und Wien, so schlage ich mich als hauptberufliche Schriftstellerin durch. Zug ist aber mit sechs Monaten Jahr der längste Aufenthalt und meine längste Abwesenheit von zuhause.

zentralplus: Vermissen Sie Sarajevo?

Kalamujic: Es geht, ich bin ja jeden Abend per Skype oder Whatsup im Kontakt mit meiner Freundin und der Familie verbunden. Ich vermisse sie und meine Katze, Kiki.

zentralplus: Was waren Ihre ersten Eindrücke, als Sie im Mai 2017 in Zug ankamen?

Kalamujic: Aus unserer Sicht ist alles sehr teuer. Ich verstehe das, weil euer ökonomischer Standard natürlich viel höher als derjenige von Bosnien, doch auch die Saläre sind sicherlich besser. Mein erster Eindruck war der Zugersee, den fand ich einfach fantastisch! Im ersten Monat ging ich jeden Tag zwei Mal an den See, er war wie ein Wunder für mich. In Sarajevo haben wir einen trüben Fluss, die Miljacka, welcher durch die Stadt fliesst, der ist aber absolut nicht vergleichbar mit eurem See.

zentralplus: Was ist Ihnen sonst noch aufgefallen?

Kalamujic: Ich realisiere die Kleinheit der Stadt Zug und ihre gleichzeitige Internationalität. Ich hörte Deutsch, aber auch Englisch, was ich angenehm finde. Ich höre aber auch oft meine Sprache.

 

Lejla Kalamujic an ihrem Arbeitsplatz neben dem Fenster. In Zug hat sie an ihrem nächsten Buch gearbeitet
Lejla Kalamujic an ihrem Arbeitsplatz neben dem Fenster. In Zug hat sie an ihrem nächsten Buch gearbeitet (Bild: mbe.)

zentralplus: Inspiriert Sie Zug für Ihre schriftstellerische Arbeit?

Kalamujic: Ja. Ich liebe diesen Ort hier im Klostergelände, die Stille und den Frieden, es ist ein grossartiger Platz zum Schreiben. Man ist abseits und doch in fünf Minuten in der Stadt.

«Ich liebe diesen Ort hier im Klostergelände, die Stille und den Frieden.»
Lejla Kalamujic, Schriftstellerin aus Sarajevo

zentralplus: Wie muss man sich den Tagesablauf einer Schriftstellerin vorstellen?

Kalamujic: Am Morgen arbeite ich einige Stunden, dann bereite ich mein Mittagessen vor. Zirka um 16 bis 17 Uhr gehe ich laufen, meistens nach Baar und wieder zurück. Ich trinke einen Kaffee im Plaza oder im Spago. Abends spreche ich meistens mit Freunden oder der Familie über Skype, dann arbeite ich wieder ein paar Stunden, bevor ich mich schlafen lege.

Zur Person

Lejla Kalamujic (37) schreibt Prosa, Essays und Reviews für Magazine und Webseiten in Sarajevo. Ihr auf Deutsch übersetzter Kurzgeschichtenband «Mein Name sei Esteban» handelt von der Suche der Autorin nach der früh verlorenen Mutter. Zugleich ist es ein Buch über die Suche nach neuen Formen der Gesellschaft und nach der eigenen Identität. Kalamujic wurde 2015 für den European Union Prize for Literature nominiert.  Am 23. Oktober kann man sie an einer Lesung mit der jungen Schriftstellerin Meral Kureysh aus Bern im Theater Burgbachkeller kennen lernen. Beide Autorinnen sind in einem multikulturellen Umfeld aufgewachsen und vom Krieg geprägt.

zentralplus: Haben Sie neue Kontakte in Zug gefunden oder leben Sie ähnlich wie die Nonnen?

Kalamujic: Ich beobachte mehr, als dass ich mit den Leuten in Kontakt trete. Aber ich bin ja nicht die einzige Stipendiatin, es hatte auch Personen aus Griechenland, Rumänien und Ungarn. Wir haben uns angefreundet, trafen uns, kochten zusammen, wenn wir nicht gerade arbeiteten.

zentralplus: Haben Sie Kontakt zu den Nonnen?

Kalamujic: Im Kloster leben noch fünf bis sechs Franziskanerinnen, sie mischen sich hier nicht ein, aber wir haben manchmal sehr netten Kontakt. Vor allem Schwester Anna ist grossartig, sie hat uns willkommen geheissen und uns alles gezeigt.

zentralplus: Sie leben in einem Klostergelände und in der Altstadt Zug wimmelt es ebenfalls von Kirchen und Kapellen. Erleben Sie Zug als eine religiöse Stadt?

Kalamujic: Natürlich hat Zug einen religiösen Background, aber ich kann nicht sagen, ob die Leute wirklich religiös sind oder ob es einfach das historische Erbe ist.

«Ich hasse es, wenn Religionen benutzt werden, um Hass zu verbreiten.»

zentralplus: Sind Sie selber religiös?

Kalamujic: Nein. Ich hasse es, wenn jegwelche Religion benutzt wird, um Hass zu verbreiten, wie es in meinem Land passiert. Religionen und rechtspopulistische Parteien tuen alles, um uns zu trennen. Dazu müssen Sie wissen: Ich entstamme einer gemischten Ehe. Mein Vater ist moslemisch, meine Mutter war serbisch-orthodox. Früher spielte das keine Rolle. In Bosnien-Herzegowina ist es heute ein Problem, denn wir religiösen und ethnischen «Mischlinge» gehören keiner konstituierenden Volksgruppe an. Wir werden als «die anderen» bezeichnet, die zum Beispiel nicht fürs Präsidentenamt kandidieren können. Deshalb bezeichne ich mich auch nicht nur als Bosnierin. Post-jugoslawische Schriftsteller wie ich versuchen sich über die Ländergrenzen zu vereinen. Mein letztes Buch zum Beispiel wurde in drei Ländern publiziert.

«In Sarajevo gibt es viele Neureiche. Ich sehe in Zug keine Zeichen von offensiv ausgestelltem Reichtum.»

zentralplus: Sie kommen aus einem Land mit massiven wirtschaftlichen Problemen. Wie kommt Ihnen der Wohlstand in Zug rein?

Kalamujic: In Sarajevo gibt es viele Neureiche, die im Krieg plötzlich zu Geld gekommen sind und mit extravaganten Häusern oder teuren Autos protzen. Davon spüre ich nichts in Zug, ich sehe keine Zeichen von offensiv ausgestelltem Reichtum.

zentralplus: Können Sie sich eigentlich etwas leisten mit ihrem Stipendium, wieviel bekommen Sie?

Kalamujic: 2000 Franken im Monat. Das ist für mich absolut in Ordnung, ich habe keine grossen Ansprüche.

zentralplus: Haben Sie auch ein wenig Deutsch gelernt in dieser Zeit?

Kalamujic: Ich spreche ein wenig Deutsch, weil ich es früher in der Schule lernte, aber es ist Hochdeutsch. Schweizerdeutsch verstehe ich nicht, das unterscheidet sich stark. Aber ich habe mir vorgenommen, in Zukunft Deutsch zu lernen.

zentralplus: Was werden Sie vermissen, wenn Sie Ende Oktober wieder nach Sarajevo zurückkehren?

Kalamujic: Ein halbes Jahr ist genug, dass man sich an einem Ort zuhause fühlt, und das tue ich bereits. Ich werde vor allem meine Spaziergänge am See vermissen. Ebenso die Sonnenuntergänge und die Lichter von Cham, die ich abends von meinem Dach-Fenster aus sehe.

«Egal, welche Religion es ist, in der Ablehnung der Homosexualität sind sie sich alle einig.»

zentralplus: Wovon handelt Ihr nächstes Buch, an dem Sie in Zug geschrieben haben?

Kalamujic: Mein nächstes Buch wird vom nicht immer einfachen Leben der «queer people» (Homosexuelle) in drei Zeitepochen im ehemaligen Jugoslawien handeln: Im Zweiten Weltkrieg, im sozialistischen Jugoslawien und in den heutigen Nachkriegs-Staaten. Ich stehe auf Frauen. Im sozialistischen Jugoslawien sprach man einfach nicht von der sexuellen Orientierung.

Nach den Balkan-Kriegen machten sich Schwule und Lesben erstmals in der Öffentlichkeit bemerkbar, sie organisierten sich und gründeten Gruppen. Es hat sich vieles getan, auch im Hinblick auf Partnerschaften in den Ländern des Westbalkans. Bosnien ist da aber die Ausnahme. Es gibt aber auch viel mehr offene Aggression gegen uns. Die Religionen bestätigen vor allem die ländliche konservativen Bevölkerung in ihren Vorurteilen. Egal, welche Religion es ist, in der Ablehnung der Homosexualität sind sie sich alle einig.

Die Ateliers der Landis & Gyr Stiftung im Kloster Maria Opferung

Die Schriftstellerin aus Bosnien-Herzegovina lebt zwar nicht direkt im Klostergebäude der Franziskanerinnen, aber auf dem Gelände. Die Landis & Gyr-Stiftung hat das gelbe Haus oberhalb des Klosters gemietet und beherbergt dort Stipendiaten aus verschiedenen Ländern. Es gibt eine Gemeinschafts-Küche und einen schönen getäferten Raum mit Kachelofen und Bibliothek, wo die Schriftstellerinnen und Übersetzerinnen essen, sich treffen und arbeiten können. Jede hat ein eigenes kleines Studio.

Lejla Kalamujic schreibt an einem neuen Roman, der im Frühling 2018 erscheinen soll. «Ich habe rund die Hälfte während meiner Zeit in Zug geschafft», sagt die junge Frau. Ihr Notebook steht auf einem kleinen Pult neben dem Dachfenster, von dem sie eine schöne Aussicht auf die Kirche St. Michael und den Zuger-See geniesst. Neben dem Pult liegt ein Päckchen Zigaretten der Marke «5.50», die günstigste erhältliche Marke in Zug. In den Balkanländern wird im Gegensatz zur Schweiz immer noch viel geraucht. Die früher sehr tiefen Preise von Zigaretten steigen jedoch auch dort langsam an.

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