Der Freak-Power-Sänger ist das erste Mal auf dem Pilatus – und kann die erste Probe in Luzern kaum erwarten. (Bild: jwy)
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Der Freak-Power-Sänger ist das erste Mal auf dem Pilatus – und kann die erste Probe in Luzern kaum erwarten. (Bild: jwy)

Ashley Slater singt über Liebe, explodierende Herzen und Politik

10min Lesezeit

Die Schüür ist 25 Jahre alt – und wagt für das Jubiläum ein grosses Experiment: Ashley Slater, Sänger der britischen 90er-Band Freak Power, trifft auf die Luzerner Musikszene. Wir waren mit ihm auf Sightseeingtour und hörten in eine Probe rein.

Eine prägnante Hornbrille, verschmitztes Lächeln auf den Lippen, schwarzes Hoody: Das ist also der Mann, der in den 90ern mit seiner Band Freak Power die Konzertsäle zum Kochen brachte. «Veni, vidi, funky» steht auf dem Facebook-Profil von Ashley Slater – Sänger, Songwriter, Posaunist. Doch eigentlich ist der Mann nur eins: Rock'n'Roll. Das betont er an diesem Nachmittag immer wieder. Und jeweils schickt er sein tiefes, brummendes Lachen hinterher.

Jetzt sitzt Slater in der steilsten Zahnradbahn der Welt und ruckelt den Hang Richtung Pilatus hoch. Er, der im englischen Brighton lebt, ist ehrlich fasziniert von den schroffen Felsen. «Es ist das erste Mal, und vielleicht das letzte Mal, dass ich auf den Pilatus steige», sagt der 56-Jährige – und lacht laut.

Ashley Slater lebt in Brighton, die Aussicht vom Gipfel beeindruckt ihn.
Ashley Slater lebt in Brighton, die Aussicht vom Gipfel beeindruckt ihn. (Bild: jwy)

Bleibende Schweizer Konzerte

Slater hatte Freak Power mit Norman Cook gegründet, der später als Fatboy Slim durchstartete. Die Band spielte 1995 in der Luzerner Schüür, drei Jahre nach deren Eröffnung, ein Konzert «so hitzig wie der soeben erwachte Vorsommer, so trunken wie das Blau des Himmels und so kraftvoll wie die frisch erwachten Lebensgeister», so die LNN damals begeistert.

«Songs, die aus dem Kampf heraus geboren wurden, sind die stärksten Songs.»

Ashley Slater, Musiker

Es waren die grossen Freak-Power-Zeiten: Ein Jahr später spielten sie als Hauptact auf der Bühne des Openair St. Gallen einen «bloody epic Gig» nach B.B. King und den Red Hot Chili Peppers, erinnert sich Slater. «Es ist seltsam, die meisten Konzerte, an die ich mich erinnere, waren in der Schweiz – und ich weiss nicht, warum.» Er erzählt von einem Konzert mitten im Nirgendwo mit 400 durchgeknallten Leuten, «weggetreten von ihrem selbstangebauten Gras». Zudem spielten sie das letzte Konzert überhaupt hierzulande, 1999 löste sich die Band auf.

Hartes Musikerleben in England

Nun also kehrt Slater nach Luzern zurück, um das 25-Jahr-Jubiläum des Konzerthauses Schüür zu zelebrieren. Er wird am Samstag mit etlichen Luzerner Musikern auf die Bühne steigen und ein Freak-Power-Set spielen, das es in dieser Form nur an diesem einen Abend geben wird (siehe Box am Textende). «It's so cool, über 20 Jahre später zurück zu sein», sagt er. Wenn man in der Schweiz spiele, wisse man, dass alles stimme: der Sound, das Publikum, das Essen. «Darum kommen britische Musiker so gern hierher. In England wirst du als Musiker behandelt wie ein Stück Scheisse», sagt er unverblümt.

3 Fragen an Ashley Slater:

 

Eine ganze Woche ist er hier, um mit den Luzerner Musikern zu proben – «I can't wait for that», sagt er nach monatelanger Vorarbeit: «Es öffnet mir die Augen, ich lerne Neues und treffe grossartige Menschen.» Doch zuerst bleibt noch Zeit für Sightseeing. Es herrscht perfektes Wetter, als wir oben auf dem Pilatus ankommen.

Zur Person

Ashley Slater, 1961 in Kanada geboren, in Kalifornien aufgewachsen und später nach Schottland ausgewandert. Dort spielte er zuerst in der Armeeband Posaune. Er studierte Orchester-Musik und trat in den 80ern der Big Band Loose Tubes bei. Neben etlichen anderen Bands gründete er 1993 Freak Power. Nach deren Auflösung 1999 widmete er sich Soloprojekten, vor allem im Jazzbereich. Heute lebt er als Musiker, Sänger, Sprecher und Komponist in Brighton, England.

Ein Kampf in England

Die Dolen kurven um die Flanken, ein Gleitschirm tut es ihnen gleich, und ein Alphornbläser weckt Slaters Aufmerksamkeit – «sounds like a huge French Horn». Slater ist ein überaus sympathischer und interessierter Zeitgenosse. Er fragt, ob man stolz sei, Schweizer zu sein, wie der Zusammenhalt der Landesteile funktioniere und was das für schneebedeckte Berggipfel am Horizont seien.

Immer wieder spricht er über Politik: den Brexit, Kinder in Armut, den Aufschwung der Populisten. Er hat nicht viele gute Worte übrig für die aktuelle Lage in England und nervt sich hörbar.

Das Leben in England sei «ein verdammter Kampf», so Slater. «Aber gerade darum produzieren wir die besten Soldaten, die besten Musiker und die besten Filmschaffenden.» Und er beginnt in selben Atemzug amüsiert über die Zivilisierung der WCs zu reden.

Musiker und Tourist: Ashley Slater in der Pilatus-Bahn.
Musiker und Tourist: Ashley Slater in der Pilatus-Bahn. (Bild: jwy)

Bald eine neue Freak-Power-Scheibe

Slater ist durch und durch ein politischer Mensch – und so ist es auch seine Musik, damals wie heute: «Wenn meine Songs nicht von Liebe und explodierenden Herzen handeln, dann ist es Politik», sagt er. Man komme nicht drum herum, Politik betreffe jeden Aspekt des Lebens – auch die Musik. «Songs, die aus dem Kampf heraus geboren wurden, sind die stärksten Songs.»

Schon Freak Power habe in den 90ern immer eine revolutionäre Message gehabt, vorzugsweise ging's um Drogen oder Politik. «Aber Drogen interessieren mich heute nicht mehr», so Slater. Nun erwachen Freak Power also am Samstag in Luzern zu neuem Leben – zugleich arbeitet Slater an neuen Songs und kündigt für nächsten Frühling eine neue EP mit Freak Power an. Es wäre die erste neue Scheibe seit 1997.

Der grösste Hit von Freak Power war «Turn on, Tune in, Cop out» von 1995:

 

Ein grossartiges Leben

Slater bezeichnet sich heute als «Jobbin' musician», er lebt von Kompositionen, Voice-overs, Posaunen-Parts und anderen Aufträgen, die er in seinem Home Studio aufnimmt. «Ich bin nicht die reichste Person der Welt, aber ich habe ein grossartiges Leben, weil ich immer wieder etwas anderes machen kann.» Viele Leute wüssten mit 40 noch nicht, was sie mit ihrem Leben anfangen sollten. Dieser Glückspilz kann sagen: «Ich wusste immer, es ist Musik.»

Der Kontakt nach Luzern kam über Facebook zustande und dank Schüür-Leiter Marco Liembd, den er in höchsten Tönen lobt. «Er ist ein Botschafter für eure Stadt.» Und Liembd war es, der lange vor seiner Schüür-Zeit Freak Power 1996 am Openair St. Gallen sah, er war nachhaltig beeindruckt.

An der Probe gilt's ernst

Szenenwechsel – ein Tag später: Ashley Slater versammelt sich am Mittwochabend mit einer Gruppe zur Probe: Christov Rolla (Tasten), Martina Berther (Bass), Franziska Staubli (Gitarre) und Nick Furrer (Schlagzeug) sind da sowie ein 20-köpfiger Chor, den Rolla extra für diesen Auftritt zusammengestellt hat. Bekannte Gesichter aus Musik und Theater. Eine gespannte und neugierige Stimmung herrscht – noch niemand weiss genau, was nun passieren wird.

«Glaubt mir, das wird harte Arbeit!», sagt Slater zur Truppe und man merkt ihm die Freude darüber an. Sogleich legen sie los: Die Songs sitzen, der Chor und die Band haben gute Vorarbeit geleistet. Slaters Power-Stimme fügt sich wunderbar in den lockeren Groove und den Chor. «Lovely, I like it», sagt Slater nach dem ersten Song und strahlt. Er motiviert die Singenden zu mehr «Punch»: «Das ist kein Musical, das ist Funk!»

Jetzt gilt's ernst: Ashley Slater (am Mikrofon) mit Band und Chor an der Probe.
Jetzt gilt's ernst: Ashley Slater (am Mikrofon) mit Band und Chor an der Probe. (Bild: jwy)

Ashley Slater ist ganz in seinem Element und hat eine ansteckende Energie und Motivation. Man bekommt an dieser Probe eine Ahnung davon, was da in der Schüür alles passieren kann.

Rock'n'Roll, definitiv

Was erwartet Ashley Slater vom Auftritt am Samstag? «Ich bin überzeugt, dass es episch wird», sagt er unbescheiden. «Jeder Beteiligte ist auf der Höhe seines Könnens, das ist für mich ein fantastisches Geschenk.» Wenn man Musik möge, werde man diesen Gig lieben, selbst wenn man Freak Power nicht kenne.

Die Proben laufen:

 

Er möge es einfach, seine Musik mit anderen Musikern zu teilen – und natürlich mit dem Publikum. «Musik ist Entertainment, wenn ich nicht zu dir spreche mit meiner Musik, mache ich meinen Job nicht», sagt er. All die Musiker, die für sich selber spielten, findet er «Bullshit!». «Du musst lieben, was du tust – wenn nicht, fuck off.»

Er vertraut dabei voll auf das Freak-Power-Material, auch über 20 Jahre danach: «Es sind einfach gute Songs mit Texten, die etwas bedeuten – es ist nicht einfach Pop, sondern Rock'n'Roll», sagt er und überlegt. «Ich bin Rock'n'Roll, definitiv.» Und er lacht sein heiseres, tiefes, entwaffnendes Lachen.

Konzert: Freak Power featuring Luzern

Mit fünf Luzerner Formationen spielt Ashley Slater am Samstag in der Schüür ein Freak-Power-Set. Auf der Bühne stehen alte und neue Gesichter der Luzerner Musikszene: Hanreti, Reto Burrell & Band, Kackmusikk, Krankenzimmer 204, Christov Rolla, Martina Berther, Franziska Staubli, Nick Furrer, Stoph Ruckli, Fredy Studer, Philippe Burrell, Valerie Koloszar (Pink Spider), Spinning Wheel und ein ganzer Chor. Danach gibt's DJs sowie ein Mitternachtskonzert mit 7 Dollar Taxi. Samstag, 14. Oktober, 21 Uhr, Schüür Luzern.

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