So sieht die «Fruchtbarkeit» im Daheim Park aus. (Bild: mam)
Kultur Kunst

So sieht die «Fruchtbarkeit» im Daheim Park aus. (Bild: mam)

Nackte Frauen, versaute Brunnen und ein Mann mit Ständer

9min Lesezeit

Zug: Eine emsige, kleine Handelsstadt mit streng katholischem Hintergrund. Gibt es da Platz für erotische Kunst und die Darstellung von nackten Körpern im öffentlichen Raum? Ja! Mehr, als man sich träumen liesse. Wir stellen Zugs Nackte vor.

Markus Mathis

Ein Escortservice – das ist das Resultat unserer Google-Suche nach «erotischer Kunst» und «Zug». An zweiter Stelle erscheint das Kunsthaus Zug, zu dem wir später kommen. Denn auf der Suche nach Kunst mit Nacktheit und Erotik im öffentlichen Raum von Zug stossen wir schnell einmal auf Ulla.

1. Die nackte Frau

«Ulla» heisst eine 1969 entstandene Plastik des Luzerner Bildhauers Rolf Brem (1926 -2014), die auf dem Siemens-Areal steht und der Kulturstiftung Landis & Gyr gehört. Sie ist eine stehende, nackte Frauenfigur, «mit zartem Körper und leicht geöffnetem Mund», wie wir auf der Homepage der Stadt Zug lesen. Sie sei ein typisches Produkt Brems Schaffen: «Die Plastik ist mehr als nur die Nachbildung einer Aussenhülle; sie lebt, weil sie Charakter ausdrückt.»

«Ulla» von Rolf Brem.
«Ulla» von Rolf Brem. (Bild: zvg)

2. «Fruchtbarkeit» und «Kraft» im Daheim Park:

Im Jahr 1907 war die Gesellschaft noch nicht übersexualisiert – sondern eher prüde. Das erschliesst sich aus den beiden Skulpturen von Johann Michael Bossard (1873-1950) im Daheim Park, die «Kraft» und «Fruchtbarkeit» heissen und einen Mann sowie eine Frau darstellen. Die sind zwar beide nackt, aber die leicht verwitterten Muschelkalk-Gestalten wirken auch nicht speziell erotisch – aber vermutlich war das in der Zeit des Symbolismus noch anders.

Das Gemächt von «Die Kraft».
Das Gemächt von «Die Kraft». (Bild: mam)

3. Die riesige Scham

Die Frage, ob Nacktheit auch gleich Erotik ausdrückt, stellt sich noch mehr beim nächsten Objekt, das vom Luzerner Künstler Rudolf Blättler (geboren 1941) stammt und ein wenig versteckt im Berglipark (hinter dem Parkhotel) steht. Es heisst «grosses Weib», wurde 1988 geschaffen und zeigt eine derbe Frau mit übergrossen Extremitäten und deutlich ausgebildeten Genitalien. Im Online-Kunstführer der Stadt wird ein «genaueres Hinschauen» gefordert: «Nur so erscheinen einem die zunächst wuchtigen Formen, ja ganz einfach auch die Schwere des Materials, in einer Art sanft und zärtlich, sogar vielleicht ein wenig mystisch.» Aber ist das auch erotisch? – Wohl eher nicht. 

«Das grosse Weib» von Rudolf Blättler.
«Das grosse Weib» von Rudolf Blättler. (Bild: zvg)

4. Der versaute Brunnen

Sex pur ist hingegen die «Drinking Fountain» (2003) des Künstlerpaars Ilya und Emilia Kabakov, das vor dem Bahnhof Zug steht. Der Kunstführer fragt nach einer langen Einleitung etwas verschämt: «Handelt es sich bei der vermeintlich abstrakten Form des Drinking-Fountain etwa um einen männlichen Unterleib? Ein Manneken-Pis-Brunnen in Gestalt einer modernen Skulptur? Eine Anspielung auch auf das skandalöse Urinoir des Kunstrevolutionärs Marcel Duchamp?» Ja, Leute, genau darum handelt es sich. Das Wasser wird zum Natursekt – der oder die durstige Reisende labt sich quasi am Strahl aus dem Genital. Und das ist noch nicht alles: Auch der Fuss des Brunnens ist eine erotische Anspielung – der Rasen steht dabei für Schambehaarung. Der Brunnen wäre in diesem Zusammenhang das Glied und die Fundation der Körper – ob weiblich, oder männlich ist der Fantasie der Betrachter überlassen.

Beim Manneken Pis in Brüssel kann man sich am Wasserstrahl nicht laben – bei der Zuger Version schon.
Beim Manneken Pis in Brüssel kann man sich am Wasserstrahl nicht laben – bei der Zuger Version schon. (Bild: mam)

5. Mann mit Ständer

«Aber das wird doch alles nur abstrakt angedeutet», werden Sie sagen. Nun, es geht auch sehr ausdrücklich – bei der Brunnenfigur des Peter Kolins auf dem Kolinbrunnen. Der hat – deutlich zu sehen – einen Ständer, oder bekommt gleich einen. Der Brunnen wurde im frühen 16. Jahrhundert erbaut und weist auf eine modische Eigenheit der damaligen Zeit hin: den Schambeutel oder die Schamkapsel. Die Herren trugen ihren Hosenlatz farblich abgesetzt und polsterten ihn aus. Die Polster hatten verschiedene Formen. Sie waren entweder rund, wie bei Kolin. Oder hatten eine Bananen- oder Gurkenform. Eine klare erotische Anspielung und ein sexueller Bluff – und das im frommen Mittelalter.

Mit Ständer in der Hose: Brunnenfigur des Peter Kolin.
Mit Ständer in der Hose: Brunnenfigur des Peter Kolin. (Bild: mam)

6. Die bekleidete Frau, die Reklamationen hervorrief

Wir wollen wissen, ob sich Passanten in Zug an den Nackten stören – und ob der sexuell aufgeladene Brunnen der Kabakovs zu Reaktionen unter der Bevölkerung geführt hat. «Nein», sagt Jacqueline Falk, die städtische Kulturbeauftragte, «die Anspielungen scheinen zu wenig offensichtlich zu sein.» Reklamationen habe es einzig wegen einer Skupltur gegeben, die am Weg in den Kindergarten im Daheim Park steht. «New Feelings» heisst sie, ist 2006 von der Hand des Inders Niranjan Pradhan erschaffen worden und zeigt eine elfenhafte Frauengestalt, die sich im Schneidersitz windet. «Ihre Nacktheit wurde kritisiert», sagte Falk. Jedoch: Wir schauen genauer hin und sehen die einzige Figur in dieser Aufzählung, die bekleidet ist – auch wenn ihr Oberteil ihre Rundungen erahnen lässt.

Erregte trotz Kleider Anstoss: Orientalische Schönheit des Inders Niranjan Pradhan.
Erregte trotz Kleider Anstoss: Orientalische Schönheit des Inders Niranjan Pradhan. (Bild: mam)

7. Egon Schieles Liebe zum weiblichen Körper

So viel zu den Plastiken. Nun machen wir uns auf die Suche nach erotischen Kunstwerken in Bildform. Unsere wichtigste Anlaufstelle: das Zuger Kunsthaus. Dort lagert die Sammlung Kamm, zu der auch viele Werke des österreichischen Expressionisten Egon Schiele (1890-1918) gehören. Schiele ist bekannt für seine weiblichen Akte, auf denen die weibliche Scham – in kräftigen Farben und prominent platziert – herausstechen. Auch das Kunsthaus besitzt solche Werke – ebenso wie zahlreiche Studien und Aktzeichnungen von Gustav Klimt (1862-1918), einem Sezessionisten wie Schiele. Nach beiden leckt sich das internationale Kunst-Publikum derzeit die Finger.  Aber, oh Schreck: Es gibt keine ständige Ausstellung der Sammlung Kamm, zu der Kunstfreunde aus aller Welt pilgern könnten. Deswegen lagern die Werke im Depot oder reisen gerade zu irgendeiner Ausstellung in einem Kunstmuseum rund um den Globus.

Egon Schiele:
Egon Schiele: "Liegender Akt mit grünen Strümpfen", Bleistift, Gouache, 1914. (Bild: Kunsthaus Zug)

8. «Die Sünde» und all die andern

«Wir stellen immer wieder einzelne Werke aus der Sammlung Kamm in Zug aus» sagt der Kunsthistoriker Marco Obrist, der im Kunsthaus die Sammlung und das Leihweisen betreut. Und auch wenn eine ständige Ausstellung der Sammlung zusammen mit einem neuen Kunsthaus Zug noch Zukunftsmusik ist, so sind die Werke der Sammlung doch über Internet einsehbar. Dort sieht man auch, wo die Zuger Bilder gerade hängen. In der Sammlung Kamm gibt es einige Bild-Erotika: Neben Schieles und Klimts Zeichnungen namentlich Edvard Munchs Litographie «die Sünde» (1901), sowie mehrere Drucke des Bordellmalers Henri de Toulouse-Lautrec (1864-1901), frühe Werke von Herbert Boeckl (1894-1966) und auch Akte von andern Expressionisten wie Otto Dix (1891-1969) oder Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938).

Edvard Munch: «Die Sünde», Lithographie, 1901
Edvard Munch: «Die Sünde», Lithographie, 1901 (Bild: Kunsthaus Zug)

Übrigens: Erotische Kunst gibt es auch in Luzern (zentralplus berichtete).

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