Cooles Trio mit viel Schubkraft: Schnellertollermeier. (Bild: zvg)
Kultur Konzertkritik

Cooles Trio mit viel Schubkraft: Schnellertollermeier. (Bild: zvg)

Hardcore-Massagen von Schnellertollermeier

4min Lesezeit

Boahhh – welch eine Schubkraft kann dieses Trio entfalten! Gleichzeitig tickt und verzahnt sich alles auf musikalisch hohem Level. Schnellertollermeier haben gestern im Südpol-Club ihr neues Album «Rights» getauft. Full House. Full Sound.

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Die Leute trudeln ein und werden immer mehr, bis sie um 22 Uhr dicht an dicht im Südpol Club stehen. Eine bluesig-folkige Gitarrenmelodie à la John Fahey zupft sich durch den Raum, man möchte am liebsten mit ihr auf einer Sommer-Veranda wegdämmern. Stattdessen wird es plötzlich still und dunkel, dann glimmen auf der Bühne die Silhouetten von Andi Schnellmann (b), David Meier (dr) und Manuel Troller (g) auf.
Das Konzert beginnt wie das neue Album, mit dem vertrackten Ticken von «Rights», jenem dramaturgisch grossartig gebauten Track, der in der Süpdol-Residenz von 2016 entwickelt wurde. Das Trio wirkt entspannt, nimmt sich Zeit, ist präzise und behutsam bei der Sache.
Eine längere Zeit wird das perkussive Grundmotiv durchgehalten und mit sanften Nuancen moduliert, bis die ersten gröberen Sound-Strom-Stösse eine Ahnung davon geben, wie viel Rock und Techno dieses Trio in den Knochen hat. Es ist ein Sound, der sowohl auf der Indie-Rock-Festivalbühne wie im Techno-Club funktioniert und mit seiner klug dosierten Dynamik und Wucht jedes Publikum mitreissen und zum Tanzen bringen müsste.

Kopfnicker-Modus

Es gibt Momente an diesem Auftritt, da geht der Sound direkt in die Physis über und zaubert einen big smile in den Club. Die Wellen aus Schall und Band-Energie massieren den Körper und bringen ganze Publikumsreihen in den Kopfnicker-Modus. Und manchmal spürt man, dass einen die Wucht dieses Trios völlig in den Rockschlund reissen könnte, in den Maelstrom des ewigen Glücks.
Aber die Band erfüllt nicht die herkömmlichen Hörerwartungen, lieber spart sie aus oder transformiert, was die herkömmlichen Rock-Klischees bereithalten. Um dann umso überraschender die alten Glücksgefühle wieder auszuschütten.

Liebe zum Detail

Das Trio spielt an diesem Abend alle Tracks des neuen Albums und überrascht in der Zugabe mit einem ganz neuen Track. Ein schlenkerndes und fast vergnügliches Techno-Stück ohne Rock- und Harmonie-Überbau, auf pure und verspielte Rhythmus-Sequenzen reduziert.
Volles Haus, tolle Stimmung: es war dunkel und laut beim Konzert der lokalen Helden.
Volles Haus, tolle Stimmung: es war dunkel und laut beim Konzert der lokalen Helden. (Bild: zvg / Südpol)
Schnellertollermeier, das machte dieser Gig im Südpol klar, haben ihren ureigenen Weg gefunden, Minimal-Ästhetik, Hardcore-Wucht, Rock-Feeling, Klang-Bewusstsein und Techno-Schub musikalisch so zu absorbieren und zu verdichten, dass ein ganz persönlicher Sound daraus wird. Die mechanisch tickernden Rhythmusstränge wachsen nicht maschinell-stur zusammen, sondern auf eine schön organisch-irdische Weise. Messerscharfe Riffs wechseln mit noisigen Soundscapes, die Liebe zum Detail verbündet sich mit dem Sinn für das grosse Ganze.

Zu gross fürs behagliche Musikstädtchen

Mit all diesen Qualitäten ist da in den letzten zehn Jahren in Luzern eine Band herangewachsen, die sich auf einen neuen Level katapultiert hat und eigentlich schon viel zu gross ist für unser behagliches Musikstädtchen. Andernorts treiben Schnellertollermeier das Publikum zum Ausflippen, in Luzern reagierte man bei aller Bewunderung mit der üblichen Zurückhaltung. Es war ein Hammerkonzert, dem mit den Aftershow-Sounds von Remo Helfenstein und dem coolen Duo Juan & Blerim eine musikalisch beschwingte Fortsetzung ab Plattenteller folgte. Ein bisschen Tanzen, ein bisschen Abhängen. Luzern lebt?

Pirmin Bossart

Dieser Beitrag ist in Kooperation mit null41.ch entstanden und kann auch hier gelesen werden.
 
Nächstes Konzert (im Raum Zentralschweiz): FR, 1. Dezember, Kulturwerk 118, Sursee.
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