Das Luzerner Theater gibt sich timburtonesk: Christine, gespielt von Verena Lercher. (Bild: Ingo Hoehn)
Kultur Theater Rezension

Das Luzerner Theater gibt sich timburtonesk: Christine, gespielt von Verena Lercher. (Bild: Ingo Hoehn)

Gotthelf im grausligen Wunderland

6min Lesezeit

Mit einem gigantischen Cross-over von Gotthelf über Buster Keaton bis hin zu Tim Burton läutete das Luzerner Theater am Freitagabend die Schauspielsaison ein. Das Grusical «Die schwarze Spinne» überrascht dabei nicht nur mit überdrehten Figuren und einer eigentümlichen Sprache, sondern auch mit einem eigenen Schluss. Doch wie viel Gotthelf steckt da noch drin?

Just eine Woche nach der Basler Premiere von Gotthelfs Novelle «Die schwarze Spinne» will es nun auch das Luzerner Team wissen. Hannes Oppermann, der leitende Dramaturg, spricht deshalb in seiner Einführung auch von einem regelrechten Gotthelf-Boom. Gleichzeitig warnt er jedoch all diejenigen vor, die sich auf eine textnahe Inszenierung freuten. Denn weder die idyllische Rahmenerzählung noch die zweite Binnenerzählung finden sich in der Luzerner Produktion wieder.

Stattdessen eröffnet Ueli Maurer (Yves Wüthrich) mit seiner 1.-August-Rede das Stück, wähnt Gotthelf auf seiner Seite und warnt mit erhobenem Zeigefinger vor Unglück, Tod und Terror. Inwiefern die Gestik der SVPler dabei oftmals etwas slapstickhaftes à la Buster Keaton aufweist, bringt Wüthrich in seiner Parodie gekonnt zum Ausdruck und sorgt für die ersten Lacher im Publikum. Dass es denn gerade Maurer selber ist, der mit seiner Tendenz zur Angstmacherei den furchterregenden Zapfen entfernt und die grässliche Spinne befreit, scheint sinnbildlich für das ganze Stück zu stehen.

Wie in Burtons Wunderland

Mit Maurers Befreiung der Spinne öffnet sich der Vorhang und damit eine faszinierende Welt von skurrilen Formen, dunklen Farben und übersteigerten Figuren. Es scheint, als tauche man in einen Film von Tim Burton ein. Das Bühnenbild gleicht mit seinem vom Nebel umhüllten Schloss und den umrissenen Felsen und Bäumen einer dunklen Märchenwelt.

«The castle is ready, the castle is nice, aber es isch z'heiss»

von Stoffeln alias Thomas Douglas

In Grusical-Manier werden die stark vom Original abweichenden Texte von den Schauspielern gesungen, geschrien und gestöhnt. Den unterschiedlichen Figuren meisselten die Regisseurin Barbara-David Brüesch und der musikalische Leiter Knut Jensen eine ganz eigene, oftmals auch äusserst humorvolle Sprache auf den Leib. So singt der boshafte von Stoffeln (Thomas Douglas), der etwas von der «Roten Königin» aus «Alice im Wunderland» hat, beispielsweise: «The castle is ready, the castle is nice, aber es isch z'heiss».

Die aufmüpfige Lindauerin Christine singt indes ihre eigene Version von James Browns «This is a man's world», worauf sie einen spontanen Applaus erntet. Die unterwürfigen, von Kröpfen geplagten Bauern verhalten sich herdenartig, sehr hektisch und chaotisch und bringen damit ihre Angst in allen Facetten zum Ausdruck. In einer ganz eigenen Liga spielt Lukas Darnstädt, der zugleich die Erzählerrolle, in welcher noch der Original-Gotthelf zitiert wird, und die Rolle des Grünen übernimmt. Er begeistert das Publikum mit seiner kalten, aber geschmeidigen Boshaftigkeit und spielt extrem ausdrucksstark und mitreissend.

Der Grüne (Lukas Darnstädt) im Mondschein.
Der Grüne (Lukas Darnstädt) im Mondschein. (Bild: Ingo Hoehn)

Das Publikum singt mit

Als nach Christines Handel mit dem Grünen tatsächlich alle 100 Buchen zu einem Schattenhang für von Stoffeln gepflanzt waren, glaubten die Bauern, den Grünen überlistet zu haben. Um den verlangten Preis des Grünen, ein ungetauftes Kind, nicht zahlen zu müssen, hatte der Pfarrer ab nun unmittelbar nach der Geburt die Taufe zu vollziehen.

Der gruselige, langhaarige und ebenfalls kropfgeplagte Pfarrer kam also in Slapstick-Manier zur Geburt gerannt und taufte, nach einigen Verwirrungen bezüglich des Namens (ein Wink auf die Rahmenerzählung), das Kind auf den Namen Hans und eröffnete gleich anschliessend die Messe: «Wir singen für den kleinen Hans Vers 1–22 …» Es werden Liedtexte verteilt und schmunzelnd singt das Publikum mit.

Ausgrenzender Umgang mit dem Fremden

Humorvoll gespickt mit unzähligen Pop-Kultur-Referenzen, von «I like» über «Matrix» bis Lady Gaga, bleibt das Stück aber nicht einer oberflächlichen Interpretation behaftet, sondern führt ganz tief in die dunklen Abgründe der menschlichen Psyche hinein. Gotthelf scheute es nicht, das Unaussprechliche zu benennen, und auch die Regisseurin Barbara-David Brüesch begibt sich tief hinein ins Makabre und Groteske.

Dabei wird die Thematik des Fremden im Stück bis ins Lächerliche überspitzt. Als Running Gag wird bei jeder Nennung des Begriffs des Fremden mit blinkendem Licht und Hupe davor gewarnt.

Da ist doch einiges an Tim Burton drin: Christine als Spinne (Verena Lerche).
Da ist doch einiges an Tim Burton drin: Christine als Spinne (Verena Lerche). (Bild: Ingo Hoehn)

Doch sind es wirklich die Fremden, die die Gefahr bringen? Oder nicht viel mehr die Art und Weise, wie damit umgegangen wird? In einer wunderschön märchenhaften Analpese zeigen die Protagonisten, wie die Lindauerin Christine sieben Jahre zuvor auf ein zutiefst verschlossenes und gänzlich fremdenfeindliches Emmentaler Dorf traf. Sie war nicht willkommen. Und genau vor diesem Hintergrund spielt das ganze Stück.

Denn das Grauen kommt nicht von aussen, wie Maurer dies im Vorspiel propagiert hatte, sondern aus dem Innern der Menschen selbst. Obwohl die Luzerner Inszenierung einem vielleicht befremdlich erscheinen mag, scheint dieses Befremdliche hier doch genau das wesentliche Moment des Stückes zu sein. Zwar nicht wortwörtlich Gotthelf – den kann man im Basler Theater sehen –, aber auf jeden Fall in seinem Sinne.

Die Bauern mit dem Teufel im Rücken.
Die Bauern mit dem Teufel im Rücken. (Bild: Ingo Hoehn)

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