V. l. n. r.: Autor Beat Vogt, Moderator Michael Zezzi und Stoph Ruckli, der die Lesung mit dem Bass begleitet hat. (Bild: Benedikt Troxler)
Kultur Rezension

V. l. n. r.: Autor Beat Vogt, Moderator Michael Zezzi und Stoph Ruckli, der die Lesung mit dem Bass begleitet hat. (Bild: Benedikt Troxler)

Familientragödie mit viel Sex und Fragen an die Justiz

5min Lesezeit

Der Luzerner Beat Vogt setzt sich in seinem Romanerstling kritisch mit dem Schweizer Justizsystem auseinander. Sind vor dem Gericht wirklich alle gleich? Diese Frage verwebt er in eine packende Familiengeschichte, deren Mitglieder sich in Lüge und Schuld verstricken. Am Mittwoch hielt Vogt die Buchvernissage.

Marlis Huber

«Es ist aus.» Mit diesen drei Worten beendet die Jurastudentin Eva ihre leidenschaftliche Liebesbeziehung mit dem Luzerner Strafrechtsprofessor Philipp. Mit einer E-Mail aus Nepal wendet sich Chris an seine 11-jährige Tochter Julia. Im dritten Kapitel besucht Maja ihren Chris im Gefängnis. Der Autor Beat Vogt stellt seine vier Hauptfiguren gleich zu Beginn mitten ins Geschehen, die beiden Erzählstränge liegen jedoch zwölf Jahre auseinander. Diese erzählerische Vorgehensweise sorgt sofort für Spannung, denn die evozierten Fragen verlangen nach Erklärungen. Auf den folgenden 200 Seiten werden die Rätsel nach und nach aufgelöst.

Buchvernissage im Neubad

Für sein Romanprojekt erhielt Beat Vogt vor zwei Jahren einen Förderbeitrag der Zentralschweizer Literaturförderung. Jetzt liegt das Buch druckfrisch auf dem Tisch und am Mittwoch stellte der 45-jährige Autor, der auch als Journalist für das Regionaljournal Zentralschweiz tätig ist, im Neubad seinen Erstling «Der Aussetzer oder die Resonanz einer Schuld» vor. Er sitzt entspannt im Sessel und sagt im Gespräch mit dem Moderator Michael Zezzi: «Ich wählte für meine Geschichte Luzern als Ort des Geschehens, weil ich hier alles kenne und ich so stimmungsvolle Szenerien schaffen konnte.»

Viel Sex

Gut über Sex schreiben, das ist nicht ganz einfach. Wie geht Vogt an diese Aufgabe heran? Er lässt darüber resümieren. Keine schlechte Lösung, weil diese indirekte Art es eher ermöglicht, den Tritt in die schlimmsten Fettnäpfchen zu umgehen. In der ersten Hälfte des Romans denken die Romanfiguren aber so viel über Sex nach, dass es zuweilen doch etwas billig daherkommt.

Beide Protagonistenpaare führen ein aktives Liebesleben, das eine aus leidenschaftlicher Verliebtheit, beim anderen ist der Sex hingegen Ausdruck einer zunehmenden Entfremdung. Dies zeigt sich etwa dann, wenn der Häftling über die Gefängnisbesuche seiner Frau nachdenkt: «Chris hätte nicht geglaubt, dass ihm seine eigene Frau so fremd vorkommen könnte. […] Und das war nicht, weil sie plötzlich aufreizende Dessous trug, Push-ups mit Spitzen, Strapsen, all die Dinge, über die sie sich früher lustig gemacht hatten. Es war auch nicht, weil sie sich rasiert hatte und ihm ihre Blösse regelrecht aufdrängte.» Ganz anders beim zwar altersmässig ungleichen, jedoch gut funktionierenden Paar an der Universität: Da laufen Sex und Arbeit Hand in Hand.

Schuld und Gerechtigkeit sind nicht messbar

Die ehrgeizige Studentin Eva will für ihre Masterarbeit die Statistiken über kriminelle Ausländer in der Schweiz kritisch unter die Lupe nehmen und dabei wird sie unterstützt von Professor Philipp Enz. Ihre Recherchen zeigen immer deutlicher, dass die statistischen Erhebungen erhebliche Mängel aufweisen und die Nationalität bei der Rechtsprechung eine wesentliche Rolle spielt.

«Evas Masterarbeit hätte für Aufruhr gesorgt, hätte das ganze dünkelhafte Rechtswesen erschüttert», ist sich der Strafrechtsprofessor noch sicher, nachdem Eva schon alles abgebrochen und ihn alleine zurückgelassen hat. Alles läuft also rund; bis aus den anonymen, statistischen Zahlen plötzlich menschliche Schicksale werden und Eva mit ihrer eigenen Familiengeschichte konfrontiert wird. Plötzlich lässt sich Schuld nicht mehr in Tabellen einfügen, eine gerechte Strafe nicht messen. «Es gibt keine Justiz, die dem Individuum gerecht werden könnte, dachte sie. Gerechtigkeit war eine Abstraktion, ein abgehobenes Spiel.»

Wie viel Wahrheit ist zumutbar?

So viel sei hier noch verraten: Hinter den zwei Beziehungsgeschichten verbirgt sich eine Familientragödie. Weil nach einem Konzert in der Schüür Chris, der vernünftige Mathematiker und Wissenschaftsjournalist, für einige Minuten die Kontrolle verliert, wird er zum rücksichtslosen Schläger. Nach diesem Aussetzer verfängt sich die Familie in ein perfekt inszeniertes Lügengebilde und kommt sich dadurch immer mehr abhanden. Wie viel Wahrheit darf einem Kind zugemutet werden? Diese und die Frage nach Gerechtigkeit sind die eigentlichen Dreh- und Angelpunkte des Romans.

Packendes Romandebut

Der Roman ist gut und packend geschrieben, mit der Geschichte greift Beat Vogt ein Thema mit Tiefgang auf. Er lässt ich jedoch kaum auf erzählerische oder sprachliche Experimente ein. Für eine literarisch versiertere Leserschaft dürfte der Roman daher etwas zu konstruiert, zu geschlossen sein. Nichtsdestotrotz: ein gelungenes Debut.  

Der Roman «Der Aussetzer oder die Resonanz einer Schuld» von Beat Vogt ist in der edition Bücherlese erschienen und hat 280 Seiten.

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