Ludwig Wicki vor dem Auftritt im Flecken Beromünster. (Bild: giw)
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Ludwig Wicki vor dem Auftritt im Flecken Beromünster. (Bild: giw)

Der Luzerner Dirigent, der antritt, die Konzertorchester zu retten

7min Lesezeit

James Cameron, Ennio Morricone, Howard Shore – er kennt sie alle. Kaum ein Schweizer ist derart gut mit Hollywood vernetzt wie Ludwig Wicki, Chefdirigent des 21st Century Orchestra. Der Luzerner ist ein Pionier, wenn es um die Aufführung von populärer Filmmusik geht. Nun könnte sein Rezept die Rettung der klassischen Konzertorchester sein.

Als kleiner Bub erhielt Ludwig Wicki eine Schallplatte mit Werken von Ennio Morricone, der mit seiner Filmmusik zum Spaghettiwestern «Spiel mir das Lied vom Tod» Weltberühmtheit erlangte. Seither brennt das Feuer von Wicki für die Musik und die epochalen musikalischen Werke des Kinos.

Als Wicki und eine Gruppe von Luzerner Berufsmusikern sich 1999 zusammenschlossen, um populäre Klassik zu spielen, sei diese Musik in Fachkreisen verpönt gewesen. Der künstlerische Leiter des 21st Century Symphony Orchestra und Stiftskapellmeister der Luzerner Hofkirche wollte ursprünglich Filmmusik studieren – doch das Fach war mit einem derart unterirdischen Ruf belegt, dass er stattdessen Posaune und Dirigieren an den Konservatorien Luzern sowie Bern lernte. «Zu Beginn des 21st Century Orchestra traute ich kaum darüber zu sprechen, weil ich mich beinahe schämte für unsere Arbeit.» Das herablassende Lächeln dürfte der Klassikelite inzwischen im Halse stecken geblieben sein.

Tabubruch Filmmusik

Heute füllt er die Konzertsäle der grossen Häuser rund um die Welt. Da ein Auftritt in der Royal Albert Hall in London, dort ein Konzert in Island und dazwischen erscheint er im Flecken in Beromünster (siehe Box). Wicki und sein Orchester haben bereits vor 10’000 Leuten gespielt – unglaublich für Orchestermusik. Menschen, die nie für Brahms, Holst oder Chopin ins KKL gehen, sind nun regelmässige Besucher im Konzertsaal.

«Minderwertige Musik führe ich nicht auf – ich habe das Glück, auswählen zu können.»

Ludwig Wicki

Die von ihm entwickelte Kombination aus Filmvorführung und Live-Orchester war Pionierleistung, Tabubruch und Klassenschlager zugleich. «Die Avantgarde der Klassik mag die Nase rümpfen, aber Film- und Gameindustrie haben die Orchestermusik gerettet.» Die populäre Klassik sei ein wichtiger Türöffner für junge Orchestermusiker.

Ausserdem handle es sich bei Komponisten populärer Werke um hervorragende Künstler und deren Kompositionen seien herausragend. Shore beispielsweise könne auch problemlos Zwölftonmusik komponieren. «Minderwertige Musik führe ich nicht auf – ich habe das Glück, auswählen zu können.» Dass Wicki einen Massengeschmack bediene, findet er überhaupt nicht verwerflich: «Immer schon mussten Musiker schauen, wie sie ihre Brötchen verdienen. Mozart, Verdi oder Beethoven schrieben früher für Adel oder Klerus.» Und er ist überzeugt, dass die Werke der Filmmusik zum musikalischen Kanon werden: «Vom 20. Jahrhundert bleiben die Beatles und die Filmmusik in Erinnerung.»

Zur Person

Ludwig Wicki, aufgewachsen in Neuenkrich, ist Stiftskapellmeister an der Hofkirche Luzern sowie künstlerischer Leiter des 21st Century Symphony Orchestra. Seit 2004 ist er ausserdem Dozent für Dirigieren an der Hochschule der Künste Bern. 2007 erhielt er den Annerkennungspreis der Stadt Luzern für sein Schaffen.

In den vergangenen Jahren hat sich Ludwig Wicki vermehrt der konzertanten Aufführung von Filmmusik gewidmet. Dabei arbeitete er mit renommierten Filmmusik-Komponisten wie Howard Shore, James Horner, Randy Newman, George Fenton, Michael Giacchino, Danny Elfman, Patrick Doyle, Alan Silvestri, David Newman und Martin Böttcher zusammen.

Er kennt die Stars in Hollywood

2008 bis 2010 leitete Ludwig Wicki die Weltpremieren der Filmtrilogie «The Lord of the Rings» im KKL Luzern, der ersten integralen Live-Aufführung der Filmmusik von Howard Shore. Seither holte er über 20 weltweite Premieren ins KKL. Auch die boomende Gameindustrie engagiert inzwischen Musikschaffende wie Hans Zimmer, um die Hintergrundklänge für ihre Spiele zu komponieren. Mega-Konzerne wie «Activision Blizzard» lassen ihre Games mit Live-Konzerten von klassischen Orchestern an Spielemessen bewerben.

Die Zusammenarbeit mit «Herr der Ringe»-Komponist Shore hat sich in den letzten Jahren intensiviert, es ist eine Freundschaft entstanden: Jedes Jahr nutzt er seine Ferien, um mit ihm zusammenzuarbeiten in den USA. Hier begegnete er im Laufe der Jahre vielen weiteren Grössen der Filmindustrie und setzte mit ihnen Projekte um. Mit seinem Idol Ennio Morricone verbindet ihn inzwischen eine enge Beziehung. Martin Böttcher, der Komponist der Winnteou-Filmmusik, schenkte ihm gar die Original-Partitur der Old-Shatterhand-Melodie. Und auch James Cameron, Regisseur von Filmen wie «Titanic» und «Avatar», kennt Wicki persönlich.

Ludwig Wicki (links) und Howard Shore nach der Weltpremiere von «Fellowship of the Ring» im KKL Luzern im Jahr 2008.
Ludwig Wicki (links) und Howard Shore nach der Weltpremiere von «Fellowship of the Ring» im KKL Luzern im Jahr 2008. (Bild: Priska Ketterer )

Tief verwurzelt in Luzern

Viele Hollywood-Grössen hat er bereits nach Luzern gebracht. «Der Wert dieser Kontakte ist für das KKL, die Musikszene sowie die Stadt selbst von unschätzbarem Wert.» So mühelos sich der Sohn eines Landwirtes aus Hellbühl zwischen dem kulturellen Jetset bewegt, so wichtig sind ihm auch kleinere Projekte, wie jetzt in Beromünster, für den 57-Jährigen.

«Ich bin ein süchtiger Musiker.»

Ludwig Wicki

Obwohl er sehr oft unterwegs ist, bleibt die Leuchtenstadt unbestritten seine Heimat: «Luzern ist mein Zentrum, ich liebe Leute und Landschaft und bin tief verwurzelt hier.» Er habe sich deshalb sehr gefreut, als man ihn für das multimediale Musik- und Theaterspektakel im historischen Zentrum von Beromünster anfragte: «Das ist echte Kultur.» Es gefalle ihm sehr, neue Dinge auszuprobieren. Speziell für die drei Konzerte hat Ludwig Wicki spezielle Sounds kreiert, die während der Vorstellung eingespielt werden.

Das Sozialleben leidet

Überdrüssig werde er der Arbeit mit seinem erfolgreichen 21st Century Orchestra nicht: «Das macht nur etwa 50 Prozent meines Schaffens aus.» Daneben ist ihm die Renaissancemusik sehr wichtig, die er als Stiftskapellmeister in der Hofkirche zelebriert. «Diese Abwechslung ist mir sehr wichtig.» Doch der unglaubliche Erfolg seines Schaffens ist nicht ohne Wirkung. «Es kann sein, dass ich nach einem Auftritt in Island um drei Uhr morgens zum Flughafen muss, dann um elf Uhr eine Probe in Zürich habe und am nächsten Tag im KKL dirigiere.» Um alles unter einen Hut zu bringen, müsse er sehr fokussiert sein.

Das hat seinen Preis: «Mein Sozialleben litt in den vergangenen Jahren sehr stark.» Das sei gerade für seine Familie schwierig. «Manchmal muss ich gar darum kämpfen, vier Stunden am Stück mit meiner Frau verbringen zu können», gesteht Wicki ein. Deshalb will er versuchen, etwas zurückzuschrauben. Ob ihm das gelingt? «Ich bin ein süchtiger Musiker», sagt Wicki von sich selbst. Und diese Leidenschaft treibt ihn an. Vielleicht hat sie ihn auch so weit gebracht. Derzeit kann er sich jedenfalls vor Anfragen kaum retten.

«Feuerwerk der Musik»

Mitten im historischen Flecken, dem Zentrum von nationaler Bedeutung mit seinen barocken Häuserzeilen, wurde vergangenes Wochenende «Feuerwerk der Musik» aufgeführt. Erzählt wurde die über 1000-jährige Geschichte von Beromünster mit Elementen der Blas- und Chormusik sowie Feuerwerk und Lichtshow in einer spannenden Erzählung. Alle drei Aufführungen waren ausverkauft.

Die Darbietung in Beromünster ist eine Mischung aus Schauspiel, Musik, Ton- und Lichtshow.
Die Darbietung in Beromünster ist eine Mischung aus Schauspiel, Musik, Ton- und Lichtshow. (Bild: giw)

 

 

 

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