Lia Bairu in ihrer neuen Heimat in Wolhusen. (Bild: Natalie Ehrenzweig)
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Lia Bairu in ihrer neuen Heimat in Wolhusen. (Bild: Natalie Ehrenzweig)

Vom eritreischen Popstar zum Flüchtling

4min Lesezeit

Seit 1986 gab es in der Schweiz gut 45'000 Asylgesuche von Eritreern. Eine davon war Lia Bairu. Die 48-Jährige hat nicht nur Freunde und Familie zurückgelassen, sondern auch ein Leben als berühmte Sängerin. Jetzt lebt sie in Wolhusen – und sehnt sich nach ihrem Mann und ihrer Arbeit als Sängerin.

Die Tourneen führten sie nicht nur auf dem afrikanischen Kontinent umher, sondern auch in die USA oder nach Kanada. Die Sängerin Lia Bairu ist ein Popstar in Eritrea. Schon als Jugendliche begann sie zu singen und zu tanzen, obwohl sie nicht aus einer musikalischen Familie stammt. «Dann konnte ich in einem Film mitmachen. Von da an stand ich in der Öffentlichkeit», erinnert sich die Eritreerin. Damals ist sie Anfang 20 und hat ihre eigene Band, mit der sie Jazz und Pop spielt. «Wir hatten viele Konzerte, auch in Europa», erzählt die 48-Jährige mit leuchtenden Augen. Überhaupt: Wenn Lia Bairu von der Musik spricht, verändert sich ihr Gesicht, sie lächelt oft.

Die Eritreerin wächst in einem Dorf etwa 30 Kilometer ausserhalb von Eritreas Hauptstadt Asmara auf. Ihre Eltern sind von Lia Bairus Wunsch, Musikerin zu sein, nicht sonderlich begeistert. «Keine Eltern wollen das für ihre Kinder. Aber einmal kamen sie alle an ein Konzert in den USA. Da hat meine Familie geweint, weil sie das grosse Publikum gesehen haben. Dann haben sie mich auch unterstützt», erzählt die Sängerin verschmitzt.

«Es war eine schwere Entscheidung»

Vor vier Jahren dann der grosse Schnitt in Lia Bairus Leben. Sie flieht in die Schweiz. «Ich liebe mein Land. Aber ich bin nicht mit der Regierung einverstanden», betont sie. Ihre Stimme wird sofort leise. Damals lässt sie ihren Mann und ihre Kinder in Eritrea und rettet sich in die Schweiz. «Ich lebe», antwortet die Sängerin auf die Frage, was ihr in der Schweiz gefalle. Über die konkrete Bedrohung, den spezifischen Fluchtgrund mag sie nicht reden.

Die Menschenrechtslage in Eritrea gilt als prekär. Trotzdem fällt auf, dass mehr Männer aus Eritrea in die Schweiz fliehen als Frauen. «Die Flucht ist gefährlich und hart, auch körperlich. Man geht tagelang durch die Wüste. Davor haben vielleicht viele Frauen Angst», vermutet sie. Über die Flucht selber mag Lia Bairu nicht reden. «Es war eine schwere Entscheidung. Ich verlor nicht nur mein Leben als Popstar, sondern auch meinen Mann und meine Kinder», betont sie. Inzwischen hat die 48-Jährige Asyl bekommen und konnte ihre beiden Söhne (23 und 16) zu sich nach Wolhusen holen. «Mein Mann kann zur Zeit leider nicht fliehen», sagt sie traurig. Immerhin könne sie ab und zu mit ihm telefonieren.

Momentan kann sie nicht singen

Dass Lia Bairu in der Schweiz gelandet ist, sei Zufall. Sie hätte nichts über das Land gewusst, bevor sie herkam. «Aber ich liebe es hier», sagt sie nachdrücklich. In der Schweiz besteht ihr Alltag vor allem darin, Deutsch zu lernen. Die Musik hat sie sozusagen in Eritrea gelassen. «Es ist schwierig, hier Musik zu machen. Man braucht Geld für Instrumente, Proberaum und so. Ausserdem war die Band wie eine Familie. Aber irgendwann einmal werde ich wieder singen. Das ist mein grosser Traum, denn ich vermisse die Musik sehr», sagt sie. Die Musik bedeutet für sie die Welt. «Liebe, Traurigkeit. Das alles ist in der Musik», schwärmt sie.

Obwohl sie Familie, Freunde und die Musik in Eritrea zurücklassen musste, bereut sie die Flucht nicht. «Ich fühle mich wohl hier. Die Menschen sind respektvoll und es ist ruhig. Natürlich vermisse ich trotzdem meine Heimat, das wärmere Wetter. Ja, sogar schlechte Sachen vermisst man manchmal», meint sie lächelnd. Aber Lia Bairu gibt sich grosse Mühe, im Jetzt zu leben. Und zuversichtlich nach vorne zu schauen: «Ich vertraue darauf, dass ich eines Tages wieder mit meinem Mann zusammen bin und wieder Musik machen kann.»

Eindrücke aus einem Live-Auftritt von Lia Bairu.

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