Marco Sieber, Produktionsleiter des Jazzfestivals Willisau. (Bild: Christine Weber)
Kultur Musik

Marco Sieber, Produktionsleiter des Jazzfestivals Willisau. (Bild: Christine Weber)

«Hässliche Bannerwerbung auf überkandidelten Lounges findet man hier nicht»

9min Lesezeit

Das Jazzfestival Willisau ist seit Jahrzehnten eine fixe Konstante in der Agenda: Fünf Tage Musik vom Feinsten. Produktionsleiter Marco Sieber erzählt, wie das Festival auf die Beine gestellt wird – und was er von einem Verbot von Handyaufnahmen hält.

zentralplus: Marco Sieber, das Jazzfestival Willisau findet zum 42. Mal statt. Welches sind dieses Jahr die Höhepunkte?

Marco Sieber: Ein gutes Festival hat keine Höhepunkte! Es spielt keine Rolle, ob ein international bekannter Musiker auf der grossen Bühne steht oder eine lokale Sängerin im Zelt auftritt. Jedes der 20 Konzerte hat den gleichen Stellenwert und trägt zu dem bei, was wir in Willisau wollen: fünf Tage lang gute und aufregende Musik. Die Idee ist: kommen, hören und sich überraschen lassen.

zentralplus: Wie unterscheidet sich Willisau von anderen Jazzfestivals?

Sieber: Die Musik steht im Zentrum. Bei uns gibt es kein Rahmenprogramm mit zum Beispiel Workshops oder Referaten. Und es fehlt auch jeglicher Klamauk. Der Fokus liegt ausschliesslich auf dem Konzerterlebnis.

Seit über 22 Jahren unterwegs: Peter Schärli, Glenn Ferris und Thomas Dürst. Sie eröffneten mit Hans-Peter Pfammatter das diesjährige Jazz Festival in Willisau. (Bild: Stoph Ruckli)
Peter Schärli, Glenn Ferris und Thomas Dürst eröffneten vergangenes Jahr mit Hans-Peter Pfammatter das Jazz Festival in Willisau. (Bild: Stoph Ruckli)

zentralplus: Aber auf das Ambiente legt das Festivalpublikum bestimmt Wert, oder?

Sieber: Das stimmt und wir geben uns extrem Mühe, dass die Atmosphäre stimmig ist. Von der Bühnendeko über den Gastrobereich bis zum gesamten Aussenraum ist alles sorgfältig inszeniert. Wichtig sind uns zudem lokale Produkte und hässliche Bannerwerbung auf überkandidelten Lounges findet man hier bestimmt nicht.

«Dass das Jazzpublikum ergraut ist, stimmt so nicht.»

Marco Sieber, Produktionsleiter Jazzfestival Willisau

zentralplus: Es gibt die Möglichkeit, auf dem Gelände zu campieren oder im Massenschlag zu übernachten. Wird das genutzt?

Sieber: Ja, die Übernachtungsgelegenheiten sind beliebt. Neu gibt es übrigens Zweierzelte, die fixfertig bezogen werden können. Es kommen ja viele Leute aus der ganzen Schweiz und auch aus dem Ausland, darum sind Übernachtungsmöglichkeiten wichtig – Willisau ist ja nicht gerade das Zentrum der Welt, auch wenn es uns während des Festivals so vorkommt.

zentralplus: Das Jazzfestival ist wortwörtlich in die Jahre gekommen. Gilt das auch für das Publikum?

Sieber: Dass das Jazzpublikum ergraut ist, stimmt so nicht. Wir haben auch viele junge Leute, die Hemmschwelle vor «Jazz» ist gesunken. Das hat verschiedene Gründe. So stehen etwa viele junge Bands und Musiker auf der Bühne, die Helfer-Crew ist ebenfalls jung und die Sound-Palette reicht von Baze bis Leimgruber. Das verbindende Element ist, dass der Anteil an Improvisation bei allen Konzerten gross ist – egal, ob das eher Rap, Freejazz oder Americano ist.

zentralplus: 2010 hat Niklaus «Knox» Troxler, der bekanntlich die Fäden mehr oder weniger alleine gezogen hat, die Festivalleitung an Arno Troxler übergeben. Wie läuft das heute?

Sieber: Die beiden sind unterschiedliche Typen und entsprechend macht Arno Troxler einiges anders. So sind etwa die Aufgaben und Verantwortungsbereiche bewusst auf mehrere Schultern verteilt. So ist nebst dem Festivalleiter Arno und mir als Produktionsleiter auch der technische Leiter Beda Troxler im Organisationskomitee, der Gastrobereich läuft sozusagen autonom und für die Finanzen/Sponsoring ist auch eine Person zuständig. Auch bezüglich Programm gibt es einen Austausch mit externen Leuten.

Arno Troxler, leitet das Jazz-Festival Willisau
Arno Troxler, leitet das Jazz-Festival Willisau (Bild: Marcel Meier)

zentralplus: Das tönt nach Teamarbeit. Bewährt es sich?

Sieber: Sehr. Die Schnittstellen sind klar, sodass die jeweils Verantwortlichen in ihrem Bereich autonom arbeiten können. Wir ziehen alle am gleichen Strick und das macht sich natürlich bemerkbar. Das Festival hat sich ja auch nicht gross verändert seither, sondern ist sich treu geblieben. Und so wird das auch weitergehen.

zentralplus: Das Festival ist für die Jazzszene eines der wichtigsten in der Schweiz. Wann beginnen jeweils die Vorbereitungen und was sind die grössten Herausforderungen dabei?

Sieber: Es reicht jeweils nur für eine Verschnaufpause von zwei bis drei Wochen. Und dann rollt sogleich die Planung für die nächste Ausgabe an. Sowohl die Programmierung wie die Finanzierung muss frühzeitig angegangen werden.

«Die Finanzierung bleibt wohl immer ein Eiertanz.»

Marco Sieber

zentralplus: Das Budget beträgt rund eine halbe Million. In den letzten Jahren sind einige Sponsoren abgesprungen. Wie können Sie das wettmachen?

Sieber: Mit manchen Stiftungen und auch mit dem Kanton Luzern konnten längerfristige und/oder wiederkehrende Vereinbarungen getroffen werden. Vor Ort unterstützen uns viele aus dem lokalen Gewerbe mit Sachleistungen. Grundsätzlich hat sich die Lage etwas entspannt – aber die Finanzierung bleibt wohl immer ein Eiertanz.

zentralplus: Während dieser Tage braucht es hinter den Kulissen viele freiwillige Helfer. Wo treiben Sie die auf?

Sieber: Es sind etwa 150 Leute, die grösstenteils ehrenamtlich für Jazz Willisau unterwegs sind: Beim Ticketing, als Fahrer, im Gastrobereich, bei der Künstlerbetreuung, und und und … Ohne sie ginge das nicht. Das Festival ist lokal sehr gut verankert, viele Willisauer sind schon in der zweiten Generation als Helfer an Bord. Dazu kommen auch Leute aus der Kulturszene, mit der wir gut vernetzt sind. Vermutlich ist es auch so, dass auf dem Land dieser Austausch besser funktioniert als in der Stadt.

zentralplus: Gehen wir Backstage, wo sich die Musiker treffen. Geht es da wild zu und her?

Sieber: (lacht) Das sind Klischees! Backstage geht es zwar familiär und lustig zu und her – aber wild nicht. Viele Musiker sind nicht zum ersten Mal hier, man trifft und kennt sich. Dieser Austausch wird allseits sehr geschätzt. Auch mein Büro ist Backstage, damit ich nah dran an den Bedürfnissen und Wünschen der Musiker bin und schnell darauf reagieren kann.

zentralplus: Sie treffen auch auf international bekannte Künstler. Was bedeuten Ihnen solche Begegnungen persönlich?

Sieber: Das läuft alles sehr natürlich. Ob ein freiwilliger Helfer oder ein Musiker neben mir bei einem Glas Bier steht, spielt keine Rolle – es macht so oder so einfach Spass, mit und um all diese Leute zu sein. Spannend ist für mich, verschiedene Lebensentwürfe mitzubekommen. Manche Musiker leben sozusagen aus dem Koffer, weil sie ständig on Tour sind. Das finde ich faszinierend, auch wenn ich selbst nie so leben könnte.

«Wer an ein Konzert kommt und Musik hören will, soll sich auf den Moment einlassen.»

Marco Sieber

zentralplus: Sie selber engagieren sich in verschiedenen Funktionen seit 20 Jahren und kennen das Festival sozusagen aus dem Effeff. Wie lässt sich die Philosophie dahinter auf den Punkt bringen?

Sieber: Letztes Jahr gab eine Vorgabe von John Zorn zu reden: keine Filmchen, Aufnahmen und Fotos mit dem Handy erlaubt. Seine Begründung: Wer an ein Konzert kommt und Musik hören will, soll die Ohren aufmachen, sich auf den Moment einlassen und offen sein für das, was zu hören ist – alles andere sei kontraproduktives Beigemüse. Es geht um die Musik, das Konzerterlebnis. Diese Aussage trifft meines Erachtens auch auf die Philosophie des Jazzfestivals Willisau zu.

x
Ist Ihnen unabhängiger Journalismus etwas wert? Mit Ihrer Unterstützung helfen Sie zentral+, Beiträge wie diesen zu realisieren.

Ihre Meinung ist gefragt!

Um kommentieren zu können, müssen Sie auf zentralplus eingeloggt sein.
Bitte loggen Sie sich ein oder registrieren Sie sich jetzt und profitieren Sie
von den Vorteilen für z+ Community Mitglieder.

Mehr Kultur