Valeria Stocker steht ganz oben. (Bild: Daniela Herzog)
Kultur Rezension

Valeria Stocker steht ganz oben. (Bild: Daniela Herzog)

Temporeicher Kleinkunst-Cocktail mit Nachwirkungen

4min Lesezeit

Die Künstlertruppe Compagnie Trottvoir begeisterte am Mittwoch Abend auf dem Jesuitenplatz mit ihrem lebendigen und vielschichtigen Mix aus Theater, Performance, Musik und Artistik. Die Leitfrage ihres neusten Stücks: Auf welcher Seite stehst du?

Eine grosse Trennwand unterteilt den Jesuitenplatz in zwei Hälften. Auf beiden Seiten steht eine kleine Bühne und rundherum einige Bänke für das Publikum. Auf beiden Seiten steht die Aufschrift «Ihr seid auf der richtigen Seite». Beruhigt setzen sich die Leute also sowohl auf die eine als auch auf die andere Seite und warten gespannt auf das neuste Programm von Compagnie Trottvoir mit dem Titel «Ihr werdet schon sehen».

Bereits zum fünften Mal zieht das Künstlerkollektiv durch die Schweizer Städte und ermöglicht mit seinen öffentlichen Auftritten Menschen jeglicher Herkunft, sozialen Status und finanziellen Möglichkeiten eine Begegnung mit zeitgenössischer und gesellschaftskritischer Performancekunst.

Hohes Lebenstempo

Etwas verspätet geht es schliesslich mit viel Lärm und Krawall los. Das erste kleine Ständchen, das sie auf beiden Seiten der Bühne spielen, ist mehr Geschrei, Gejaule und Gesäge als Musik. Gesäge? Ja, tatsächlich sprühen die Funken im Hintergrund und Valeria Stocker, langjähriges Mitglied des Kollektivs, fuchtelt wahnwitzig mit einem Winkelschleifer herum. Wer zuvor noch verträumt in der romantischen Abendstimmung schwelgte, wurde spätestens jetzt in die grobe, laute und erschütternde Realität zurückgeholt.

Mal schnell und mal langsam, im Gleichschritt oder vereinzelt, mal mit Schuhen und mal barfuss bewegen sich die Artistinnen und Artisten nun geschmeidig um die Wand herum. Versinnbildlicht für das Leben, das sich ständig im Kreis dreht. Und wir rennen mit. Gemeinsam oder allein, mal schneller und mal langsamer, mal geht’s hoch, mal wieder runter. Und manchmal setzen wir auch eine Runde aus. Dazwischen Stationen der Entscheidung. Doch was ist richtig?

Wer sagt mir, was richtig ist?

Nachdem die Trennwand mit einigen Alltagssorgen aus dem Leben einer Wand für ein paar Lacher im Publikum gesorgt hat, wird sie unter dem Motto «was mir nicht passt, wird passend gemacht» in der Mitte abgebaut. Die Bühne verwandelt sich in einen Catwalk und ein grooviger Sound ertönt im Hintergrund. Mit viel Schalk parodieren die Künstlerinnen und Künstler die oberflächliche Modewelt und präsentieren mit den Brettern der Wand die neuste Birkenmode für sie und ihn. Dabei überzeugen sie mit Humor, viel szenischem Feingefühl und tollem Schauspiel.

Doch plötzlich ist die Musik aus und eine penetrante Frauenstimme kommt zu Wort: «Schön oder intelligent? Adam oder Eva? Liebe oder Sex? Putin oder Trump?» Die Protagonistinnen und Protagonisten müssen sich entscheiden, für die eine oder andere Seite. Doch die Fragen werden immer schneller, bis man sie nicht mehr auseinanderhalten kann. Die Leute rennen hin und her, hetzen von einer Antwort zur nächsten, bis sie nicht mehr können und in der Mitte stecken bleiben. Eine geniale Szene, die auf eine räumliche Art und Weise die Qual der Wahl in unserem Leben voller Möglichkeiten versinnbildlicht.

Jeder ist einzigartig

Das ganze Programm ist ein Spiel, ein ständiger Wettbewerb. Einige sind Gewinner, einige Verlierer, einige geben ihre Daten preis, einige werden ungleich bezahlt. Auch das Publikum wird miteinbezogen; «wer auf der gegenüberliegenden Seite spielt Schach? – hat eine blöde Frisur? – sortiert die Wäsche nach Farben?» Ständig urteilen wir, ständig vergleichen und messen wir. Doch geht dabei nicht die Einzigartigkeit jedes Menschen unter? Die Compagnie Trottvoir serviert dem Luzerner Publikum einen temporeichen Kleinkunst-Cocktail mit Nachwirkungen.

Compagnie Trottvoir kann man sich in Luzern noch heute (Jesuitenplatz), morgen (Weinmarkt) und am Samstag (Jesuitenplatz) zwischen 16:00 Uhr und 20:00 Uhr ansehen.

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