Nasse gestalten entsteigen dem See – ihr Ziel: das KKL. (Bild: jwy)
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Nasse gestalten entsteigen dem See – ihr Ziel: das KKL. (Bild: jwy)

Der Protest, der aus dem Wasser kommt

6min Lesezeit

«Damit die Kultur nicht baden geht»: Unter diesem Motto protestierten am Freitagabend rund 130 Kulturschaffende gegen die kantonalen Sparmassnahmen. Sie entstiegen überraschend dem See und mischten sich tropfend unter die Festgemeinde des Lucerne Festivals.

Ihnen konnte der Dauerregen nichts mehr anhaben, denn sie waren schon klitschnass. Rund 130 Kulturschaffende in festlicher Garderobe entstiegen am Freitag kurz nach 17 Uhr beim Inseli dem See. Bei herbstlichen Temperaturen und mit versteinerter Miene marschierten sie anschliessend tropfend Richtung KKL.

Dort, auf dem Europaplatz, fand gleichzeitig die Eröffnungsfeier des diesjährigen Lucerne Festivals statt. Und diese Aufmerksamkeit nutzten die tapferen Performer für ihren Protest gegen die erneute Sparrunde des Kantons bei der Kultur. «Wir stellen das Gegenbild dar zur festlichen Gesellschaft», sagte Mitinitiant Manuel Kühne, Co-Präsident von Act Zentralschweiz, im Vorfeld. Zudem wurde den Anwesenden eine Trauerkarte in die Hand gedrückt: «Kulturförderung † 2017. Du fehlst.» (hier als PDF)

Flyer wurden verteilt: «Kulturförderung, du fehlst.»
Flyer wurden verteilt: «Kulturförderung, du fehlst.» (Bild: jwy)

40 Prozent weggespart

Der Hintergrund: Der Kanton Luzern muss an allen Ecken und Enden sparen, um doch noch ein Notbudget für dieses Jahr zu schustern. 20 Millionen sind es insgesamt, die Kultur muss dieses und nächstes Jahr auf je 800’000 Franken verzichten.

Das tönt nach verhältnismässig wenig Geld, ist aber für viele Kulturschaffende existenziell – handelt es sich doch um eine Kürzung von 40 Prozent. Zudem trifft es die «Kleinen», die grossen Betriebe – wie etwa das Lucerne Festival – bleiben diesmal verschont (zentralplus berichtete).

Alle sind betroffen

Speziell in der Freien Szene sind Verunsicherung und Wut gross. Beiträge an Theaterproduktionen, aber auch Musik-, Kunst- oder Ausstellungsprojekte sowie die Verlagsförderung werden gestutzt oder fallen ganz weg. Die weiteren Ausschreibungen für dieses Jahr sind bereits ausgesetzt. Wenn der Kantonsrat zudem die Schuldenbremse im September nicht lockert, könnte die kantonale Kulturförderung ganz untergehen.

«Wenn der Boden löchrig wird, bedroht das auch die Leuchttürme.»

Manuel Kühne, Theaterschaffender

«Dies muss verhindert werden», sagt Manuel Kühne zu den «unhaltbaren Kürzungen». Und weiter: «Wir wollen sichtbar machen, dass von den bereits vollzogenen und geplanten Kürzungen bei der Kulturförderung sämtliche Kulturschaffende, Kulturinteressierte und Institutionen betroffen sind.»

Manuel Kühne (ganz rechts) war einer der Initianten der Aktion.
Manuel Kühne (ganz rechts) war einer der Initianten der Aktion.

Breit abgestützt

Die Unterstützung für die Protest-Performance auf dem Inseli war breit: Grosse und kleine Kulturinstitutionen, zahlreiche Kulturschaffende, aber auch sonstige Sympathisanten und «erzürnte Bürger» machten mit, wie Kühne sagte. Die treibenden Kräfte hinter der Aktion kamen aus dem Umfeld von B-Sides, Act, Visarte, Schüür und dem Gelben Haus – aber auch die IG Kultur half mit. Es gehe darum, aus der Anonymität hinauszutreten und den Betroffenen ein Gesicht zu geben, schreibt die IG Kultur.

Wichtig war den Initianten: Die Protest-Performance hat auch die Unterstützung des Lucerne Festivals (LF). «Wird der Luzerner Kultur die Lebensgrundlage entzogen, trifft dies auch die grossen Kulturinstitutionen wie Lucerne Festival», kommentiert LF-Intendant Michael Haefliger die Aktion. Manuel Kühne sagt es so: «Wenn der Boden löchrig wird, bedroht das auch die Leuchttürme.»

Erinnert entfernt an die Serie «The Walking Dead»: Nasse Kulturschaffende auf dem Weg ans Lucerne Festival.
Erinnert entfernt an die Serie «The Walking Dead»: Nasse Kulturschaffende auf dem Weg ans Lucerne Festival. (Bild: jwy)

Die Performance wurde bis zuletzt geheim gehalten, die Teilnehmenden wurden aus dem persönlichen Netzwerk der Initianten mobilisiert. «Ich bin positiv überrascht, dass es so viele sind», so Kühne. Nach rund einer halben Stunde marschierten die tropfenden Gestalten vom KKL zurück zum See – schlotternd, aber eindrücklich stoisch. Wie sie kurz zuvor aufgetaucht waren, verschwanden sie wieder im Wasser. Zurück blieb ihre starke Botschaft.

Ganze Reihe von Protesten

Die Kulturschaffenden fordern mit der Aktion unmissverständlich, dass auf die Kürzungen von 800’000 Franken für dieses und nächstes Jahr verzichtet wird. Zudem müsse der Kantonsrat nun die Schuldenbremse lockern, wie das auch der Regierungsrat vorsieht. Der Kantonsrat debattiert ab 11. September wieder über das Budget und eine Lockerung der Schuldenbremse für 2018.

Die Protestierenden steigen wieder ins Wasser:

Die Inseli-Performance ist der bisherige Höhepunkt in einer ganzen Reihe von Protestmassnahmen aus der Kulturszene. Natur- und Historisches Museum stossen in ihrem Widerstand gegen eine angedrohte Schliessung auf breite Resonanz (zentralplus berichtete).

Und da ist natürlich die Aktion mit den Trauerkarten, die seit Wochen ungebrochen bei Regierungsrat Reto Wyss eintrudeln. Es handelt sich um Kondolenzschreiben auf das Ableben der Kulturförderung – die Initianten fordern immer noch auf, weiter munter Karten zu schreiben (hier als PDF). Wyss hat den Kulturschaffenden inzwischen zurückgeschrieben.

Weitere Bilder der Protest-Performance gibt's in der Galerie:

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