Blick vom Stollberg auf Luzern, Tobias Madörin, 2017 (Bild: Marlis Huber)
Kultur Kunst

Blick vom Stollberg auf Luzern, Tobias Madörin, 2017 (Bild: Marlis Huber)

Der Orgasmus fürs Auge trifft auf das Ende aller Träume

5min Lesezeit

Idyllische Bilder treffen auf industrialisierte Landschaften und legen Zeugnis ab von der menschlichen Umtriebigkeit der vergangenen 150 Jahre. In der Ausstellung «Bellevue» im Kunstmuseum Luzern treten die Fotoaufnahmen von Tobias Madörin in einen Dialog mit den Bildern von Robert Zünd. Das ist nicht immer schön.

Marlis Huber

Im grossen Raum gleich zu Beginn hängen an den Wänden links und rechts zum Thema «Wald» die bekannten und vielgepriesenen Buchen- und Eichenwälder von Robert Zünd (1827–1909). Frontal und wandfüllend dazu zeigt Tobias Madörin (*1965) eine sechsteilige Arbeit vom Pragelpass, die die Kultivierung des Waldes durch den Menschen zeigt. Dieser Einstieg ist durchaus programmatisch zu verstehen.

Wald, Pragelpass, Tobias Madörin.
Wald, Pragelpass, Tobias Madörin. (Bild: Marlis Huber)

Bilder für das Auge und nicht für den Verstand

Der Luzerner Maler hat sich nämlich für kaum etwas anderes als für Bäume und Wälder interessiert. Seine Sujets fand er sozusagen vor seiner Haustüre an der Moosmattstrasse, wo er wohnte. Gesellschaftliche oder politische Themen fanden keinen Platz auf seinen Gemälden, Menschen sind lediglich als Staffagefiguren zu sehen. Dieser Maler suchte weder das Spektakel noch das Erhabene. Ebenso wenig verstand er sich als Dokumentarist des menschlichen Elends oder der sich durch die Industrialisierung rasant verändernden Landschaft. Viele seiner Bilder zeigen idyllische Ansichten rund um den Vierwaldstättersee, den Pilatus und das Voralpengebirge. Auch die Ansichten auf den Sempachersee und die bekannten Bilder der Schellenmatt in Kriens sind zu sehen.

Robert Zünd, Haus unter Nussbäumen (Schellenmatt), 1863, Öl auf Leinwand.
Robert Zünd, Haus unter Nussbäumen (Schellenmatt), 1863, Öl auf Leinwand. (Bild: zvg)

Seine Detailgenauigkeit, sein gekonnter Umgang mit Licht und Schatten, auch mit Farbe, seine kompositorische Sicherheit sind erstrangig und unbestritten. Kunsthistorisch betrachtet und oft zitiert, gehört Zünd jedoch nicht zu denen, die neue Wege beschritten. Falls jedoch davon auszugehen ist, dass die Hingabe und Liebe umstürzlerisches Potenzial in sich trägt, lassen Zünds Bilder noch eine andere Einschätzung zu. Zünd selber sagte es etwas bescheidener, wenn er einem Bekannten schrieb, er «arbeite in erster Linie für das Auge und nicht für den Verstand».

Keine Moralisten und Ankläger

Auch der gebürtige Basler und heute in Zürich lebende Fotograf Tobias Madörin ist kein Moralist und Ankläger. Mit seiner analogen Grossformatkamera meist in aller Welt unterwegs, streifte er für diese Ausstellung seit Frühling 2016 in der Zentralschweiz und Umgebung umher. Im Gegensatz zu Zünd gilt sein Interesse jedoch nicht primär der idyllischen Landschaft. Vielmehr ist es die hochtechnisierte und industrialisierte, der er seine Aufmerksamkeit widmet. Seine Bilder wirken deswegen – nicht nur auf Nostalgiker – manchmal beklemmend.

Tobias Madörin, Schellenmatt, 2017, C-Print
Tobias Madörin, Schellenmatt, 2017, C-Print (Bild: zvg)

Nadine Olonetzky beschreibt die Bilder von Madörin in ihrem Vorwort des Fotobandes «Topos» folglich treffend: «Es ist […] eine Landschaft, die beispielhaft ist für ein bestimmtes menschliches Verhalten und Gestalten und damit Rückschlüsse auf Träume und Visionen zulässt – und auf deren Scheitern oder Verwahrlosung.» In diesem Sinne wirft eine Gegenüberstellung der Sicht der beiden Künstler auf die Allmend durchaus gewisse Fragen auf.

Nicht alles ist schön

Was Madörin zeigt, ist nicht immer schön. Im Kontrast des Zündschen Blicks mit demjenigen Madörins vom Stollberg auf Luzern wird das ebenfalls deutlich: Der Maler zeigt die Gegend ohne Spital, ohne Überbauung von Bramberg und St.-Karli-Strasse, eine Idylle, in der sich die Reuss ungehindert Richtung Emmen hinschlängelt. Madörins Aufnahme zeigt die menschliche Umtriebigkeit in den vergangenen 150 Jahren: Bauten, wo das Auge hinreicht. Der Fluss eingedämmt, stattdessen drängen sich Autobahn und Zuggleis durch das Tal.

Licht und Wolken, Gegenüberstellung Madörin / Zünd.
Licht und Wolken, Gegenüberstellung Madörin / Zünd. (Bild: Marlis Huber)

Weil Madörin aber nicht mit dem erhobenen Zeigefinger fotografiert, zeigt er auch weitgehend intakte Landschaften, so etwa die mehrteilige und grossartige Panoramarundsicht des Lauerzersees. Eine überraschende Sicht auf den Lopper, den wohl viele nur inwendig via Tunnel kennen dürften, und den dahinter liegenden Pilatus ist im Raum zum Thema «Berge» zu sehen.

 Eine Ausstellung nicht nur für Kunstfreunde

Die Museumsdirektorin und Kuratorin der Ausstellung Fanny Fetzer sowie der Präsident der Kunstgesellschaft Luzern Andi Scheitlin begrüssten die zahlreich erschienenen Besucher am Freitagabend zur Vernissage. Es sind zwei anregende, zuweilen auch nachdenklich stimmende Blicke auf die Zentralschweiz; empfehlenswert nicht nur für Kunstfreunde, auch für alle, die sich für Stadtentwicklung und Raumplanung interessieren.

Die Ausstellung «Bellevue» im Kunstmuseum Luzern ist bis am 15.10.2017 zu sehen.


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