Der Musiker Seven bringt im Juli sein neues Album «4Colors» auf den Markt.
  (Bild: Sven Germann)
Kultur Musik Interview

Der Musiker Seven bringt im Juli sein neues Album «4Colors» auf den Markt.   (Bild: Sven Germann)

«In einer Bar um Mitternacht, wo man noch rauchen darf – da sehe ich rot!»

14min Lesezeit

Er gilt als eine der besten Schweizer Stimmen: Soul-Star Seven. Im Juli veröffentlicht der Luzerner bereits sein 10. Studioalbum. zentralplus verrät er im Interview, wie er es mit der Musikszene in Deutschland hält, worüber er mit Thomas D philosophiert und warum er auf seiner Tour seine Heimatstadt auslässt.

Pascal Zeder

Als wir den Luzerner Ausnahmesänger Seven zum Interview treffen, kommt er gerade von der Autogarage: Ein Reifen an seinem Lexus ist geplatzt, und das am frühen Morgen. «Ich muss über etwas Spitzes gerasselt sein», meint er lapidar. Jetzt sei er mit einem Ersatzauto unterwegs.

Trotz der Aufregung bleibt er gelassen. Denn Stresssituationen dürfte er sich gewöhnt sein: Seven tourte das ganze letzte Jahr durch Deutschland, war bei der TV-Show «Sing meinen Song» dabei und hat in dem ganzen Trubel noch sein neues Album «4Colors» aufgenommen.

zentralplus: Seven, Sie sind unglaublich aktiv – wie hatten Sie Zeit, ein neues Album zu schreiben?

Seven: Ich bin da eher untypisch vorgegangen. Nach dem letzten Jahr hätte man wohl abwarten sollen und den Markt analysieren – aber bevor der ganze Wahnsinn im letzten Jahr losging, hatte ich die Konzeptphase für das neue Album bereits hinter mir. Jetzt sieht es von aussen so aus: TV-Show, dann die Tour und jetzt muss die Platte erscheinen – dafür hätte ich aber niemals Zeit gehabt. Als das im Frühling und Sommer anfing, so verrückt zu werden, war ich bereits zur Hälfte mit meinem Album fertig. Danach habe ich mich immer wieder während mehrerer Tage im Studio verbunkert.

«Wenn ich schweizweit erfolgreich bin, heisst das nicht, dass ich zwei Köfferchen voll Geld bereitstehen hätte.»

zentralplus: Müssen Sie sich verkriechen, um Lieder zu schreiben?

Seven: Wenn ich morgens um drei eine Eingebung habe, muss ich diese gleich umsetzen können. Diese Möglichkeit habe ich im Studio – der Tontechniker ist rund um die Uhr verfügbar. Ausserdem ist der ständige Wechsel zwischen Studio und Familienleben schwierig, da bin ich lieber gleich drei, vier Tage ganz bei mir und meiner Musik. Danach bin ich dafür wieder voll bei meiner Familie.

zentralplus: Sie touren durch die Schweiz, ganz Deutschland, Österreich und sind im deutschen Fernsehen zu sehen: Sind Sie überhaupt noch ab und zu in Luzern?

Seven: Wenn ich nicht im Tourbus unterwegs bin oder auf Bühnen stehe, bin ich hier. Ich bin schliesslich in Luzern zu Hause. Ich habe das Glück, mein Hobby zum Beruf gemacht zu haben. Das heisst, wenn ich zu Hause bin, gehe ich nicht noch bowlen oder Kart fahren oder sonst etwas. Wenn ich nicht Musik mache, dann bin ich Papi und Ehemann. Ich putze, koche, helfe im Haushalt mit und spiele Lego mit meinem Sohn.

Zur Person

Seven heisst mit bürgerlichem Namen Jan Dettwyler. Der 38-Jährige hat bereits neun Studio-Alben und ein Best-Of veröffentlicht. Seven ist verheiratet und hat einen 7-jährigen Sohn. Er lebt mit seiner Familie in Luzern. Ursprünglich kommt er aus Wohlen (AG).

zentralplus: Sie haben früh den Sprung nach Deutschland geschafft. Andere Künstler sind ja genau da gescheitert.

Seven: Wenn ich schweizweit erfolgreich bin, heisst das nicht, dass ich zwei Köfferchen voll Geld bereitstehen hätte, um zwei Jahre lang durch Frankreich zu touren. Wenn ich aus der Schweiz als Newcomer ins Ausland gehe, ist das immer eine Investition: Ich zahle Musiker, Tourbus, Hotelzimmer – und erhalte dafür als unbekannter Künstler oft kaum Gagen. Das macht es schwer, zu expandieren: Ist der Heimmarkt klein, so bleibt wenig Spielraum, um auszuprobieren.

zentralplus: Kommt Ihre Musik in Deutschland besser an als in der Schweiz?

Seven: In Deutschland bin ich mit der Musik, die ich mache, genauso ein Alien wie in der Schweiz. Nur ist das Land zwölf Mal grösser. Das heisst, auch die Nische, in der sich meine Musik bewegt, ist zwölf Mal grösser. Dazu hat es eine unglaublich florierende Live-Szene. In Deutschland gibt es überraschend viele Musikliebhaber-Festivals. Da hat es vielleicht 2’000 bis 3’000 Zuschauer, wo von Topacts bis Nobodys alles auf der Bühne steht. Vergleichbar mit dem Blue Balls in Luzern – das gibt es in Deutschland viel öfter. Für uns Musiker sind solche Events sehr dankbar.

An der Live-Session in Amsterdam stellte Seven bereits neue Songs vor:

 

zentralplus: Geht man im Ausland anders mit Musikern um?

Seven: Die Schweizer sind extrem kritisch gegenüber ihren eigenen Künstlern. Wir schauen mit dem Mikroskop auf jede einzelne Note, sobald wir sehen, etwas ist von hier. Da sind wir sicher extremer als andere. In Frankreich werden einheimische Künstler viel schneller akzeptiert.

zentralplus: Ihr neues Album heisst «4Colors». Woher kam die Idee mit den Farben?

Seven: Musik hatte für mich immer eine ganz bestimmte Farbe. Dieses Phänomen gibt’s tatsächlich, es nennt sich Synästhesie. Viele Leute sehen Bilder vor dem inneren Auge, wenn sie Musik hören. Bei mir kommt dazu noch eine eindeutige Farbe – das passiert ganz automatisch, ohne dafür einen Knopf drücken zu müssen.

zentralplus: Dann wurde Ihre Synästhesie zum Thema des Albums?

Seven: Ich hatte einen grossen Stapel Lieder vor mir, die ich in vier Farben aufteilen konnte: blau, gelb, rot und violett.

«Zuerst sagte ich mir: Das geht unmöglich alles auf ein Album, ich müsste vier Platten machen mit all den Songs.»

zentralplus: Die Farbthematik gab es bereits, sogar die explizit von Ihnen gewählten wurden schon verwendet. Beispielsweise stehen sie in Hitsingle «Purple, Yellow, Red and Blue» der Band Portugal. The Man für einen Drogenrausch. Wo sehen Sie rot?

Seven: Blau ist für mich kalt, melancholisch, elektronisch, einsam, mit einem Schuss Björk: sich so richtig im Selbstmitleid suhlen. Gelb ist für mich dafür neo-soulig, mit einer Hip-Hop-Attitüde, positiv wie ein warmer Sommerabend in Berlin. Dann hatte ich auch Bock auf 90er-R’n’B, nur fürs Schlafzimmer gemacht: Da fühle ich mich wie um Mitternacht und es darf noch geraucht werden im Club. Das ist für mich rot.

zentralplus: Und violett?

Seven: Violett, also «purple», ist eine Hommage an Prince («Purple Rain» war das Album, die Single und der gleichnamige Spielfilm, mit dem der Popstar 1984 seinen Durchbruch schaffte, a.d.R.). Ich bin so beeinflusst von ihm, ich wollte nicht nur zu meinem Einfluss stehen, ich wollte die Funk-Songs richtig deutlich anschreiben. Purple ist für mich ein Funk-Musical, Freiheit, Fantasie, lasziv und ohne Regeln.

zentralplus: Aber die einzelnen Abschnitte passen dafür nicht richtig zusammen.

Seven: Zuerst sagte ich mir: Das geht unmöglich alles auf ein Album, ich müsste vier Platten machen mit all den Songs. Doch dieses Problem gab mir dann die Lösung: Warum nicht ein Album mit vier von einander unabhängigen Teilen? Der Vorteil ist: Die Übergänge zwischen den einzelnen Abschnitten dürfen abrupt sein. Dies ist anders als bei einem «normalen» Album. Ich musste nicht alles unter einen Hut bringen, weil ich vier Hüte gemacht habe. Musikalisch verbunden habe ich die Abschnitte jeweils durch einen Orchester-Part. Dieser dient als Einführung. So konnte ich jede einzelne Farbe unterschiedlich mixen, aufnehmen, mit anderen Musikern zusammenarbeiten.

zentralplus: Vier Farben, je drei bis vier Songs: Das schreit nach einer Vinyl-Ausgabe.

Seven: Natürlich gibt es Vinyl! Eigentlich besteht das Album ja aus vier EPs, also kleinen Song-Sammlungen. Es wird ein Vinyl-Paket aus vier farbigen Platten geben.

So sieht die Vinyl-Box aus – hier die gelbe Platte.
So sieht die Vinyl-Box aus – hier die gelbe Platte. (Bild: zvg)

zentralplus: Die Platte erscheint in der Schweiz beim Major-Label Sony. Früher waren Sie bei Nation Music – das Label ging kürzlich pleite. Als das bekannt wurde, ärgerten sich verschiedene Musiker, viel Geld verloren zu haben, weil die Rechte ihrer Songs bis zuletzt der insolventen Firma gehörten. Hat Sie das auch tangiert?

Seven: Finanziell nicht, ich hatte meine Rechte bereits 2010 nicht mehr bei Nation Music. Ich fand es  aber sehr schade, dass es dieses Label nicht mehr gibt.

zentralplus: Zu Ihren Liedern: Gemeinsam mit Thomas D von den Fantastischen Vier kritisieren Sie auf «Zeit» den Materialismus und die Leistungsgesellschaft. Wie kam es dazu?

Seven: Wir haben uns nicht hingesetzt und gesagt: «Wir machen jetzt einen Track.» Der Song ist auf Tour mit Fanta 4 entstanden. Nach der Show habe ich mit Thomas oft über dies und jenes philosophiert – er ist in der Hinsicht genau so, wie man ihn sich vorstellt. Wir sprachen darüber, wie unsere Generation Angst vor dem Älterwerden hat und wie man versucht, die Zeit zurückzudrehen. Dabei vergisst man, sein Leben zu geniessen. Irgendwann hauten wir den Satz «Zeit ist unsere letzte Währung» raus. Da fielen wir aus dem Gespräch plötzlich ins Schreiben.

«Kool Savas habe ich bereits vor 18 Jahren kennengelernt, als er noch weniger bekannt war. Diese Bekanntschaft habe ich stets gepflegt.»

zentralplus: Ungewöhnlich für Sie: Sie singen Deutsch. War das, um die Message auch deutlich rüberzubringen?

Seven: Nein, es ergab sich eher so. Thomas’ Instrument ist die deutsche Sprache. Ich wollte seine Message im Refrain kanalisieren und verstärken. Ein englischer Refrain hätte an Weltmusik erinnert, das hätte nicht gepasst.

zentralplus: Gegen Materialismus, trotzdem sind Sie Markenbotschafter für die Luxusautomarke Lexus. Ein Widerspruch?

Seven: Wenn ich Partnerschaften eingehe, stelle ich mir stets die Frage: Würde ich mir so ein Produkt auch als Kunde kaufen? Ja, ich fahre Auto und ich glaube, dass ein Hybrid-Auto ein Schritt in die richtige Richtung ist. Man wird nie ein Plakat von mir sehen, wie ich den Leuten eine Benzinschleuder verkaufen will. Klar, auch Lexus ist letztlich eine Automarke. Ich versuche, wenigstens mit der Wahl des Partners und des Fahrzeugs meine Verantwortung wahrzunehmen – deshalb ist für mich mein Engagement kein Widerspruch zu diesem Song. Ausserdem: Auch Thomas D mag sehr gerne Autos.

Das Video zum Song «Die Menschen sind wir» mit Kool Savas und Nico Suave:

 

zentralplus: In «Die Menschen sind wir» sind Sie mit Kool Savas und Nico Suave zu hören. Im Song nehmen Sie deutlich Stellung gegen Fremdenhass und Krieg – wie kam es dazu?

Seven: Wir hatten in Luzern ein Benefizkonzert. Als das Thema «Kinder auf der Flucht» bekannt wurde, habe ich den Fehler gemacht, auf sozialen Medien die Kommentare zu lesen. Ich will sie nicht wiedergeben, aber es war hässlich. An dem Tag trafen wir uns zur Aufnahmesession und ich bin wutschäumend ins Studio gefahren. Ich bin angekommen und habe geflucht über den Hass in diesen Kommentaren und hatte diesen Satz «Die Menschen sind wir» bereits im Kopf. Für diese Message habe ich zwei Multiplikatoren gesucht und habe sie in Kool Savas und Nico Suave gefunden. Als Rapper konnten sie die Aussage des Songs noch deutlicher formulieren, als ich das als Sänger kann. Und als Trio wirkt das «Wir» stärker als alleine.

zentralplus: Songs mit Kool Savas, Fanta 4 und Xavier Naidoo – Ihr Netzwerk ist beeindruckend!

Seven: Das stimmt. Ich bin einer, der immer schon gerne an Konzerte ging. Ich gehe auf Leute zu, ich konnte schon als Veranstalter viele Kontakte knüpfen. Kool Savas habe ich bereits vor 18 Jahren kennengelernt, als er noch weniger bekannt war. Diese Bekanntschaft habe ich stets gepflegt. Dazu kommt natürlich immer auch eine Portion Glück.

zentralplus: Über Qualität muss die Musik aber dennoch verfügen.

Seven: Ja, aber viele sehr talentierte Musiker hatten leider nie das nötige Glück, in den rechten Händen zu landen. Der Song mit Fanta 4 kam beispielsweise zustande, weil mein Album zur rechten Zeit auf ihrem Tisch lag.

zentralplus: Im Oktober beginnt die Seven Tour 2017. Sie spielen in Locarno, Zürich, Bern und Baden – lassen Luzern aber aus. Warum kein Heimspiel?

Seven: Wir haben vor einem halben Jahr das KKL ausverkauft, was will man mehr? Ich will nicht halbjährlich in Luzern spielen, weil es für meine Musik hier gar nicht so viele Locations gibt. Spielt man zu oft, läuft man Gefahr, den Leuten auf die Nerven zu gehen. Und es gibt keinen schlechteren Ort, die Leute zu vergraulen, als in seiner Heimatstadt. Wir kommen garantiert bald wieder – einfach nicht diesen Herbst.

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