Umturtelt von den «Vögeln» der neusten Freilichtproduktion freut sich Christoph Risi auf 27 Theaterabende. (Bild: hae)
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Umturtelt von den «Vögeln» der neusten Freilichtproduktion freut sich Christoph Risi auf 27 Theaterabende. (Bild: hae)

Der Herr der Vögel im Luzerner Landschaftstheater

8min Lesezeit

Er lässt Menschen als Vögel tanzen und das Paradies suchen. Christoph Risi ist umtriebiger Eventmanager, hat einst die wildjazzigen Stanser Musiktage gegründet und seine Freilichtspiele im Tribschen sind eine zwölfjährige Erfolgsgeschichte. Weil eine Kraft ihn stets antreibt: Leidenschaft.

Mathias Haehl

«Na, alles im Griff?», fragen wir beim Handshake auf der Zuschauertribüne der Tribscheninsel, auf der während 27 Tagen ein neues Theaterstück aufgeführt wird (siehe Box). Christoph Risi, in Freizeitshorts und einem lockeren T-Shirt, strahlt: «Klar doch! Ich bin gleich so weit, darf ich bitte noch schnell ein paar Telefone machen?» Es ist wenige Tage vor der Premiere, die Sonne scheint milde, Vögel tirilieren in den umliegenden Bäumen. 

Eritreer wischen mit Besen Bühne und Tribüne, Typen im Federkleid mit Rossschwänzen wuseln zwischen der kleinen Zeltstadt – das sind die Vögel aus dem Stück, zu dem Gisela Widmer den Text lieferte, den Annette Windlin seit Wochen mit dem knapp 40-köpfigen Theaterensemble umsetzt. Die vielen Laien und der Profischauspieler Walter Sigi Arnold (zentralplus berichtete) bilden ein kunterbuntes Gemisch. Es herrscht Aufbruch, eine Band spielt sich im Hintergrund in Form und gute Laune.

Mit Leidenschaft, ohne Konzept 

«Stadt der Vögel» heisst das Stück, dem derzeit die volle Aufmerksamkeit Risis gehört. Der 53-jährige Mann aus Buochs und Stans, der seit Jahren in Luzern und jetzt St. Niklausen lebt, fing vor zwölf Jahren an, Freilichttheater zu produzieren. «Es ist die Wiederholung von etwas, das in Kultur gang und gäbe ist: aus Leidenschaft etwas initiieren, ohne Konzept», erzählt Risi rückblickend. 

«Es wäre mir zu einfach, bei Misslingen den Wettergöttern die Schuld in die Wolken zu schieben.»

Christoph Risi, Veranstalter

Wir sitzen in einer Reihe der 450 Plätze, die unter einer Zeltblache wieder am Tribschenhorn aufgebaut wurden. Wie alle zwei Jahre. Mittlerweile kennen die meisten aus der Region den attraktiven Freilichtreigen, und viele Fans werden auch heuer wieder an die Theateraufführungen pilgern. 

Mehr als 10’000 Menschen begeistern

«Es ist toll, dass wir alle zwei Jahre im Sommer mehr als 10’000 Menschen begeistern dürfen», freut sich Christoph Risi, während er sein Curry verspeist. Ab und an kommt ein bunter Vogel, ein Techniker oder auch Stückschreiberin Gisela Widmer vorbei, Risi gibt Anweisungen oder Küsschen, hat einen lockeren Spruch drauf – und ist Sekunden später wieder voll professionell im Interview. Mehr noch: Trotz Hektik bleibt Christoph Risi bescheiden, fokussiert, nimmt sich ausführlich Zeit.

Also weiter zur Geschichte der Freilichtspiele: Was einst aus einer wagemutigen Spontaneität entstand, ist plötzlich etabliert, findet weit herum Beachtung. «Und das ohne Businessplan, ohne den Markt dafür abzuchecken.»

10'000, seid umschlungen: Veranstalter Christoph Risi empfängt die Besuchenden des Stückes «Stadt der Vögel» auf dem Tribschen-Areal.
10’000, seid umschlungen: Veranstalter Christoph Risi empfängt die Besuchenden des Stückes «Stadt der Vögel» auf dem Tribschen-Areal. (Bild: hae)

Es war stets High Risk, nicht nur wegen dem im Juni meist wankelmütigen Wetter. «Es wäre mir zu einfach, bei Misslingen den Wettergöttern die Schuld in die Wolken zu schieben.» Das ganze Unternehmen hat mehrere entscheidende Faktoren: das Budget mit Fremdgeldern von Sponsoren, Stiftungen und Gönnern, dann gilt es mindestens 10’000 Tickets von 13’150 möglichen zu verkaufen – und das trotz immer mehr Mitbewerbern, die über die Jahre alle auch die «Sommer-Festivalitis» entdeckt haben.  

Mund-zu-Mund-Propaganda entscheidend

Heute arbeitet Christoph Risi mit einem siebenköpfigen Vorstand, und es klappt immer. Er weiss, worauf es ankommt: «Das Stück muss gefallen. Mund-zu-Mund-Propaganda ist danach am wichtigsten, Werbung nach der Premiere bringt nix mehr», erzählt Risi. Das sagt ein Mann des Marketings, er arbeitet als Co-Inhaber in seiner eigenen Marketing- und Werbeagentur, tüftelt Konzepte aus oder organisiert und berät andere – meist kulturelle – Projekte wie die Oper Schloss Hallwyl, die Klosterspiele Wettingen oder damals im 2015 die Seerose im Rahmen des Gästivals.

«Wolkenkuckucksheim» voller Schönheit und Poesie

«Stadt der Vögel» heisst die luftige Komödie aus der Feder von Gisela Widmer, inszeniert von Annette Windlin und ausgestattet von Ruth Mächler. In diesem Stück nach einer Idee von Aristophanes rebellieren die Vögel gegen die Götter und gegen die Menschen. Sie erschaffen sich ihr eigenes «Wolkenkuckucksheim» voller Schönheit, Poesie – und auch einigem Irrwitz. Das Stück wird auf der Tribschen-Halbinsel Luzern beim Wagner-Museum vom 13. Juni bis 29. Juli aufgeführt.

Was waren bei den bislang sieben Produktionen seine schlimmsten Erfahrungen? Christoph Risi: «Eine Überschwemmung, die uns einen grossen Einbruch brachte.» Stets ist die Sicherheit Risi am wichtigsten: Einmal fiel bei einem Unwetter eine Eiche aufs Gelände – zum Glück drei Tage vor Tribünenaufbau. 2015 musste das Team während einer Probe wegen Windes das Gelände evakuieren, aber, oh Freude: «Unser Sicherheits-Dispositiv funktionierte bestens. Wir waren stolz.»

Und sein schönster Moment? Risi denkt nach, sagt dann mit einem Leuchten in den Augen: «Wenn mir ehrenamtliche Mitarbeitende sagen, dass die Produktion für sie sehr streng war und sie manchmal daran dachten, den Bettel während der Arbeit hinzuwerfen. Dann aber lachen und erklären sie, sie würden trotz aller Widerstände erneut mitmachen.»

Ein Spiel in den Wald hinein

«Stadt der Vögel» ist ein Stück voller Hoffnung; das passt bestens zu Risi, der stets positiv denkt. Alle Menschen sehnen sich nach einem Ort, wo sie glücklich sind, und in der Adaption nach einer Idee des Griechen Aristophanes entsteht erneut ein erfüllender und berauschender Theaterabend. 

Um ihn dreht sich die ganze Produktion: Christoph Risi spricht mit einem Techniker, im Hintergrund übt die Band, rechts ein Ausschnitt der Bühne.
Um ihn dreht sich die ganze Produktion: Christoph Risi spricht mit einem Techniker, im Hintergrund übt die Band, rechts ein Ausschnitt der Bühne. (Bild: hae)

Mit der künstlerischen Leitung besprach Risi sich und entschied, wie das Gelände beim Tribschen zu bespielen sei: wieder in den Wald hinein, wie zu Anfang der Freilichtspiel-Serie. Risi: «Eigentlich machen wir ja Landschaftstheater, denn beim Gelände gehen wir auch stets in die Tiefe.» Eine andere Dimension ist die, dass Menschen Tiere verkörpern – wie verspielt ist das denn! 

Gründer der Stanser Musiktage 

Auch Musik gehört immer noch zu Christoph Risis Leben. Und damit fing seine Veranstalterkarriere an: 1994 gründete er die Stanser Musiktage. Die der Trendsetter zu einem schweizweit bekannten Festival für grosse Jazzer machte. Herbie Hancock, Jan Garbarek, Carla Bley oder Michel Petrucciani gastierten zwischen Stanser Beinhaus, Kirche und Kollegi. 

Die Musiktage, die sind immer noch wie sein Kind, und jedes Jahr geht er begeistert hin. Auch wenn er seit 2002 nicht mehr federführend ist. Jazz liebt er immer noch, und Klassik hört er beim Autofahren. «Man wird halt ruhiger aufs Alter.» Dafür übt sein Sohn heute schön laut Schlagzeug.

Doch langsam an die Rente zu denken, das geht für Christoph Risi noch lange nicht an: Er hat mit dem Klassiker «Jedermann» in Kooperation mit dem Luzerner Theater nächstes Jahr Grosses vor. Und während auf Tribschen noch die Aufführungen laufen, plant das Ensemble um Risi bereits den Sommer 2019. 

Dann ist im altbekannten Zweijahresrhythmus wieder eine Produktion geplant. Bereits brütet Risi mit seinem Team über das neue Stück, mögliche Regisseure und Hauptdarstellerinnen. Und vermutlich wird man dann wieder gegen den See spielen. Mit grossen Gefühlen und viel Leidenschaft. Landschaftstheater eben.

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