Hannes Herger (links) und Jonathan Winkler von der Band «Hermann». (Bild: pze)
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Hannes Herger (links) und Jonathan Winkler von der Band «Hermann». (Bild: pze)

Wenn Manuel Stahlberger ans Bligg-Konzert geht

10min Lesezeit

Am kommenden B-Sides gibt es eine neue Luzerner Band zu entdecken. Hermann macht «Ace-Pop»: Am Schlagzeug sitzt eine 50-jährige Drum Machine. Mit zentralplus sprechen Sänger Jonathan Winkler und Bassist Hannes Herger über unterschwellige Gesellschaftskritik, doofe Schnäuze und die Liebe zum eigenen Verkaufsstand.

Pascal Zeder

Luzern hat seinen eigenen Manuel Stahlberger. Sein Name: Hermann. Hermann ist aber keine Person, es ist eine Band, bestehend aus Jonathan Winkler, Hannes Herger und Daniel Hug. Das Trio spielt reduzierten Pop mit Mundart-Texten. Die Soundkulisse schaffen Rockgitarren, Bass und analoge Synthesizer – und eine «Rhythm Ace»-Drum Machine, gut und gerne 50-jährig.

Nach ihr ist der Musikstil der drei Luzerner benannt: «Ace-Pop» nennen sie ihr Genre. Der dumpfe, minimalistische Beat, den die Maschine verlässlich produziert, ist neben den Mundart-Texten die Trademark der Luzerner Band.

Pünktlich zu ihrem Auftritt am B-Sides-Festival kommt am Freitag das self-titled «Hermann»-Album. Die Band präsentiert sich und ihr Schaffen der Öffentlichkeit. Dem Langspieler ging ein langer Prozess voraus.

Drum Machine ersetzt Schlagzeuger

Winkler und Herger spielen bereits seit Urzeiten zusammen. Die langjährigen Flink-Veteranen machten auch nach dem Ende der Band weiter gemeinsam Musik. Der Sänger Martin Brabec wanderte 2011 nach Australien aus. Winkler: «Wir probten ab und zu, höchstens ein Mal pro Woche. Wir alle haben Familie und wir arbeiten.» Da komme man langsamer voran als eine Band, die mehrmals pro Woche probt.

Das Projekt Hermann gärte dann drei Jahre lang. In der Zeit kam Dani Hug (ehemals bei Dans la Tente) dazu. «Ich wollte stets etwas mit Synthesizern machen», erklärt Winkler. Als ich ihn kennenlernte, lud ich ihn ein, in einer Probe vorbeizuschauen.» Das ist jetzt drei Jahre her, seither ist Hug fester Bestandteil von Hermann.

So klingt Hermann:

 

Die Feuertaufe kam schliesslich im Winter 2015 im Neubad. Dort spielte die Band das erste Konzert – und das letzte mit dem Ex-Flink-Schlagzeuger Adi Schmid. «Er hatte uns bereits vor dem Konzert mitgeteilt, dass für ihn nach dem Neubad Schluss sein würde. Nach all den Jahren mit Flink war es für ihn genug.» 

Der Abgang führte zum offensichtlichen Problem: Wer spielt die Drums? «Ich habe zuerst den Beat auf dem Computer programmiert. Damit waren wir aber nicht zufrieden. Es gibt unendlich viele Möglichkeiten am Computer, da kann man sich zu sehr verlieren», so Winkler. Dani Hug sei es dann gewesen, der die «Rhythm Ace»-Drum Machine mitbrachte. Jetzt klickt der Beat analog und monoton gleichbleibend auf dem ganzen Album.

Reduktion als Stilmittel

Herger beschreibt den Vorgang: «Als wir uns für den Rhythm Ace entschieden haben, haben wir gemerkt: Viele der alten Songs funktionieren nicht mehr. Wir mussten alles umschreiben – oder neue Songs komponieren.» Dafür brauchte es aber eine komplett neue Herangehensweise.

Hermann am B-Sides-Festival

Hermann eröffnet den B-Sides-Freitag um 17.15 Uhr im «Bohemian’s Welcome»-Zelt. Am selben Abend spielen auf dem Sonnenberg Bands wie Dear Reader, Wand oder Zeal & Ardor. Zwei- und Dreitagespässe für das Festival sowie Karten für den Freitag sind bereits ausverkauft. (Hier geht es zum kompletten Programm)

Als nächstes soll ein Videoclip zum Song «Lift» entstehen, produziert von Silvio Zeder («Authentic Daydreams»).

«Sie nimmt uns viele Entscheidungen ab. Wir können über Bodenpedale zwar etwas mit der Dynamik spielen, ansonsten bleibt das Schlagzeug gleich.» Das habe vor allem im Songwriting dazu geführt, dass man sich von Elementen habe verabschieden müssen: «Man kann nicht einfach den Schluss aufblasen, weil einem nichts Besseres einfällt. Man muss subtiler schreiben und mehr in Arrangements denken», so Winkler. Bassist Hannes Herger ergänzt: «Ich muss mit feineren Mitteln arbeiten als früher, das ist eine Herausforderung.»

Hermanns Musik lebt von der Reduktion – ausser dem Schlagzeug sind alle Elemente sorgfältig komponiert. Die Instrumente werden niederschwellig, repetitiv und unaufdringlich eingesetzt. Der Fokus wird dadurch vor allem auf die Texte gelegt. Gitarrist Winkler erklärt: «Anfangs sang ich auf Englisch. Das fühlte sich an, als ob ich stets jemanden imitieren würde.» Zu viele und zu gute Vorbilder, Massstäbe, die er sich selber setzte und nicht erfüllen konnte. Da habe er angefangen, Mundart zu texten. «Wenn ich Mundart singe, ist es egal, wenn ein Ton schief ist – es ist meine Stimme.»

Unterschwellige Gesellschaftskritik

Die Texte der Band sind auf den ersten Blick simpel, auf den zweiten Blick aber mehrschichtig. Die wichtigste Aussage des Albums: Jeder muss irgendwann anfangen, Stellung zu beziehen und eine Meinung zu haben, zu politischen wie gesellschaftlichen Themen. Mit dem Text von «D’Ironie esch verbi» schreiben Hermann gegen «doofe Hüte und blöde Schnäuze» an – und die inhaltsleere Ironie, die aus Angst vor klaren Statements vorgeschoben wird.

Er wolle nicht den Moralfinger schwenken, sagt Winkler: «Es ist auch eine Erinnerung an mich selber, vermehrt Stellung zu beziehen. Mehr und mehr Leuten wird bewusst, dass man für die Werte unserer Gesellschaft immer wieder neu einstehen muss.» Ironie sei aber dafür oft ein Ausweg: ein Stilmittel, das über alles erhaben ist, ohne konstruktiv sein zu müssen.

Von links: Hannes Herger, Dani Hug und Jonathan Winkler – zusammen mit dem Rhythm-Ace-Drumcomputer.
Von links: Hannes Herger, Dani Hug und Jonathan Winkler – zusammen mit dem Rhythm-Ace-Drumcomputer. (Bild: zvg)

Dass Hermann in anderen Texten selber auf Ironie zurückgreift, ist dabei kein Widerspruch. Bassist Hannes Herger erklärt: «Man kann mit Ironie einen Umstand kritisieren und damit einen klaren Standpunkt vertreten. Wir kritisieren, wenn man sich über Ironie gänzlich der Verantwortung entzieht und sich über jeden Standpunkt erhöht.»

Aber die Texte behandeln auch andere gesellschaftliche Themen. Beim Text für den Song «Plakat» (siehe Video) sind Hermann von einem konkreten Bild ausgegangen: Ein Mann steht in der Stadt mit einem Plakat und singt seine Lieder. «Als Luzerner lässt sich Emil Manser darin erkennen», sagt Winkler, «aber es gab auch einen Grossonkel von mir, der in Zürich in den 60er-Jahren mit einer Plakatkampagne auf die Strasse ging.» Dieses Bild sei der Anstoss für die Geschichte gewesen: «Was erlebt der Mann, wie reagieren die Menschen auf ihn, was treibt ihn um?» Zuerst hätten sie sich die Geschichte überlegt, dann «füllten wir sie mit Inhalt», so Winkler.

Die Beziehung zu Manuel Stahlberger

Der eingangs erwähnte Vergleich zum charismatischen Mundartlyriker Manuel Stahlberger kommt nicht zufällig. Klar, kluge Dialekt-Texte und sorgfältig komponierte Musik kennt man in Luzern bereits von Nick Furrer mit Haubi Songs oder natürlich Lokalmatador Tobi Gmür. Aber Hermanns Parallelen in die Ostschweiz sind augenfällig: Stahlberger taucht selber im Album auf – namentlich im Song «Sie luegt üs bös a».

«Das ist die einzige Episode auf dem Album, die sich tatsächlich so zugetragen hat», lacht Winkler. Er habe zusammen mit Manuel Stahlberger ein Bligg-Konzert besucht – eine absurde Angelegenheit. «Vorne spielte Bligg und ging voll ab – und hinten neben mir stand der nachdenkliche Manuel Stahlberger. Als Bligg das Publikum mit ‹Zigizagi, zigizagi›-Rufen animiert hat, standen wir staunend da – und wurden dann von einer Konzertbesucherin zusammengestaucht, weil wir nicht ‹Hoi, hoi, hoi› mitbrüllten. Es war eine wunderbare Kollision von zwei Welten.» 

Hermann, gezeichnet von Manuel Stahlberger:

 

Die Songtexte schreiben sie teilweise zusammen, Herger und Winkler, oft im Ping-Pong-System. «Manchmal habe ich eine gute Idee», so Winkler, «aber bald verfalle ich in Klischees oder die gleichen Bilder wie zuvor.» Zu zweit würde sich der Text unvorhergesehener entwickeln. Dennoch: Als so akribische Texter, wie Stahlberger einer sei, sehen sich Hermann nicht.

«Bei mir passiert mehr spontan, die Worte fallen oft an ihren Platz, manchmal auch nur, weil das Wortbild zum Song passt. Manuel schraubt viel länger an jedem seiner Worte», sagt Winkler. Herger ergänzt: «Ich wäre gerne noch wortgewaltiger. Eine Aussage in eine wunderbare Geschichte zu verpacken, das ist sehr anspruchsvoll.»

Das Album auf der Kassette

Das Album entstand im Winter bei Timo Keller im «Studio vom Dach». Inzwischen ist es bereit für den Release – in Kassettenform. Es passt zum analogen Sound von Hermann: Wie Synths und Drum Machine sind auch die Kassetten aus einer prä-digitalen Zeit. Ebenfalls erscheint das Album im August als Vinyl-Platte. Es spielt aber keine Rolle, ob man noch einen Kassettenspieler oder einen Plattenspieler besitzt: Für die Nicht-Nostalgiker kommt jede Kassette und jede Platte mit einem digitalen Download-Code. Ganz kann sich auch Hermann der Moderne nicht entziehen.

So sieht das neue Hermann-Album aus.
So sieht das neue Hermann-Album aus. (Bild: pze)

Dass es überhaupt einen physischen Release gibt, ist einer speziellen Vorliebe Winklers zu verdanken: «Das Schönste an den Konzerten ist das Stehen am Merchandise-Tisch nach dem Konzert. Dort ergeben sich spannende Begegnungen und Unterhaltungen. Aber dafür mussten wir etwas produzieren, das sich verkaufen lässt.»

Zu kaufen gibt's das Album am Tag ihrer B-Sides-Show. Für Freitag um 17.15 Uhr hat die Band einen speziellen Wunsch: «Wir wünschen uns einen kurzen, aber heftigen Platzregen während unseres Konzerts, der die Leute zu uns ins Zelt treibt.»

Hinweis: zentralplus ist Medienpartner des «B-Sides-Festival».

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