Hauptmann thematisiert mit seiner Gesellschaftstudie soziale Missstände und das Verhältnis zwischen Herr und Diener. (Bild: Ernst Kramer)
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Hauptmann thematisiert mit seiner Gesellschaftstudie soziale Missstände und das Verhältnis zwischen Herr und Diener. (Bild: Ernst Kramer)

Aus Klamauk wird gefährlicher Irrsinn

4min Lesezeit

Mit «Schluck und Jau» des Literatur-Nobelpreisträgers Gerhart Hauptmann zeigt die Theatergesellschaft Malters eine gesellschaftskritische Komödie. Eine Hofgesellschaft verspricht sich auf Kosten zweier armer Schlucker ein bisschen Unterhaltung. Aus Spass wird aber bitterer Ernst.

Marlis Huber

Eine Hofgesellschaft versinkt in der Langeweile. Der morbide Zustand dieser Menschen zeigt sich darin am deutlichsten, dass es nur noch darum geht, die schöne, aber völlig unglückliche Prinzessin Sidselill zum Lachen zu bringen. Fürst Jon Rand, eigentlich geblendet von der Schönheit seiner Angebeteten, sagt es in einem seltenen Anflug von Klarheit so: «Du sonderbares Kind! Ernst sitzt sie da, wo andre fröhlich sind, und wenn ein Herze blutet, lacht sie.» Vor den Toren des Jagdschlösschens greift Junker Karl nun den sturzbetrunkenen Jau und seinen Kumpel Schluck auf. Mit diesen beiden werden er und die ganze Entourage des Hofs im Folgenden ihren Schabernack treiben.

Freilichtspiel vor grandioser Kulisse

Die Theatergesellschaft Malters zeigt mit dem Stück «Schluck und Jau» von Gerhart Hauptmann (1862–1946), was mit einer Spassgesellschaft passieren kann: Klamauk artet aus zu Irrsinn und wird plötzlich gefährlich. Am Mittwoch war Premiere und die zahlreich erschienenen Besucher sassen vor einer prächtigen und stimmigen Kulisse: Die Ramstein-Schüür auf der rechten Seite und das Herrenhaus der ehemaligen Weinhandlung Siegrist auf der linken bilden nämlich exakt die sozialen Verhältnisse der beiden Protagonistenpaare Schluck und Jau sowie Jon Rand und Karl ab. Das alte Garagengebäude in der Mitte ist von der Bühnen- und Kostümbildnerin Anna Maria Glaudemanns hervorragend in das besagte Jagdschlösschen umgestaltet worden.

Sprache schafft Realität

Die zwei Trunkenbolde lassen sich nun vom suggestiv verdrehten Geschwätz der Höflinge einlullen, bis Jau glaubt, er sei der Fürst in persona, und Schluck sich bereit erklärt, in Frauenkleider zu schlüpfen, um die Fürstin zu spielen. Die Stimmung der Hofgesellschaft verkommt nun in bodenlose Blödelei und kippt in dem Moment, als Jau mit der Flinte im Raum steht. Jon Rand befürchtet Schlimmes, wenn er bestürzt feststellt: «Ich bin entthront. Hanswurst regiert.»

Kurz bevor das Geschehen vollends ausser Kontrolle gerät und Köpfe zu rollen beginnen könnten, lässt Hauptmann seine potenziellen Umstürzler aber zurückbinden. Das Stück endet so, wie es begann, die Verhältnisse bleiben unverändert. Ein reaktionäres Ende also? Im Wissen darum, dass Hauptmann später im Nationalsozialismus eine zwiespältige Position vertreten sollte, lässt sich diese Vermutung nicht ganz vom Tisch wischen.

Noch etwas zeigt das Stück aber in aller Deutlichkeit: Sprache schafft Realitäten. 

Das Stück deswegen als schlecht zu verurteilen, wäre jedoch gänzlich verfehlt. Dafür ist es viel zu raffiniert aufgebaut. Der Regisseur Livio Andreina beurteilt es so: «Niemand hat etwas dazugelernt. Hauptmann thematisiert mit seiner Gesellschaftsstudie soziale Missstände, das Verhältnis zwischen Herr und Diener, Sein und Schein, auch zwischen Traum und Wirklichkeit.» Noch etwas zeigt das Stück aber in aller Deutlichkeit: Sprache schafft Realitäten. 

Ein Stück mit beunruhigender Aktualität

Gisela Widmer stellt in der Einführung fest: «Im Hinblick darauf, was sich zurzeit auf der politischen Weltbühne abspielt, erfährt das Stück, das Hauptmann um 1900 geschrieben hat, plötzlich eine beunruhigende Aktualität. Aus Spass wird plötzlich ernst.» Inhaltlich und szenografisch am Original festhaltend, bestand die Arbeit der bekannten Theaterautorin vor allem darin, den Text ins Luzernerdeutsche zu übersetzen. Um die gehobene Sprache der Hofgesellschaft von jener der Trunkenbolde Schluck und Jau abzuheben, hat sie diese, wie bereits Hauptmann es tat, mit viel Witz und Sprachgefühl in Blankverse gefasst.

Bruno Amstad unterstreicht mit seinen Klangkompositionen den unheimlichen, wahnhaften Charakter des Geschehens exzellent. Mit dieser akustischen Begleitung verleiht er dem hundertjährigen Stück genau jene Modernität, welche die vermeintliche Distanz des Adels von einst und der heutigen Gesellschaft auf geschickte Weise infrage stellt.

Starke Leistung von Laienschauspielern

Schluck und Jau ist eine tolle Produktion. Die Leistungen der beiden Hauptdarsteller Jürg Gilli und Markus Keller in den Rollen von Schluck und Jau sowie der ganzen Theatergruppe sind grossartig. Spürbar ist auch die Begeisterung und Freude der professionellen Theaterleute, mit motivierten Laienschauspielern zu arbeiten und ihr Wissen und Können weiterzugeben. Das ist im wahrsten und besten Sinne Volkstheater.

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