Das Trio Chausson zeigt eine sehr körperliche Ausführung mit ihren ausladenden Bewegungen. (Bild: Ingo Hoehn)
Kultur Rezension

Das Trio Chausson zeigt eine sehr körperliche Ausführung mit ihren ausladenden Bewegungen. (Bild: Ingo Hoehn)

Musik und Bild feiern Zauberhochzeit

4min Lesezeit

Livemusik zu Film lockt in Luzern regelmässig ein grosses Publikum ins KKL. Im Bereich der Klassik sind solche Abende eher ungewohnt. Das Zaubersee-Festival ist eine erfreuliche Ausnahme und schafft Beziehungen zwischen Bild und Musik gekonnt.

Daniel Spiesecke

Der erste Teil des Konzerts führte in zweierlei Weise in die Verbindung von Hören und Sehen ein. Coplands «Vitebsk, Studie über ein jüdisches Thema» hat durch seine lautmalerischen Elemente eine unmittelbare visuelle Dimension. So malte das Klavier in Kontrast mit den Streichern gleich zu Beginn das Blasen einer Schofar nach.

Auch andere Elemente des jüdischen Dorflebens fliessen in die Komposition ein. Die grosse emotionale und dynamische Variation des Stücks geht bis hin zu Jazz und Klezmer. Derart sinnliche Musik braucht keine visuelle Begleitung, um im Kopf der Zuhörer Bilder zu zeichnen.

Das zweite Stück des Abends, Maurice Ravels «La Valse» von 1920, entstand als Ballett. Der Auftraggeber des Stückes beklagte aber, Ravel habe eher das Abbild eines Balletts in Noten gebracht. Tatsächlich lässt Ravels Musik offen, ob sie den Walzer in den Rang einer anspruchsvollen Komposition erheben möchte oder gerade das für unmöglich erachtet. Die impressionistische Behandlung des Tonmaterials bricht mit den gewohnten Tanzmelodien und ist auch rhythmisch so kreativ, dass keine Tanzgesellschaft mit dem Ergebnis zufrieden wäre. Das Trio Chausson zeigte eine sehr körperliche Ausführung und ihren ausladenden Bewegungen fehlt nicht mehr viel, um selbst als eine Art von Tanz durchzugehen.

Chagall zum Höhepunkt

Die Grundmotive Musik, Bilder und Tanz waren damit eingeführt. Zeit für den Höhepunkt des Abends: das Klaviertrio Tschaikowskis von 1882, das zusammengenommen mit einem Gedicht Puschkins 1942 als Ballettmusik zu «Aleko et Zemphira au clair de lune» adaptiert wurde, zu welchem wiederum Marc Chagall Bühnenbild und Kostüme erstellte. Auf einer Leinwand lief dazu eine Bildaufnahme der Choreografie dieser Produktion.

Meret Meyer, Enkelin von Chagall, berichtete aus dem Leben ihrer Familie im New York der 30er- und 40er-Jahre. Erfreulicherweise diente ihr Beisein nicht nur dazu, den Glamour-Faktor der Veranstaltung im Hotel Schweizerhof zu steigern; ihre persönlichen Erinnerungen an den berühmten Grossvater wusste sie informativ kunsthistorisch einzuordnen. Als Chagall die Arbeit für das Bühnenbild annahm, habe er sich sofort in die Arbeit gestürzt und die ganze Familie nahm daran teil. Ihre Mutter habe die dem Ballett zugrunde liegenden Verse Puschkins rezitiert und Musik von Tschaikowski half dem Maler, die musikalischen Ideen in Skizzen und später auf Leinwände zu übertragen.

Viele der Entwürfe werden bis heute im New Yorker MoMa ausgestellt, auch die Kulissen sind wieder aufgetaucht. Zwei Exponate schafften es bis an den Vierwaldstätter(zauber)see: Originalkostüme aus der Produktion von 1942, vom Meister selbst entworfen und bemalt.

Die Vermählung von Kunst und Musik

Trotz der vielen Sinneseindrücke hatte das fantastische Trio Chausson keine Schwierigkeiten, im Mittelpunkt zu stehen. Tschaikowskis Trio besteht nur aus einem elegischen ersten Satz und einem Variationensatz. Dieser ist aber derart ausladend, dass die Aufführungszeit intensive 50 Minuten dauert. Die letzte, sinfonieartige Variation geht in eine Coda über und ist damit eigentlich ein voller dritter Satz. Bemerkenswert, wie es den Musikern gelingt, der Musik die volle Konzentration zu widmen und die Aufmerksamkeit des Publikums mal auf den perfekt synchron laufenden Film und mal stärker auf die akustischen Eindrücke zu lenken.

Die drei enthusiastischen Musiker machten damit dem Publikum verständlich, warum die Choreografin Léonide Massine das eigentlich nicht für die Bühne vorgesehene Tschaikowski-Trio für ihre Kompanie in Anspruch nahm. Somit lag an diesem Abend die Verantwortung für die «Vermählung von Musik und Kunst», wie Meret Meyer es nannte, sehr gut aufgehoben in den Händen der drei Musiker.

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