Hazel B. Unlimited im Kleintheater Luzern. (v.l.n.r. Hazel Brugger, Mike Müller, Helene Aecherli) (Bild: Laura Livers)
Kultur Rezension

Hazel B. Unlimited im Kleintheater Luzern. (v.l.n.r. Hazel Brugger, Mike Müller, Helene Aecherli) (Bild: Laura Livers)

Wenn Laufenten die Talkrunde beflügeln

6min Lesezeit

Wenn Hazel Brugger ins Kleintheater einlädt, gehen die Tickets weg wie warme Weggli. Diesen Mittwoch war’s nicht anders. Hazel B. Unlimited, die etwas andere Talkshow, im ausverkauften Kleintheater Luzern, und zentralplus mittendrin in diesem Abend, an dem die Chemie nicht ganz stimmen wollte.

Laura Livers

Es war eng auf dem Trottoir beim Bundesplatz an diesem lauschigen Mittwochabend. Logisch, Hazel spielt. Für ihre Soloshow letzten November waren die Tickets innert zwei Stunden weg, für «Hazel B. Unlimited» gab es noch Restkarten an der Abendkasse, aber auch die waren bald weg.

Die Wortkünstlerin Hazel Brugger sorgt seit Jahren für Furore. Ihre frotzelige Art, ihr ungelenkes Auftreten in Jeans und T-Shirt und der böse Humor mit ihrem Schlechte-Laune-Gesicht haben es nicht nur den Deutschschweizern, sondern gar den Deutschsprachigen angetan. Vom deutschen Kleinkunstpreis bis zum Salzburger Stier ausgezeichnet, im Neo Magazin Royale, der Heute Show und in der «Anstalt» zu Gast, lädt sie in Zusammenarbeit mit der Literaturbühne Loge zur Talk-Runde im Kleintheater Luzern.

Zwei Gäste, die einen eigenen Text mitbringen, Hazel Brugger moderiert und zum Schluss werden Fragen aus dem Publikum vorgelesen und beantwortet. Ein eher unspektakuläres Format, aber wer Brugger schon mal live erlebt hat, ahnt, dass auch dieses Format sehr spannend sein wird. Nach einer Einleitung zur medizinischen Besonderheit des Juckreizes erscheint der erste Gast, bekannt durch Giaccobo/Müller oder die TV-Serie «Der Bestatter»: Mike Müller. Er habe erst gerade ein Bühnenstück fertiggeschrieben, darum werde er keinen Text vorlesen. «Kein Problem», meint Brugger. «Dann reden wir halt einfach so.»

Ein Gespräch unter Freunden

Wenn Hazel Brugger und Mike Müller ein Gespräch zu Unterhaltungszwecken führen müssen, dann machen sie das mit der Attitüde zweier leicht angeheiterter Besucher eines öffentlichen Anlasses: ein bisschen deftig, ein bisschen foppend, aber nie ausufernd. Was sie denn so können müsse, um zu schauspielern, fragt Brugger. «Texte auswendig lernen und sich erinnern, wo die Möbel stehen, damit man nicht dagegen stösst», antwortet Müller, während er versucht, es sich auf dem zu klein geratenen roten Sessel bequem zu machen.«Das hat mit Authentizität nichts zu tun. Ich will als Schauspieler nicht fühlen, was meine Figur fühlt. Das ist doch scheisse.»

Die Unterhaltung driftet schnell ab, sie springen von Thema zu Thema und nehmen sich gegenseitig hoch. «Letzten Winter ist mir der Nagel meines grossen Zehs abgefallen», wirft Müller ein. «Aber das erzähl ich nur, weil ich weiss, dass du so eklige Sachen magst.» «Am besten wohnt man immer da, wo es am beschissensten ist», entgegnet Brugger. «Dann muss man nicht mehr weit verreisen, weil schon das Nachbardorf so schön ist. Also zum Beispiel Dübendorf. Oder Olten. Da kommst du ja her, oder?»

«Ich will als Schauspieler nicht fühlen, was meine Figur fühlt. Das ist doch scheisse.»
Mike Müller

Es wird Zeit für den zweiten Gast des Abends, Helene Aecherli. Die gebürtige Luzernerin arbeitet vor allem als Journalistin für die Zeitschrift Annabelle und las zum Auftakt zwei Texte.

Eine ungünstige Thematik

Der erste Text handelt von den schlechten Nachrichten, die tagtäglich in den Medien zu lesen sind, und wie sie sich auf die guten Dinge konzentrieren will. Sie erzählt von ihren Reisen in den Yemen und wie sie versucht, von der Schweiz aus den Frauen in dieser patriarchalischen Gesellschaft eine Stimme zu verleihen und sie zu unterstützen. Es ist ein schwerer Text, der so gar nicht in diese Runde passen will. Das Publikum hört still zu, aber man merkt deutlich, wie die Luft im Saal dicker wird.

Der zweite Text handelt von «Afternoon delight», oder wie Aecherli es beschreibt: die Enttabuisierung von Sex, indem man die semantische Verbindung zur Nacht kappt. Das anschliessende Gespräch dreht sich um das Thema der Gleichberechtigung und des Feminismus. Beteiligt am Gespräch sind vor allem die zwei Frauen in der Runde, wenn auch auf sehr zurückhaltende Art und Weise. Es wirkt, als ob beide sich Mühe geben, ja nichts Falsches zu sagen, ja nicht zu sehr nachbohren, immer schön an der Oberfläche bleiben.

Bis zum Schluss des Gespräches wird nicht klar, ob diese Zurückhaltung darin begründet ist, dass man den Gesprächspartner bei diesem – erfahrungsgemäss heiklen – Thema nicht triggern will, oder aus Angst davor, im Nachhinein an einer bestimmten Aussage aufgehängt zu werden. Auch wenn alle drei versuchen, das Gespräch wieder in leichtere Gefilde zu manövrieren, vermag es ihnen nicht zu gelingen, und der Saal atmet auf, als endlich die Pause beginnt.

Zum Glück kam die Laufente zum Zug

Der zweite Teil beginnt, wie der erste aufgehört hat. Während Brugger die vom Publikum gestellten Fragen durchschaut, wird weiter über Gendergap und die unzureichende Schweizer Kinderbetreuung philosophiert, und bei allen kleinen Pointen und Witzchen, die eingebaut werden, vermögen sie die Schlagfertigkeit vom Anfang nicht mehr zu reproduzieren. Gerettet wird die Runde durch eine eher seltsame Zuschauerfrage. «Wo würdet ihr eine Laufente aussetzen, wenn ihr keine Verwendung mehr für sie habt?»

Genau von solchen aus dem Zusammenhang gerissenen Informationen leben solche Talk-Runden. Für einen Moment laufen Müller und Brugger zu Höchstform auf, Aecherli nur knapp dahinter. Und als eine Zuschauerin auch noch verrät, dass man Laufenten für die Schneckenvernichtung mieten kann (für läppische 250 Franken für drei Wochen), und so den drei auf der Bühne voll in die Hände spielt, dreht sich alles nur noch um diese Laufente. Weil keiner wirklich etwas über diese Ente weiss, beginnen sie der Ente Attribute zuzugestehen und erfinden am Laufmeter neue Einsatzweisen für dieses Tier.

Das Tempo zieht an und die Runde wird dynamisch – der Ehrgeiz vom Anfang des Abends, das letzte Wort zu haben, noch einen draufzusetzen, ist plötzlich nach knapp zwei Stunden endlich wieder da. Wäre das Publikum nicht so erschöpft gewesen vom Durchhänger in der Mitte, hätte es eine Zugabe verlangt. So aber blieb ihm nichts anderes übrig, als mit der Erkenntnis nach Hause zu gehen, dass auch unter den Besten die Chemie stimmen muss, damit es zieht. Und dass Enten in jeglicher Form ziemlich lustig sind.

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