Das Zuger Kunsthaus – im Vordergrund eine Installation von Tadashi Kawamata. (Bild: woz)
Kultur Kunst

Das Zuger Kunsthaus – im Vordergrund eine Installation von Tadashi Kawamata. (Bild: woz)

Frisiert das Zuger Kunsthaus seine Besucherzahlen?

5min Lesezeit

Waren es nun 15’397 oder 95’397 Kunstinteressierte, die im vergangenen Jahr das Zuger Kunsthaus besucht haben? Zugegebenermassen ein ziemlich deutlicher Unterschied. zentralplus hat nachgehakt.

Wolfgang Holz

Keine Frage. Das Zuger Kunsthaus veranstaltet jedes Jahr hochkarätige Ausstellungen. Ausstellungen, die teilweise weit über die Region Zug hinausstrahlen und von der Kunstwelt wahrgenommen und geschätzt werden. Sowohl die noch laufende Bilderschau des russischen Künstlers Pavel Pepperstein unterstreicht dies (zentralplus berichtete) wie auch die Anfang des Jahres hervorragende Ausstellung «Charaktere», bei der das Bündner Kunstmuseum zu Gast war.

Trotzdem besuchen solche Ausstellungen im Schnitt meist nicht mehr als 2’000 bis 3’000 Personen, wie im Jahresbericht des Kunsthauses nachzulesen ist. Sprich: Die Qualität der Ausstellungen spiegelt sich leider nicht immer in einem Run der Besucher ins Kunsthaus. Dies hat in den letzten Jahren schon für Diskussionen gesorgt – zumal das Zuger Kunsthaus jährlich mit einer satten Million Franken vom Kanton und der Stadt bei den Betriebsbeiträgen subventioniert wird.

In diesem Jahr scheint das Zug Kunsthaus in seinem Jahresbericht in Sachen Besucherzahlen nun in die Offensive gegangen zu sein. Denn 2016 sollen insgesamt 95’397 Kunstinteressierte sich in dem Musentempel an der Zuger Dorfstrasse getummelt haben. Dabei weist die Statistik des Zuger Stadtrats, der über das jüngste Kreditbegehren der Zuger Kunstgesellschaft und der Stiftung der Freunde Kunsthaus Zug zu befinden hatte, nur eine Zahl von 15’397 Besuchern aus. Eine deutliche Kluft.

Was ist nun richtig? Ganz sauber ist nur die Statistik des Stadtrats in der Vorlage für den Grossen Gemeinderat. Das Kunsthaus hat dagegen ein bisschen geschummelt.

Die Besucher der Zuger Messe draufgeschlagen

Denn im Jahresbericht des Kunsthauses werden die rund 80’000 Besucher, die auf der Zuger Messe waren und dort möglicherweise auch das dort ausgestellte «Ship of tolerance» gesehen haben, den Besucherzahlen im Kunsthaus von 15’397 einfach oben draufgeschlagen.

Beim «Ship of tolerance» handelt es sich bekanntlich um jenes Holzschiff des grossen russischen Künstlers Ilya Kabakov. An seinem sehr populären Kunstprojekt beteiligten sich etwa 2’500 Menschen in Zug – darunter vor allem Hunderte von Schülern, deren Bilder dann an verschiedenen Orten in Zug aufgehängt wurden.

Dabei ist gar nicht gesichert, dass jeder Zuger Messebesucher das «Ship of tolerance» bewusst als Kunstwerk wahrgenommen hat. Schliesslich sind die Angebote auf der Messe riesig: Von der Weindegustation bis zum Streichelzoo.

«Mit diesem Engagement im öffentlichen Raum, das für ein Kunstmuseum ungewöhnlich ist, sprengen wir den Rahmen der Besucherzählung und agieren in und mit der breiten Öffentlichkeit.»

Matthias Haldemann, Kunsthausdirektor Zug

In den Vorlagen des Grossen Gemeinderats werden beide Zahlen dagegen korrekt auseinandergehalten. Wörtlich heisst es in der Vorlage: «In der Statistik nicht erfasst sind die vielen Betrachterinnen in der Stadt Zug des ‹Ship of tolerance› von Ilya und Emila Kabakov (Aussenraum und Zuger Messe mit 80’000 Besucherinnen und Besucher).» Des Weiteren werden noch in Cham die Besucher der Skulptur «Once upon a time» von Marko Remec sowie die vielen ungezählten Neugierigen erwähnt, welche sich am Zuger Uferkai per Treppe unter Wasser gewagt haben, um die «Seesicht» von Roman Signer zu erleben.

Für Kunsthausdirektor Matthias Haldemann ist dieser Zahlenschacher kein wirkliches Problem. «Wir haben die offiziellen Besucherzahlen der Messe dazuaddiert und transparent ausgewiesen. In unsere Zählung nicht eingerechnet werden alle zusätzlichen Besucher der Kabakov- und Remec-Installationen in der Stadt und in den übrigen Gemeinden.»

«Der Eindruck von einer Scheinrealität könnte dadurch entstehen.»

Dolfi Müller, Stadtpräsident Zug

Das gilt für Haldemann ebenso für die beliebten Installationen von Signer und Kawamata. «Mit diesem Engagement im öffentlichen Raum, das für ein Kunstmuseum ungewöhnlich ist, sprengen wir den Rahmen der Besucherzählung und agieren in und mit der breiten Öffentlichkeit. Das erfordert eine andere Perspektive und kann nicht in absoluten Zahlen ausgewiesen werden.»

So weit so gut. Doch für Zugs Stadtpräsident Dolfi Müller, der auch Präsident der städtischen Kulturkommission ist, ruft diese Art von Zählung, wie sie hier vom Kunsthaus in ihrer Jahresstatistik betrieben worden ist, schon einen gewissen Beigeschmack hervor. «Der Eindruck von einer Scheinrealität könnte dadurch entstehen.»

«Das ist schon eine etwas fantasievolle Statistik des Kunsthauses. Ich denke aber nicht, dass jemand mit diesen Zahlen tricksen wollte.»

Richard T. Meier, Präsident der Zuger Kunstgesellschaft

Noch konkreter bringt es Richard T. Meier, Präsident der Zuger Kunstgesellschaft, auf den Punkt. «Das ist schon eine etwas fantasievolle Statistik des Kunsthauses.» Die Zuger Kunstgesellschaft ist ja der Verein, der 1957 gegründet wurde und der für den Betrieb des Zuger Kunsthauses verantwortlich ist. Die Stiftung der Freunde Kunsthaus Zug wurde 1981 aus der Taufe gehoben und ist Eigentümerin der Liegenschaft. 

Meier, als Ökonom selbst in Statistiken bestens bewandert, räumt ein, dass man die Besucherzählung des Kunsthauses hätte anders darstellen können. Gleichzeitig beschwichtigt er. «Ich denke aber nicht, dass jemand mit diesen Zahlen tricksen wollte.» Sagt’s und hat dann sogar noch einen Erklärungsansatz für den Zahlensalat und den inszenierten Besucherrun parat: «Wir vom Kunsthaus werden in unserer Arbeit sicher gewaltig unterschätzt.»

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