Stiller Has in der neuen Besetzung um Endo Anaconda (Mitte). (Bild: zvg/Michael Schär)
Kultur Musik Rezension

Stiller Has in der neuen Besetzung um Endo Anaconda (Mitte). (Bild: zvg/Michael Schär)

Der alte Hase lässt es krachen

4min Lesezeit

Stiller Has bricht auf zu neuen Ufern. Mit starken Musikern tritt Endo Anacondas bluesiger Sprechgesang etwas in den Hintergrund. Das ist ein mutiges Wagnis, das jedoch erst am Anfang steht.

Marlis Huber

Geht Stiller Has ohne Schifer Schafer? Das war die matchentscheidende Frage des Abends. Waren es doch Endo und Schifer Schafer, das in seiner eigentlichen Bedeutung eigenartige Duo voller Stil und Kanten, das den Hoppelsound die letzten 28 Jahre so unverwechselbar machte.

Um die Frage gleich zu Beginn zu klären, zeigte die Band mit dem legendären Hit «Der Aare nah», dass es ohne geht. Der Song klingt jetzt rockig, mit viel Drive und Groove.

Das alte Reptil mit neuer Band

Der neue Sound ist voll, wuchtig und ja; sehr gut. So präsentierten die neuen Hasen am Freitag ihr aktuelles Album «Endosaurusrex». Im zum Bersten vollen Konzerthaus Schüür bekam das Luzerner Publikum einen ersten Geschmack von der komplett ausgewechselten Formation um das alte Reptil.

Wenn sich andere in zunehmendem Alter in musikalisch ruhigere Gewässer begeben, gründet Endo Anaconda mit seinen 62 Lenzen also eine Rockband. Mit Roman Wyss am Keyboard, Andreas Wyss am Bass, Andi Pupato am Schlagzeug und Boris Klečić an der Gitarre haben sich hervorragende Musiker zusammengefunden.

Die komplett ausgewechselte Formation um das alte Reptil Endo Anaconda.
Die komplett ausgewechselte Formation um das alte Reptil Endo Anaconda. (Bild: mhu)

Im Vergleich zum alten Hasen tritt damit Anacondas Gesang etwas in den Hintergrund. Mit der neuen Band verlässt Endo Anaconda gleichzeitig sein angestammtes Revier der Kleinkunstbühne. Das ist durchaus ein Wagnis, nicht zuletzt weil damit zu einem guten Teil sein umrahmendes Bühnenprogramm entfällt. Zusammengefasst liesse sich sagen, dass aus Stiller Has zurzeit mehr Musik und weniger Kleinkunst wird.

Neuer Sound mit alter Grösse

Dass Endos Rumpelreime zum Blues oder zur Ballade passen, wissen wir von früher. Die neuen Musiker zeigen nun, dass sie auch zu Reggae, Südstaatenrock, Country und Tango gehen. Internationale Einflüsse zeigen sich aber auch in den spanischen oder slavischen Klängen, die ab und zu herauszuhören waren.

Im Lied «Fischelet» etwa tritt der neue Sound mit der alten Grösse des Sprachkünstlers Endo in einen genialen Dialog. Dieser gelingt noch nicht bei jedem Stück gleich gut. Manchmal verschwimmt die Wucht des Ganzen zusammen mit Endos Gesang zu einer musikalisch etwas indifferenten Melasse. Eine starke Band, die sich also noch nicht ganz gefunden zu haben scheint – und bei der eine gewisse Scheu zu spüren ist, zu zeigen, was in jedem einzelnen steckt. Die Musiker scheinen zusammen noch etwas verhalten.

Poet mit Galgenhumor

Trotz allem: Um den verschrammten Planeten kreisen wie Trabanten auch die neuen Musiker. Ohne seinen charakteristischen Gesang gäbe es definitiv kein Stiller Has. Endo Anaconda ist und bleibt ein Mann der Sprache, einer der seine durchzechten Nächte in Reime fasst, ein dem Teufel «abem Charre gheite Bärner Troubadour».

Seine verruchten, rauf und runter deklinierten Verse scheinen trotz allem irgendwie auf dem Boden des edlen Mani Matters zu wurzeln. Er ist und bleibt ein Poet mit Galgenhumor, manchmal ein hadernder Whiskytrinker, ein gescheiterter Frauenliebhaber, ein um die Häuser ziehender Strassenräuber, ein taumelnder Nachtwandler. Einer, der sich mit Whisky bis in die Morgenstunden über Wasser zu halten versucht und natürlich ständig zu kentern droht.

Poet mit dem Blues im Blut: Endo Anaconda in der Schüür.
Poet mit dem Blues im Blut: Endo Anaconda in der Schüür. (Bild: mhu)

Anaconda ist der Poet, der den Blues im Blut hat und der sich abwechselnd jammernd und polternd entlang der Verzweiflung singt. Und wir alle, die ihm die vielen Jahre zuhören, wissen, wovon er spricht.

Das alles ist natürlich unglaublich anstrengend. Nur verständlich deshalb, dass Endo etwas ermattet wirkte. Nur Mut, Endo, möchte man ihm zurufen, wenn er dem Publikum gesteht: «Es macht so müed!»

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