Sabina Oehninger (links) und Tatjana Erpen mit Metalldetektor und Riesenbibel. Was man halt so findet in einem Haushalt. (Bild: jwy)
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Sabina Oehninger (links) und Tatjana Erpen mit Metalldetektor und Riesenbibel. Was man halt so findet in einem Haushalt. (Bild: jwy)

Aussen flott, innen wild: Das Gelbe Haus

9min Lesezeit

Im Luzerner St.-Karli-Quartier steht ein gelbes Haus – nein falsch: DAS Gelbe Haus. Es ist seit über zehn Jahren Wohn- und Produktionsort für 17 Künstler und Musiker. Jetzt ist es frisch renoviert und wird am Samstag der Öffentlichkeit gezeigt. Innen wurde aber nichts angetastet, die Bewohnerinnen wollten es so.

Oberhalb der St.-Karli-Strasse thront etwas versteckt das Gelbe Haus. Das bald 100-jährige Gebäude würde auf den ersten Blick eher als Wohnhaus durchgehen denn als kreativer Produktionsort. Vor allem jetzt, wo die Fassade wieder frisch gepinselt ist, die Kupferabdeckungen glänzen und neue Fenster und Läden das hübsche Haus mit grandioser Aussicht zieren.

Doch die Hülle täuscht, das Gelbe Haus ist seit 2004 Heimat für 17 Kulturschaffende: Musiker, Illustratorinnen, bildende oder angewandte Künstler nutzen die Zimmer über drei Stockwerke ganz individuell. Manche löten Effekte, andere zeichnen, malen oder wohnen auch da. Zwei Küchen und ein Wohnzimmer zeugen vom geselligen Miteinander.

Mehr Gross-WG als Atelier

Zwei Nutzerinnen führen durch die Räume, von denen keiner dem anderen gleicht. Grafikerin und Künstlerin Sabina Oehninger ist Mieterin der ersten Stunde; Künstlerin Tatjana Erpen wohnt und arbeitet sei 2011 im Haus, hat aber für die Kunstproduktion noch ein externes Atelier. «Das ist oft materialintensiv, dafür sind die Zimmer hier zu klein», sagt Erpen. Ein altes Gewerbegebäude wäre besser. «Dafür geniessen wir den Luxus, dass alle eigene Zimmer haben», so Oehninger.

Ein Atelier der eher aufgeräumten Sorte.
Ein Atelier der eher aufgeräumten Sorte. (Bild: jwy)

Hier ein Holzboden, da nackter Stein, im einen Zimmer herrscht kreatives Chaos, im anderen penible Ordnung. «Wir haben hier die Freiheit, Böden rauszureissen oder Wände zu streichen, so bleibt es individuell», sagt Oehninger.

Das Haus hat mehr den Charakter einer Gross-WG als den einer Ateliergemeinschaft – tatsächlich ist es beides. «Wir legen Wert drauf, dass hier Leute wirken, die freie, eigene Arbeiten machen und nicht nur Auftragsarbeiten erfüllen», sagt Erpen.

«Frisch, frei, flottgemacht»

Wer das renovierte Gelbe Haus besichtigen will, hat am Tag der offenen Tür Gelegenheit: Am Samstag 6. Mai, von 12 bis 18 Uhr, führt ein künstlerischer Parcours ins und ums Gelbe Haus, Reussport 5, Luzern.

Pflänzchen und Basteleien

Überall hängen Schnipsel, Basteleien, Kunstwerke, dazu Dutzende Pflänzchen, die frisch spriessen. Im Keller steht die Bühnendeko der kürzlichen Plattentaufe von Blind Butcher, die ebenfalls Mieter sind (zentralplus berichtete). Man entdeckt im Haus allerhand über die Jahre Liegengebliebenes. Neue Leute kommen, andere gehen, manche bleiben.

Ein Künstlerleben ist unstet, aber die meisten bleiben mit dem Gelben Haus verbunden, etwa das Duo Lipp&Leuthold, das hier lange wirkte, inzwischen aber weitergezogen ist. Vor der Tür entdeckt man eine ihrer neuen Konstruktionen der Stanser Musiktage (zentralplus berichtete).

Das Gelbe Haus ist weit mehr als eine Zweckgemeinschaft – eine selbstverwaltete Maschinerie. Dafür erwartet es von seinen Mietern Einsatz: «Der Unterhalt des Hauses mit Umschwung gibt viel zu tun», sagt Erpen. Kleinere Reparaturen erledigt man selber, es gehe dauernd irgendetwas kaputt. Dazu kommen Administration, Organisatorisches und gelegentliche Veranstaltungen.

Innen wurde nichts angetastet

Nach bewegter Geschichte und 12 Jahren kreativer Nutzung hat das Haus im letzten Halbjahr die nötige Renovation erhalten: Dach, Fenster und Heizung wurden ersetzt und der Keller ausgebaut. Die Innenräume hat man aber bewusst belassen, wie sie waren. Jeder Nutzer hat über die Jahre seine Spuren hinterlassen und so seinen Teil zur sichtbaren Geschichte beigetragen.

Das Gelbe Haus kurz nach der Sanierung.
Das Gelbe Haus kurz nach der Sanierung. (Bild: zvg)

Die Mieter wollten explizit nicht, dass innen etwas verändert wird. «Weil es völlig reicht, wie es ist. Wenn wir etwas ändern wollen, dann machen wir das selber», sagt Oehninger.

Die Zukunft des Gelben Hauses ist nun gesichert – baulich wie strukturell. «Mir bedeutet am meisten, dass das Haus als künstlerische Produktionsstätte erhalten bleibt», sagt Catherine Huth, Präsidentin des Stiftungsrates. «Mit dem Kauf und der Sanierung haben wir es geschafft, dass den Mietern nicht irgendwann das Dach auf den Kopf fällt.»

Phase der Unsicherheit

Trotz Sanierung war der grösste Teil des Gebäudes stets in Betrieb, wenn auch unter erschwerten Bedingungen. Jetzt können die Künstler wieder in Ruhe ihrer Arbeit nachgehen – das Haus wieder «rückerobern», wie es Huth nennt. Und man kann das Haus am Samstag stolz der Öffentlichkeit präsentieren.

«Die Vorstellung, dass auch in 40 Jahren wieder 20-jährige Künstler hier drin sind, ist ziemlich aufregend.»

Sabina Oehninger, Künstlerin

Im Treppenhaus schweissen zwei Männer noch an einem neuen Geländer, im Garten baut ein Bewohner einen Pizza-Ofen, noch ist nicht ganz alles parat für den Tag der offenen Tür.

Dass das Gelbe Haus frisch erstrahlt, ist alles andere als selbstverständlich – dem tipptoppen Zustand ging ein langes Ringen und eine Phase der Unsicherheit voraus.

Die Mieter mussten aktiv werden

Das Haus – einst Unterkunft für Krankenschwestern, später Asylzentrum – stand einige Jahre leer, bis es Kulturschaffende ab 2004 für sich nutzten und bewohnten. Das Gelbe Haus war geboren, damals noch als Zwischennutzung. Der Kanton als Eigentümer vermietete die Räume günstig, doch irgendwann würde er andere Pläne mit dem Haus haben.

«Es durfte einfach nicht sein, dass uns das Haus jemand vor der Nase wegschnappt.»

Catherine Huth, Stiftung Gelbes Haus

Als eine Umzonung des Grundstücks von einem öffentlichen Zweck in eine Wohnzone näherrückte, wussten die Mieter: Wollen sie das Haus als zahlbaren kreativen Hotspot erhalten, müssen sie aktiv werden. Das Weibeln, Zittern und Bibbern begann (zentralplus berichtete):

  • 2012 organisieren sich die Mieter zu einem Verein. Der Vorstand lobbyiert, vernetzt und informiert sich, wie man den Betrieb sicherstellen kann, und erhält erste finanzielle Zusagen. Voraussetzung: Gründung einer Stiftung.
  • 2013: Die Umzonung in ein Wohngebiet ist Realität.
  • Im Frühling 2014 schreibt der Kanton den Verkauf des Hauses am Reussport 5 aus.
  • Im Oktober 2014 gründet man die Stiftung Gelbes Haus nach den Vorbildern Progr in Bern und der Ateliergemeinschaft Bildzwang auf der anderen Reussseite.
  • Februar 2015: Die Stiftung erhält ein Vorkaufsrecht und übernimmt die Liegenschaft im Baurecht bis 2060 – der Boden bleibt im Besitz des Kantons. Bis zum Schluss hätten andere Interessenten mit einem höheren Gebot vorpreschen können.

Ohne Albert-Koechlin-Stiftung würde das Haus wohl heute jemand anderem gehören. Die AKS leistete einen grossen Beitrag sowohl an den Kaufpreis von 830’000 Franken wie auch an die Sanierungskosten von gut 750’000 Franken. Andere Unterstützter folgten: Kanton und Stadt Luzern, weitere Stiftungen sowie private Gönner gaben Geld.

Auch der Verein selbst leistete seinen Beitrag an die Renovation in Form von Handarbeit. Jedes Mitglied verpflichtete sich zu mindestens fünf Tagen Arbeit, für die man sonst Handwerker gebraucht hätte.

Einblick in die Welt eines Bassisten.
Einblick in die Welt eines Bassisten. (Bild: jwy)

Scheitern nicht erlaubt

Trotz Unsicherheiten glaubte Catherine Huth immer an den Kauf: «Es durfte einfach nicht sein, dass uns das jemand vor der Nase wegschnappt.» Die Stiftung ist heute Eigentümerin des Hauses, vermietet es und sichert die langfristige Finanzierung.

Tatjana Erpen und Sabina Oehninger, beide Gründungsmitglieder des Vereins, erhielten mit dem Kauf die Gewissheit, dass es weitergeht. Jetzt kommt dazu, dass das Haus wieder gut in Schuss ist. «Wir wollten einfach hier drinbleiben», sagt Tatjana Erpen. Die Absicht, das Haus zu kaufen, stand anfangs nicht im Vordergrund.

«Wir haben es immer gehofft, aber nie wirklich gedacht, dass wir das auf die Beine stellen können – und sogar noch die Verantwortung für den Betrieb im Haus halten können», sagt Sabina Oehninger und fügt hinzu: «Die Vorstellung, dass auch in 40 Jahren wieder 20-jährige Kunst- und Kulturschaffende hier drin sind, ist schon ziemlich aufregend.»

Mehr Bilder aus dem Gelben Haus in der Galerie:

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