Malerische Szene aus «Ins Holz» – das Floss nimmt Form an. (Bild: Filmstill «Ins Holz», Pressestelle Kurzfilmnacht 2017)
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Malerische Szene aus «Ins Holz» – das Floss nimmt Form an. (Bild: Filmstill «Ins Holz», Pressestelle Kurzfilmnacht 2017)

Flösserei, ein bodenständiges Thema: viel Holz, viel Seele

7min Lesezeit

Die Flösserei – ein uraltes Handwerk – hat am Ägerisee technischen und wirtschaftlichen Veränderungen getrotzt. Zwei Zentralschweizer Filmemacher haben die Tradition festgehalten. Diesen Freitag feiert der Film in Luzern seine Schweizer Premiere. zentralplus hat sich den Film mit der Luzerner Co-Regisseurin angeschaut.

Flössen – darunter versteht man gemäss Lexikon den Transport von Holzstämmen über grössere Gewässer zu Talbecken oder Talflüssen. Dabei werden gefällte Stämme – wie der Name vermuten lässt – zu Flössen zusammengebunden und zu Gewässern oder Stellen geleitet, wo sie leicht wieder herauszuheben sind. Verbreitet war diese Technik vom Mittelalter bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts; sie stellte die einfachste und billigste Transportart dar. Mit dem Aufkommen der Eisenbahn änderte sich dies schliesslich.

Tradition gepaart mit Effizienz

Verbreitet ist das Flössen heute nur noch in vereinzelten nordischen Ländern und – schweizweit einzigartig – in der Zuger Gemeinde Ägeri. Gemäss einer Publikation der Korporationen Ober- und Unterägeri besteht zwischen den beiden Institutionen seit 1733 eine Zusammenarbeit für das Holzen und Flössen. Heute funktioniert das so: Alle vier bis fünf Jahre werden im Winter im Bergwald Bäume geschlagen. An einem bestimmten Tag, dem sogenannten «Reisttag», können neugierige Beobachter erleben, wie das Holz vom Wald ans Seeufer gelangt. Aus den langen Stämmen wird die Form oder das Gerüst gebunden, die kleineren Stämme finden nach und nach darin Platz.

Kurzfilmnacht Schweiz 2017

Seit dem 24. März tourt die Kurzfilmnacht durch Schweizer Kinos. Am Freitag, 28. April, macht sie halt in Luzern: Bourbaki und stattkino zeigen neben der exklusiven Vorpremiere von «Ins Holz» mit dem Programm «Swiss Shorts» auch weitere Kurzfilme aus der Schweiz. Im Anschluss gibt es auch englische und französische Produktionen zu sehen.

Einige Zeit später findet dann die eigentliche Überfahrt des Flosses über den See statt; zum letzten Mal war dies am 5. März 2016. Die Baumstämme werden dann mithilfe von zwei kleinen Motorbooten und unter den Augen zahlreicher Zuschauer über den Ägerisee geflösst. Dies entweder bis nach Unterägeri, wo die Stämme im Dorf aus der Lorze gehoben werden. Oder nach Oberägeri, wo man das Holz am Seeplatz wieder aus dem Wasser hebt. Weiter geht die Reise der einzelnen Flossteile dann per Lastwagen. Seit 2004 findet im selben Jahr dann auch ein «Flösserfest» statt, dieses allerdings im Sommer.

Wieso setzt man in Ägeri immer noch auf diese Methode? Ägerital Tourismus beschreibt sie als einzige Möglichkeit, die Bäume überhaupt zu transportieren. Das Gelände beim Bergwald sei sehr steil und für den Abtransport auf eine andere Art schlicht nicht geeignet. Auch für die beiden Korporationen ist das Flössen nicht nur altes Handwerk und Tradition, sondern sogar immer noch die effizienteste und wirtschaftlichste Art, die geschlagenen Stämme nach Unter- und Oberägeri zu bringen. «Ins Holz» nun ist ein Kurzfilm, der das Flössen cineastisch darstellen will.

Flössen als atmosphärisches Kinoerlebnis

Die Luzernerin Corina Schwingruber Ilić ist die Co-Regisseurin des Flösser-Films. Sie erklärt: «Ich bin eigentlich eher spät zum Projekt gestossen, als der Dreh schon im Gang war.» Vom Kurzfilm existiert eine längere Version mit dem Titel «Vom Flössen am Ägerisee», der letztes Jahr in Zug Premiere gefeiert hat und danach an den Solothurner Filmtagen lief. «Regisseur Thomas Horat von Mythenfilm hat mich dann angefragt, für diesen den Schnitt zu machen. Danach sollte ich den Film auch auf Kurzfilmlänge cutten – so kam ich dann auch als Co-Regisseurin hinzu.»

«Bei der Ankunft in Zug werden die Männer auch gefeiert.»

Corina Schwingruber Ilić, Co-Regisseurin von «Ins Holz»

Beim entstandenen 13-minütigen Streifen gibt es Unterschiede zur längeren Version: «Es wurde hier stärker auf Bilder und Atmosphäre gesetzt, um ein Kinoerlebnis zu kreieren», erklärt uns Schwingruber Ilić. «Dabei ist die hervorragende Arbeit des Luzerner Kameramanns Luzius Wespe herauszuheben.» Das längere Werk hingegen habe einen stärker informativen Charakter.

Am letzten Zipfel: ein Baum wehrt sich noch gegen den Sturz zu Boden.
Am letzten Zipfel: Ein Baum wehrt sich noch gegen den Sturz zu Boden. (Bild: Filmstill «Ins Holz», Pressestelle Kurzfilmnacht 2017)
Den Eindruck, dass der Kurzfilm sehr atmosphärisch gestaltet ist, haben auch wir, als wir «Ins Holz» vorab sichten: Weder ein Erzähler noch Musik stören das Erlebnis, man schaut den Förstern praktisch bei der Arbeit zu. «Diese und vor allem die lange Version sind auch Zeitdokumente», führt Schwingruber Ilić weiter aus. «Zwar hat man die Tradition bis heute bewahrt, aber trotzdem könnte sie auf kurz oder lang dem Fortschritt zum Opfer fallen. So bleibt nun etwas davon übrig.»

Bodenständige «Berühmtheiten»

Wir wollen von der Luzernerin wissen, wie die Protagonisten – die im Film gezeigten Förster – auf die Filmcrew und ihren plötzlichen Ruhm reagiert haben. «Ich habe den Dreh zwar nicht miterlebt, aber mein Eindruck anhand des gedrehten Materials war jedenfalls, dass alle sehr authentisch wirkten. Ausserdem war die Filmcrew scheinbar irgendwann mehr ein Teil des Teams als ein Fremdkörper», führt die Co-Regisseurin aus.

«Das Interesse am Filmprojekt übers Flössen war in Zug gross.»

Corina Schwingruber Ilić

Es sei bei den porträtierten Arbeitern schon Stolz vorhanden, aber diese seien auch sehr bodenständig, erzählt sie weiter. «Deshalb kann ich mir nicht vorstellen, dass sie sich jetzt allzu lange damit brüsten, in einem Film vorzukommen.»

Ein Förster im Bergwald bei seiner Arbeit.
Ein Förster im Bergwald bei seiner Arbeit. (Bild: Filmstill «Ins Holz», Pressestelle Kurzfilmnacht 2017)

Apropos bodenständig: Vor der Weltpremiere von «Ins Holz» am französischen Kurzfilmfestival in Clermont-Ferrand hätten sich Crew und Protagonisten zu einem Fondue-Abend zusammengefunden – in der Garage eines Försters. «Ich kann mir weiter schon auch vorstellen, dass sich viele nicht bewusst sind, dass sie jetzt monatelang in diversen Kinos an Festivals in der Schweiz und auch im Ausland zu sehen sind», lacht Schwingruber Ilić. Hingegen ist zu vermuten, dass die Tradition des Flössens die sonst eher verborgene Arbeit der Förster sichtbar macht. Dies bestätigt auch die Filmemacherin: «Bei der Ankunft in Zug werden die Männer auch gefeiert.»

«Ins Holz» feiert am 28. April seine Schweizer Premiere und wird die Kurzfilmnacht im Bourbaki einläuten. Schwingruber Ilić wird persönlich mit Regiekollege Thomas Horath vor Ort sein. Trotz der Erfahrung, dass das Schweizer Publikum oft zurückhaltender reagiert als das ausländische, ist die gebürtige Werthensteinerin auf die Reaktionen aus Luzern sehr gespannt: «Ich lasse mich gerne eines Besseren belehren.»

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