Schillernde Persönlichkeit mit spannender Geschichte: Florian Burkhardt im Luzerner Neubad. (Bild: jav)
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Schillernde Persönlichkeit mit spannender Geschichte: Florian Burkhardt im Luzerner Neubad. (Bild: jav)

«Electroboy» – endlich runter von der ständigen Überholspur

14min Lesezeit

Als «Electroboy» wurde Florian Burkhardt bekannt: mit seinen unglaublichen Erfolgsstorys, kometenhaften Karrieren und dem grossen Absturz. Dass alles mit der Flucht vor der eigenen Kindheit und Familie begann, darüber hat er nun ein Buch geschrieben. zentralplus traf ihn in der Heimat.

Wir treffen uns im Neubad in Luzern, das Florian Burkhardt zuletzt als badender Junge betreten hat. Er wirkt anders, als man ihn von den Bildern aus dem Film «Electroboy» kennt: ruhiger, gesünder, irgendwie gelöster.

Der 43-jährige Luzerner ist eine faszinierende, schillernde Figur mit einer fast unglaublichen Geschichte. Mit «Electroboy» kam diese 2014 gross raus und Burkhardt wurde mit seinem «Leben auf der Überholspur» über die Landesgrenzen hinaus bekannt: der Snowboard-Pionier, das international erfolgreiche Model, die Partymarke, der durch Angststörungen abgestürzte Star.

Und nun hat Burkhardt einen Roman über seine Kindheit und Jugend geschrieben, der Einblicke gibt in eine traumatisierte Familie, die versucht, ein perfektes Kind in einer heilen Welt zu erziehen (siehe Box). Das Buch heisst «Das Kind meiner Mutter» und erscheint Ende April.

zentralplus: Sie sind mit Ihrem Partner nach Bern gezogen, nach über zehn Jahren Exil in Berlin. Wie lange sind Sie schon wieder da?

Florian Burkhardt: Seit genau einer Woche. Meine Odyssee – wie ich es gerne nenne – hat in Bern ein Ende gefunden: Ich bin wieder in der Schweiz. Es war Zeit, mich nach diesen Jahrzehnten «auf der Flucht» zu besinnen, wo meine Heimat ist. Ich will mich nun auch meinen Wurzeln stellen. Das ist ein grosser Schritt für mich. Wir sind auch schon eingerichtet. Das geht bei mir ziemlich fix, da ich eher minimalistisch unterwegs bin, was die Einrichtung angeht, und ich sammle auch nicht gross Sachen an.

«Das Buch ist keine Abrechnung.»

zentralplus: Weshalb sind Sie nicht gleich zurück nach Luzern gekommen – heimgekommen?

Burkhardt: In Luzern wäre die Nähe zu meinen Eltern noch zu gross. Vielleicht kommt das noch, aber für den Moment fühlt sich diese Distanz von einer Stunde ganz gut an.

zentralplus: Ist Luzern denn «Zuhause» oder mehr die «Kulisse», wie Sie es im Buch oft nennen?

Burkhardt: Es ist wohl beides. «Die Kulisse, die mir so viel hätte bedeuten können» – so steht es im Buch. Für mich war Luzern Gefangenschaft, aber auch die Stadt, in welcher alle um mich herum glücklich waren und ein tolles Leben geführt haben. Luzern ist mein Fundament – positiv und negativ. Überall, wo ich hinsehe, sind Erinnerungen – auch hier, wo ich als Junge gebadet und in der Dusche Penisvergleiche gemacht habe.

Buch: «Das Kind meiner Mutter»

Bei einem selbstverschuldeten Autounfall verlieren Florian Burkhardts Eltern ihren jüngeren Sohn. Der ältere und sie selbst überleben. Als Ersatz für das tote Kind zeugen die Eltern ein neues: Florian. Die Mutter richtet ihren ganzen Fokus auf ihn, den neugeborenen Prinzen. Aus Angst, auch ihn zu verlieren, beschützt sie Florian vor allen Einflüssen der «gefährlichen» Aussenwelt: Fahrradfahren, Radiohören, Fernsehschauen, Besuchen von Freunden und anderweitige Aussenkontakte sind verboten oder werden kontrolliert.

Noch als Teenager spielt Florian ausschliesslich mit jüngeren Kindern; so kann ihn niemand zum Konsum von Drogen oder Alkohol verführen. Raum für eine eigenständige Entwicklung gibt es keinen. Die Überbehütetheit wird zum Gefängnis, in welcher auch versucht wird, Florians Homosexualität zu unterbinden. Mit 16 begehrt er auf und wird in ein katholisches Internat gesteckt. Nach fünf Jahren hält Florian das Lehrerdiplom in der Hand – sein Ticket in die Freiheit.

Florian Burkhardt: «Das Kind meiner Mutter». Autobiografischer Roman. Wörterseh-Verlag 2017.

zentralplus: Das Buch ist abgeschlossen. Woran arbeiten Sie jetzt? Ist schon ein nächstes Projekt angedacht?

Burkhardt: Eigentlich ist bereits das zweite fertig. Ich habe auch die ganze Electroboy-Geschichte niedergeschrieben, welche jetzt ins Lektorat geht und ungefähr in einem Jahr rauskommen soll. Und dann sind da noch meine Kolumnen im Magazin «Surprise», die ich regelmässig schreibe. Ich hatte erst eine bei «Watson», aber die waren mir doch etwas zu extremistisch, was die Klickzahlen angeht. Da hiess es dann: «Die Zahlen waren diesmal nicht so gut, schreib doch das nächste Mal über Sex.» Das fand ich nicht besonders erotisch. (Lacht.) Da ist es mir lieber, wenn ich nicht weiss, wie viele Leser ich habe. Und bei «Surprise» geht es auch noch um den guten Zweck. Zudem passe ich da als Teilrentner gut rein.

zentralplus: Sie beziehen also noch immer eine Teil-IV-Rente – wegen der Angststörungen?

Burkhardt: Genau. Die sind noch voll da. Ich habe jedoch gelernt, damit zu leben, und nehme jetzt seit Jahren nur das Minimum an Psychopharmaka. Wichtig ist, dass ich offen damit umgehe. Die Leute reagieren sehr positiv, wenn ich ehrlich sage, dass ich Angst habe, nervös bin oder wenn ich mein Zittern anspreche. Weil ich den Leuten nichts vorspielen muss und es nicht krampfhaft zu verstecken versuche, nimmt das viel von der Angst.

Florian Burkhardt heute – als Model hätte er bestimmt noch immer Chancen.
Florian Burkhardt heute – als Model hätte er bestimmt noch immer Chancen. (Bild: Christoph Schaller)

zentralplus: Wie sehr schränkt es Ihren Alltag ein?

Burkhardt: Kleine Ausflüge sind kein Problem und in Begleitung auch längere nicht. Ich hätte jetzt aber heute beispielsweise nicht alleine von Bern nach Luzern fahren können. Zu viele Menschen und vor allem längere Wege sind schwierig. Mein Freund begleitet mich deshalb. Im Buch gilt der grösste Dank ihm. Er war der erste Leser und er hat mich während der ganzen Zeit der Schreibens unterstützt und vor allem ertragen. (Lacht.)

zentralplus: Wie schwierig war es, dieses Buch zu schreiben? Kommen da viele negative Gefühle hoch?

Burkhardt: Ich dachte, dass beim Schreiben – irgendwie therapeutisch – ganz viel Wut und Hass rauskommen würden. Und ich war ziemlich verwirrt, als das überhaupt nicht der Fall war. Das zeigt wohl, dass ich, seit und auch durch den Film, schon vieles habe verarbeiten können. Heute weiss ich auch, dass meine Eltern nur das Beste für mich wollen, dass sie traumatisiert waren und nicht anders konnten. Eine Zuneigung zu ihnen ist deshalb jetzt da. Im Buch hat diese Zuneigung kaum Platz. Das wäre dem Jugendlichen gegenüber, der ich damals war, aber auch nicht fair.

«Dieses ständige Totschweigen ist kindisch und respektlos.»

zentralplus: Das heisst?

Burkhardt: Ich habe das Buch so geschrieben, wie ich damals meine Welt erlebte. Ohne Analyse und ohne Weichspüler. Hätte ich mein heutiges Wissen dazugenommen und aus heutiger Sicht reflektiert und kommentiert, wäre es weniger direkt und viel verständnisvoller geworden. Doch ich wollte den Hass meinen Eltern gegenüber, den ich heute nicht mehr empfinde, aber als Jugendlicher stark spürte, zulassen. Aber es ist keine Abrechnung.

zentralplus: Wie ist Ihre Beziehung zu den Eltern heute?

Burkhardt: Sehr zwiespältig. Zwischen uns ist noch nichts aufgearbeitet. Der Film hat nicht dazu geführt. Sie kamen aus dem Kino und sprachen übers Wetter. Eine Konfrontation fand überhaupt nicht statt. Wir telefonieren zwar einmal pro Woche länger. Die seltenen persönlichen Treffen sind schwierig, distanziert und steif. Es geht dabei um einen Austausch von Informationen. Aber eine freundschaftliche Beziehung, die ich sehr gerne hätte, ist es nicht. Aber sie sind jetzt auch schon 83.

Es entwickelt sich langsam eine Beziehung zu meinem Bruder. Wir fangen an, die Themen zu besprechen, über die bei unseren Eltern geschwiegen wird.

zentralplus: Besteht nach dem Film noch Hoffnung, dass das Buch bei Ihren Eltern etwas auslöst?

Burkhardt: Das Wissen, dass ein Buch herauskommt, hat definitiv Staub aufgewirbelt. Mein Vater macht sich da schon Sorgen und das verwundert mich ehrlich gesagt sehr. Ich dachte, es geht weiter wie gehabt: Alles wird verdrängt. Meine Angststörungen und die Sozialphobie zum Beispiel – meine Eltern sagen, mit mehr Beten und mehr Vitamin C gehe das schon weg. Da fühlt man sich schlicht verarscht. Dieses ständige Totschweigen ist kindisch und auch respektlos mir gegenüber. Aber anscheinend ist das Buch nun doch eine Chance.

«Kinder werden als Lebenssinn ihrer Eltern missbraucht.»

zentralplus: Wie kamen Sie überhaupt dazu, dieses Buch – beziehungsweise diese Bücher – zu schreiben?

Burkhardt: Es war gar nicht meine Idee. Nach dem Film kam ein Literaturagent auf mich zu.  Er war überzeugt, dass besonders die Geschichte meiner Kindheit und Jugend, das Rebellieren und Scheitern und die Beziehung zu meiner Mutter exemplarisch sei.

Eines der bekanntesten Bilder aus Burkhardts Zeit als Model – im Jahr 1997 aufgenommen.
Eines der bekanntesten Bilder aus Burkhardts Zeit als Model – im Jahr 1997 aufgenommen. (Bild: Lorenzo Marcucci)

zentralplus: Exemplarisch für …?

Burkhardt: Ich habe in Berlin im Prenzlauerberg gewohnt – einem Klischee-Quartier mit lauter jungen Familien. Da sieht man Kinder – immer an der Hand der Mutter – mit Helm auf dem Spielplatz. Diese Kinder werden als Lebenssinn ihrer Eltern missbraucht, die ihr Partyleben vielleicht langsam satthaben oder sich im Studium nicht verwirklichen konnten. Ich finde diese Projektion des Lebensinhalts auf das Kind für alle gefährlich. Bei mir war es, in extremer Form, genauso. Das zu zeigen, war meine Motivation.

Und ich sehe das Buch auch als Zeitdokument – über eine Zeit, in der Homosexualität oder das Internet, ein einfaches Sorgentelefon inexistent waren. Es zeigt, wie extrem sich in den wenigen Jahren vieles verändert hat.

«Deinen Scheiss, den schleppst du ständig mit, den lässt du nicht in Luzern am Abendweg zurück.»

zentralplus: Und für Sie selbst?

Burkhardt: Natürlich war es auch für mich Verarbeitung. Der ganze Prozess, dass ich mich mit meiner Kindheit auseinandergesetzt habe, hat ja erst vor einigen Jahren mit dem Film angefangen. Plötzlich war da Marcel Gisler (Anm. d. Redaktion: der Regisseur von «Electroboy») und hat all diese Fragen gestellt. Das hat vieles ausgelöst. Am Buch habe ich schliesslich ein Dreivierteljahr jeden Tag geschrieben. Es waren kleine Schritte, aber ich konnte so dem Kind, das ich war und das sehr gelitten hat, ein Stimme geben.

zentralplus: Man könnte nach dem Film und den folgenden zwei Büchern aber auch denken, sie seien einfach ein Exhibitionist.

Burkhardt: Dann würde ich mich aber wahrscheinlich anders darstellen und wäre eitler. Ich würde konzeptionell überlegen, was ich von mir zeige. So ist es aber überhaupt nicht. Ich will ehrlich sein und nichts darstellen. Ich will ja den Leser und mich selber nicht verarschen.

zentraplus: Steht jedes Kapitel Ihres Erwachsenenlebens alleine da? Oder haben Sie aus jeder Karriere, von jedem Ort etwas mitgenommen? Gehen Sie heute noch mit Freunden von früher snowboarden oder veranstalten Sie manchmal doch noch eine Party?

Burkhardt: Überhaupt nicht. Bei mir war es immer in dem Moment die totale Faszination für etwas. Dann kam der Erfolg, doch auf dem Höhepunkt war mein Interesse schon wieder verflogen. Als Businessmann wäre ich daher völlig untauglich. (Lacht.) Ich war nie vielgleisig unterwegs. Jeder Ort, jede Karriere wurde zu einer abgeschlossenen Geschichte, sobald ich das Interesse verlor oder das Interesse an etwas anderem fand.

«Ich hatte durch meine Erziehung keinen Realitätsfilter.»

zentraplus: Abgeschlossen mit den Menschen darin?

Burkhardt: Ja. Früher sind die Menschen nicht geblieben. Ich bin weitergezogen und habe das Alte hinter mir gelassen – mit guten Gefühlen für die Menschen zwar –, aber neue Phasen kamen, neue Kapitel oder gleich ein neues Buch wurde aufgeschlagen. Darum geht es auch im zweiten Buch: Nach der Gefangenschaft meiner Jugend wollte ich die absolute Freiheit. Also jettete ich um die ganze Welt und versuchte mich in allem, berührte den Himmel. Die Freiheit fand ich nie. Denn deinen Scheiss, den schleppst du ja ständig mit, den lässt du nicht in Luzern am Abendweg zurück.

zentralplus: Konnten Sie sich mit dem ganzen «Scheiss» mittlerweile versöhnen?

Burkhardt: Zum grössten Teil. Heute bin ich dankbar und ich bin endlich auch gerne der, der ich bin. Doch dafür habe ich Zeit gebraucht, und viel Reflexion. Meine Jugend war eine «gruusige» Zeit, doch sie hat mich zu dem gemacht, der ich bin. Andere haben ihre Jugend vor dem Fernseher und vor PC-Spielen verbracht, ich war gezwungen, kreativ zu sein. Ich hatte durch meine Erziehung auch keinen Realitätsfilter. Ich hatte nur Vorstellungen der Welt, ich kannte sie ja nicht. Und diese Vorstellungen waren grenzenlos. Bestimmt habe ich vieles deshalb erreicht oder gemacht, weil ich diesen Reality-Check nicht hatte, der gesagt hätte: Das macht alles überhaupt keinen Sinn, das schaffst du nie.

zentralplus: Und was kommt jetzt, nach dem Projekt «Buch», nach der Karriere «Autor»?

Burkhardt: Ankommen, heimkommen ist das Ziel. Das ist zwar kein eigentliches Projekt und hört sich vielleicht etwas kitschig an, aber daran arbeite ich jetzt. Ich möchte mich selber spüren, mich selber sein, eine Partnerschaft führen. Das Buch ist Teil davon. Und ich hoffe sehr, dass dadurch ein Aufarbeiten mit meiner Familie auf mich zukommt.

 

Mehr Bilder aus Florian Burkhardts Modelkarriere finden Sie in unserer Slideshow:

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