Paul Lipp versucht den Knet zu formen – mit wenig Erfolg. (Bild: jwy)
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Paul Lipp versucht den Knet zu formen – mit wenig Erfolg. (Bild: jwy)

Lipp&Leuthold: Kneten mit dem Vorschlaghammer

10min Lesezeit

Wenn die Luzerner Künstler Lipp&Leuthold aktiv werden, wird’s grob. Ihre Materialien: Knetmasse in Übergrösse, Gips und Zement. Ihre Werkzeuge: Fausthammer und Bagger. Gewohnt spielerisch realisieren sie für die Stanser Musiktage vier Skulpturen. Vieles kommt anders als gedacht, doch das gehört zum Konzept.

Ein Neubau mitten in Stans, das Parterrelokal ist noch im Rohbau. Hinter den Glasfassaden arbeiten zwei Gestalten. Handwerker, denkt sich der gemeine Passant. Doch wer genauer hinsieht, zweifelt: Handwerker, die mit Knet arbeiten? Mit Riesenblöcken von Knet, die sie aufeinanderschichten? Daneben ein seltsam unförmiger Haufen aus Styropor und Gips mit Gold- und Silberflecken.

Wir befinden uns im grosszügigen temporären Atelier von Lipp&Leuthold. Das Luzerner Künstlerduo arbeitet hier während drei Wochen. Und irgendwie sind sie eben doch Handwerker, wie sie fasziniert über Materialien reden, damit experimentieren und ihre Massen mit grobem Werkzeug wie Säge, Beil und Fausthammer bearbeiten.

Beratung vor dem offenen Experiment: Reto Leuthold (links) und Paul Lipp im temporären Atelier.
Beratung vor dem offenen Experiment: Reto Leuthold (links) und Paul Lipp im temporären Atelier. (Bild: jwy)

Ein dreidimensionales Plakat

Paul Lipp und Reto Leuthold sind die «Artists in Residence» der diesjährigen Stanser Musiktage (siehe Box am Ende). Sie gestalteten schon das plastisch wirkende Festivalplakat, nun arbeiten sie am Kunstprojekt, das während des Festivals ab dem 25. April auf dem Stanser Dorfplatz zu sehen sein wird. Die Plakatvorlage war aus Plastilin, also Knetmasse: Sie stachen die Buchstaben und Zahlen aus, schichteten sie neben- und aufeinander und schliesslich wurde das ganze abgelichtet. Voilà: das diesjährige Festivaldesign.

Jetzt geht’s mit Plastilin weiter, aber mit gröberem Geschütz: Anstelle von üblichen 1-Kilo-Packungen stapeln sich hier 50-Kilo-Blöcke Knet. Der Pöstler, der arme Tropf, musste sie anliefern.

Aus Knetmasse wurde das spätere Festivalplakat für die Stanser Musiktage.
Aus Knetmasse wurde das spätere Festivalplakat für die Stanser Musiktage. (Bild: zvg)

Humor und Ernst

Lipp&Leuthold bekamen vom Festival einen kreativen Freipass. «Oder wir haben einfach alle Vorgaben grandios ignoriert», witzelt Reto Leuthold. Wenn die beiden über ihre Kunst, Ideen und Arbeitsweise sprechen, müssen sie selber immer wieder lachen. Was aber nicht heisst, dass sie es damit nicht ernst meinen: «Wir haben einen humorvollen Zugang, das bedingt es, wenn man so spielerisch unterwegs ist wie wir», sagt Leuthold. «Zudem probieren wir ja auch wirklich komische Sachen aus.»

«Wir möchten fähig sein, uns im Vorfeld ein fertiges Konzept auszudenken, aber es wird immer von so vielen Problemen durchkreuzt.»

Künstler Reto Leuthold

Die konkrete Auseinandersetzung über die Skulptur hingegen sei durchaus ernst, wenn auch nie verbissen. «Für alles gibt es tausend Möglichkeiten. Das Schöne an unserer Arbeit ist, dass nichts festgelegt ist», sagt Leuthold.

Drei Wochen für vier Skulpturen

Als Einzelkünstler sind Paul Lipp und Reto Leuthold mehrheitlich malerisch unterwegs – die dreidimensionalen und installativen Arbeiten erarbeiten sie im Duo. Wie sie jetzt auf Plastilin kamen, wissen sie selbst nicht mehr genau. Das Künstlerduo geht lieber von einem Material als von einer fixfertigen Idee aus. Und probiert dann aus, was damit alles möglich ist. «Viele Ideen kommen über das Ausprobieren am Material und während des Prozesses», sagt Paul Lipp.

Stilleben aus Knet.
Stilleben aus Knet. (Bild: jwy)

«Wir möchten eigentlich fähig sein, uns im Vorfeld ein fertiges Konzept auszudenken, aber es wird immer von so vielen Problemen durchkreuzt», sagt Leuthold.

Reto Leuthold und Paul Lipp

Lipp&Leuthold sind seit Jahren ein umtriebiges Luzerner Künstlerduo. Das Interesse an der Malerei war die Initialzündung für die Zusammenarbeit. Reto Leuthold und Paul Lipp haben beide Bildende Kunst in Luzern studiert. Ihre humorvollen Arbeiten sind unverkennbar, sie ironisieren und hinterfragen damit auch immer wieder den Kunstbetrieb und seinen Platz in der Gesellschaft.

Vier Skulpturen werden es letztlich sein, die einen Kontrast zum schmucken Dorfkern setzen. Drei Wochen haben sie dafür Zeit, das ist mit ihrer Arbeitsweise knapp bemessen. Denn stetige Diskussionen, das Über-den-Haufen-Werfen und Neuanfangen gehören hier dazu.

350 Kilogramm Knet

Am Anfang wollten Lipp&Leuthold alle Objekte einheitlich aus Plastilin herstellen, doch das entpuppte sich schnell als unmöglich. «Nur schon finanziell und logistisch wäre das nicht gegangen», sagt Lipp. Also weiteten sie den Fokus und entschieden sich für vier komplett unterschiedliche Skulpturen, jede ein eigenes Experiment.

Es blieb bei einer Plastilin-Skulptur. Sie steht auf einem Sockel und wiegt schon jetzt 350 Kilogramm. Man kann erst erahnen, was daraus noch wird. Kleine Skizzenmodelle zeigen, was die Künstler vorhaben, aber das ist in dieser Grösse nicht so einfach: Die Knetmassen lassen sich kaum mehr von Hand oder mit einfachem Werkzeug bearbeiten, stellten Lipp&Leuthold fest. Es musste also ein Bagger einer Baufirma her, der die aufgetürmten Elemente aufeinanderpresste.

Kein Zurück, nur ein Vorwärts

«Das Schöne am Plastilin ist ja das Spielerische, als Kind schneidest du ihn auseinander und knetest ihn neu zusammen», sagt Lipp. Nun stehen sie vor der Frage, wie sie die aufgetürmte Knetmasse auseinanderrupfen und neu zusammenkneten können. Es muss wohl noch einmal eine Baggerschaufel zu Hilfe kommen. Doch der Einsatz will gut überlegt sein: «Wie bei der Malerei gibt es nur einen momentanen Zustand, kein Zurück, nur ein Vorwärts», sagt Leuthold.

Das wird ein schmelzender Schneemann aus Gips und Styropor.
Das wird ein schmelzender Schneemann aus Gips und Styropor. (Bild: jwy)

Daneben liegt eine weitere Skulptur im offenen Experiment: ein schmelzender Schneemann aus Styropor und Gips. Die Farbe ist noch unklar: Weiss, Gold, Silber, Kupfer? Gesprayt, lackiert oder mit Blattsilber? Erst der Test am Objekt zeigt, wie es auf der Oberfläche wirkt. Einen ersten Schneemann hatten sie bereits gebaut, nur um ihn danach mit dem Beil wieder zusammenzuschlagen.

To-do-Liste in Stein

Als drittes Objekt gibt’s einen Grabstein – oder eher eine Schrifttafel? Sie arbeiten an einem Negativ, das anschliessend in Zement gegossen wird. Anstelle einer Grabinschrift wird darauf eine To-do-Liste prangen. «Ein Notizzettel aus Stein», sagt Leuthold. «Jeder hat irgendwo eine Notiz, was er noch erledigen will.» So heisst denn auch die Ausstellung «to do», was wiederum schön zur Arbeitsweise der Künstler passt.

Die vierte Installation befindet sich noch im Luzerner Atelier: Aus Acrylfarbe streichen sie Farbhäute, die sie nachher zu einer Installation zusammenfalten. «Eine Skulptur aus reiner Farbe», so Lipp.

«Haben wir den Freiraum, nochmals alles über den Haufen zu werfen?»

Künstler Paul Lipp

Noch diese Woche bleibt den beiden Künstlern – nun sind konkrete Entscheide gefragt. Etwa: «Haben wir den Freiraum, nochmals alles über den Haufen zu werfen und neu zu beginnen? Diese Phase gibt’s bei uns immer irgendwann», sagt Paul Lipp.

Kurz vor Festivalstart müssen die vier Objekte auf Paletten in den Dorfkern gerollt werden und ihren Platz in direkter Nachbarschaft zu Winkelried und anderen historischen Bronzeskulpturen finden. Die Installationen sollen Bezug nehmen «zu den älteren Geschichten, die da im Zeug rumstehen», sagt Reto Leuthold. Aber es werde keine offensichtliche Gegenüberstellung, «so pädagogisch wird’s nicht», ergänzt Paul Lipp. Er sagt: «Wir wollen die Objekte so platzieren, dass man sie im Zusammenhang sieht, sonst gehen sie verloren neben all den Zelten und Ständen. Dann käme die Frage: Ist das jetzt Deko oder Kunst?»

Programm der Stanser Musiktage

Die vier Skulpturen unter dem Titel «to do» von Lipp&Leuthold sind während der Stanser Musiktage vom 25. bis 30. April auf dem Stanser Dorfplatz zu sehen. Das Kunstprojekt entstand in Zusammenarbeit mit dem Nidwaldner Museum.

Sonst spielt nach wie vor die Musik die Hauptrolle: Im Hauptprogramm spielen 22 Acts aus aller Welt in den Bereichen Jazz, Weltmusik, Pop und Volksmusik. Die Master Musicians of Jajouka aus Marokko bringen uralte hypnotische Trance-Musik mit archaischen Instrumenten nach Stans (25.4.). Die junge Israelin Riff Cohen vermengt arabische, israelische und westliche Einflüsse – und singt in Hebräisch, Arabisch, Französisch und Englisch (26.4.). Die Schwedin Anna von Hausswolff fusioniert die Orgel in der Stanser Kapuzinerkirche mit zeitgenössischem Elektro-Pop (27.4.). Und die schwedisch-senegalesische Entdeckung Fatima lässt mit R’n’B, Hip-Hop und Elektro aufhorchen (27.4.) – und, und, und.

Zudem gibt’s täglich Konzerte auf dem Dorfplatz und bis spät ein Nachtprogramm in der Zivilschutzanlage und im Klosterkeller. Ein Grossteil des Publikums an den Stanser Musiktagen reist von Luzern an. Gut zu wissen: Es gibt während des ganzen Festivals späte Extrafahrten nach Luzern.

Die SMT haben sich heuer im sozialen Bereich neue Ziele gesteckt: Das Angebot soll für Menschen mit Beeinträchtigung besser zugänglich sein, Bewohner der örtlichen Stiftung Weidli helfen mit und das Programm wurde erstmals in die sogenannte leichte Sprache übersetzt.

Mehr Bilder gibt’s in der Galerie:

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