Judith Cuénod als Tochter Marja, Katharina von Bock als Ehefrau Anna und Andreas Storm als Stadthauptmann. (Bild: Tanja Dorendorf / T+T Fotografie)
Kultur Rezension

Judith Cuénod als Tochter Marja, Katharina von Bock als Ehefrau Anna und Andreas Storm als Stadthauptmann. (Bild: Tanja Dorendorf / T+T Fotografie)

«Der Revisor» im postfaktischen Zeitalter

4min Lesezeit

Leidenschaftlich, hysterisch und facettenreich: So inszenierte das Ensemble des Theaters Kanton Zürich am Donnerstagabend Nikolaj Gogols Verwechslungskomödie «Der Revisor» in der Chollerhalle Zug. Ein hervorragendes Stück aus dem 19. Jahrhundert, das in der heutigen Zeit der politischen Inszenierung, Angstmacherei und Fake News aktueller ist denn je.

«Wer hat keinen Dreck am Stecken?» Die rhetorische Frage des Stadthauptmanns Anton Antonowitsch in seiner Eröffnungsrede an die wichtigsten Dorfbewohner macht gleich von Anfang klar: Alle sind sie habgierig, korrupt und nur auf ihr eigenes Wohl bedacht. Völlig verzweifelt und aufgelöst verkündet er die Nachricht, ein Revisor aus Moskau werde inkognito anreisen.

Nun gelte es, Ordnung zu schaffen. Die Gänsezucht sei aus dem Richtersaal zu verbannen, den am Boden liegenden Kranken seien richtige Betten zu geben und die Post habe die Briefe aufzureissen und zu kontrollieren. In dieser ersten Szene steht Andreas Storm als Stadthauptmann alleine auf der Bühne und spricht direkt zum Publikum. So gelingt es dem Regisseur Felix Prader, von Anfang an eine direkte Verbindung zum Publikum herzustellen und dieses auch in das Stück einzubinden.

Aus Chlestakow wird Chlestakowa

Plötzlich stürmen die beiden kribbeligen und rührend einfältigen Gutsherren Bobtschinski (Stefan Lahr) und Dobtschinski (Nicolas Batthyany) auf die Bühne und nehmen in aufgewühlter, slapstick-hafter Manier den Stadthauptmann unter ihre Fittiche. Sie hätten den Revisor im Hotel getroffen, jedoch sei es eine Revisorin. Gemeinsam mit dem Stadthauptmann machen sie sich auf den Weg zum Hotel, um dies sogleich unter der Hand zu regeln. Die vermeintliche Revisorin Chlestakowa, gespielt von Silvia Maria Jung, ist jedoch nur eine niedrige, mittellose Beamtin und gerade wieder einmal hungrig und pleite, weil sie ihr ganzes Geld beim Glücksspiel verzockt hat.

Praders Inszenierung der Chlestakowa greift glücklicherweise nicht auf weibliche Klischees zurück.

Sie bringt den geschlechtsunabhängigen Charakter des vermeintlichen Revisors zum Ausdruck: eine selbstbesessene, vergnügte Lügnerin, die in ihrer Naivität bald schon ihren eigenen Lügen Glauben schenkt. Gleichzeitig unterwandert er die heterosexuelle Geschlechtermatrix, indem er Chlestakowa Marja, die Tochter des Stadthauptmanns, sowie auch deren Mutter Anna begehren lässt.

Wenn Lügen sich gegenseitig aufheben

Das Zusammentreffen des Stadthauptmanns mit Chlestakowa könnte besser nicht gespielt werden. Beide fürchten einander und überspielen ihre Angst mit unterschiedlichen Rollen. Sie hat Angst, wegen unbezahlter Rechnungen ins Gefängnis gesteckt zu werden, und inszeniert sich als wichtige Beamtin, beklagt sich voller Wut und ganz in Rage über die lumpigen Verhältnisse in diesem Dorf. Er hingegen sieht sich wegen Korruption und Vetternwirtschaft von der Revisorin überführt und bereits im Zug nach Sibirien sitzen. Als sie aber nicht nur seine Lorbeeren und verbalen Schmeicheleien annimmt, sondern noch dazu 4’000 Rubel dankbar einsteckt, scheinen sich zwei gefunden zu haben.

Nicht nur die beiden Hauptprotagonisten spielen ihre Rolle hervorragend. Katharina von Bock spielt Anna, die Ehefrau des Stadthauptmanns, besonders facettenreich und überzeugt mit ausdrucksstarker Mimik. Doch Judith Cuénod, welche die apathische Tochter Marja spielt, kann ihr die Stange halten und blüht vor allem in den Liebesszenen mit Chlestakowa durch ihre nervöse und unbeholfene Schüchternheit auf.

Überall Täuschung, Lug und Trug

Das Bühnenbild Anja Furthmanns ist reduziert auf ein paar wenige Requisiten: Stühle, Bett und Lampen. Was aber das gewisse Etwas ausmacht, ist der schmuddelige Vorhang im Hintergrund, durch den die Protagonisten nicht nur auf- und abtreten können, sondern auch hin und wieder neugierig reingucken. Als der Stadthauptmann zum Schluss erfährt, dass Chlestakowa überhaupt nicht die Revisorin war, sondern dieser soeben ankomme, fällt der Vorhang und enthüllt die Wahrheit. Oder sind es neue Lügen, die zum Vorschein kommen?

Gogol ging es nie darum, die Tugendlosigkeit der Menschen zu verspotten.

Ihm galt es vielmehr, die Abweichungen aller Menschen zum Thema zu machen und der Unmöglichkeit einer konformen Existenz und einer eindeutigen Identität mit einem Lachen zu begegnen. Eine gelungene Inszenierung, die von einem mehrheitlich älteren Publikum herzlich gedankt wurde.

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