Was hat der chinesische Minister mit dem Wiesn-Maas-Krug zu tun? Luca Schenardi weiss es auch nicht.
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Was hat der chinesische Minister mit dem Wiesn-Maas-Krug zu tun? Luca Schenardi weiss es auch nicht.

Verpatzte Teletext-Meldungen als kreatives Geschenk

8min Lesezeit

Eines Tages hat Luca Schenardi bemerkt, dass mit seinem Teletext etwas nicht stimmt: lauter rätselhafte Fehler, falsche Verknüpfungen, absurde Meldungen. Dieser «technische Unfall» war für den Künstler ein kreativer Befreiungsschlag – er begann zu sammeln und zeichnen. Das Resultat ist nun am Comix-Festival Fumetto zu sehen.

Am Anfang war Herr Meyer. Er ist Ursprung und Titelgeber dieser Ausstellung und des dazugehörenden Buches. Im Dezember 2014 las Luca Schenardi spätabends Teletext-Meldungen – keine Seltenheit.

Diesmal über eine Pegida-Kundgebung: «In Dresden haben am Abend erneut Anhänger und Gegner des Pegida-Bündnisses demonstriert. Nach Polizeiangaben waren etwa 17'500 Pegida-Aktivisten zur Semperoper gekommen», hiess es. Und weiter: «Meyer spricht von Gratiskaffee …»

Woher plötzlich dieser Satz? Völlig verkehrt, hineingeplatzt, urkomisch. «Ich fand’s unglaublich, als ich das sah, es war so lustig, so absurd und doch so passend.»

Der Illustrator und Künstler hat den Bildschirm abfotografiert. Dass dieser Herr Meyer – wahrscheinlich der SBB-Chef, aber das bleibt Spekulation – der Startschuss zu seinem nächsten grossen Kunstprojekt werden würde, konnte er noch nicht ahnen.

Dieser Teletext-Unfall war der Ursprung von Schenardis Projekt «Meyer spricht von Gratiskaffee».
Dieser Teletext-Unfall war der Ursprung von Schenardis Projekt «Meyer spricht von Gratiskaffee». (Bild: jwy)

Schenardi bezeichnet sich als «Teletext-Liebhaber», er mag das Medium wegen seiner Einfachheit. Und gerade weil es keine Bilder habe, sagt er, der von Bildern lebt. «Es hat immer das gleiche Layout und deshalb etwas Beruhigendes, es ist einfach eine schöne Konstante im Leben», sagt der Künstler, der lange in Luzern und heute in Flüelen sein Atelier hat.

Nach Herrn Meyers Gratiskaffee stöberte er intensiver im Teletext und fand immer mehr solcher Fehler. Er hat angefangen, sie zu sammeln und zu dokumentieren. «Jeden Tag und überall tauchten sie auf, auf jeder Seite – völlig absurde Kombinationen», so Schenardi. «Ich wusste noch nicht, was ich damit mache, ich hab’s einfach gesammelt.»

«Die Taliban bleiben, wie Bundesbürger, trotz Krisen und Terrorgefahr in bester Reiselaune»:

Aus dem neuen Buch von Luca Schenardi.
Aus dem neuen Buch von Luca Schenardi. (Bild: zvg/Luca Schenardi/Fumetto)

Die Fehler sind nicht beim Teletext selbst passiert, sondern in Schenardis Gerät. Er hatte kurz davor vom analogen zum digitalen Fernsehen gewechselt und sich ein einen alten Flachbild-TV angeschafft.

Fortan hatte es in «seinem» Teletext laufend Fehlinformationen: falsche Wörter, verzerrte Darstellung, fehlende Linien. «Diese Fehler tauchten wohl nur bei mir auf, wegen irgendeines Defekts am Gerät hat’s die ausgespuckt. Das macht es für mich noch spezieller», sagt Schenardi.

Ein kreativer Befreiungsschlag

Im Grund nur ein simpler technischer Defekt – aber für Luca Schenardi war es der kreative Befreiungsschlag. «Ein grosses Geschenk im richtigen Moment» sagt er. «Diese Texte wurden mir quasi vom Fernsehgerät übergeben.»

Zur Person

Luca Schenardi (1978) ist in Altdorf geboren und hat an der Hochschule Luzern Illustration studiert. Er arbeitet in Luzern und Flüelen und hat sich als freischaffender Illustrator einen Namen gemacht – er publizierte in Titeln wie «Die Zeit», NZZ oder «Rolling Stone». Im Zentrum steht das eigene künstlerische Schaffen, 2009 war er am Comix-Festival die Fumetto-Schleuder.

Sein letztes grosses Buchprojekt «An Vogelhäusern mangelt es jedoch nicht» von 2012 hatte ihn ausgelaugt. Über drei Jahre hatte er daran gearbeitet, er sei auf Abwege gekommen und habe sich «Meienbergmässig» reingesteigert. «Ich find’s nach wie vor eine super Arbeit, aber es hat mich viel Energie gekostet und es hat mir mit der Zeit nicht mehr so gutgetan», sagt Schenardi rückblickend.

Jedenfalls war er ein paar Jahre ohne grösseres künstlerisches Projekt und erledigte als Illustrator vor allem Auftragsarbeiten – bis ihn der Teletext erlöste. «Es zeigt, wie es im Leben manchmal ist: Es ist zu mir gekommen, ohne dass ich es gesucht hätte. Es war perfekt.» Und ihm war schnell klar, dass «Meyer spricht von Gratiskaffee» der Titel sein musste.

Ein Fundus von 800 Bildern

Luca Schenardi hat angefangen, die gesammelten Meldungen und Sätze in A5-Heften zu transkribieren und daneben «völlig frei und spontan» mit Filzstift und Tusche zu zeichnen. Einige dieser Bilder hat er schliesslich auf Leinwand vergrössert. Ein riesiger Fundus häufte sich an, 800 Bilder sind es heute – nur ein kleiner Teil davon ist in der Ausstellung und im Buch zu sehen.

Einige Schlagzeilen wurden zu kleineren, farbigen Werken.
Einige Schlagzeilen wurden zu kleineren, farbigen Werken. (Bild: jwy)

Abgesehen von einigen Siebdrucken hängen an den Wänden alles handgefertigte Originale. Aus einigen Schlagzeilen wurden kleinere, dafür umso knalligere Bilder, die dicht gedrängt an einer Wand hängen.

Die Bilder sind kleine Miniaturen der Weltlage – sie streifen grosse Themen wie Politik, Kriege und Krisen. Die Kombinationen sind zwar dem Zufall geschuldet, passen aber oft erstaunlich perfekt. «Das ist das Schöne daran, inhaltlich ist es teils einfach grandios – es sind so kleine Wahrheiten», sagt er. Die reduzierten Ausschnitte öffnen ein Feld und animieren die Fantasie.

Die Sehnsucht nach der alten Medien-Zeit

Luca Schenardi hat den digitalen Fehler in etwas Handgemachtes übertragen. «Das Handgemachte ist auch eine Art Sehnsucht nach der alten Zeit, ohne den ewigen Dauer-Beschuss der digitalen Medien – darum passt das», sagt Schenardi.

So absurd die Schlagzeilen mit den flüchtigen Filzstift- und Tusche-Illustrationen von Schenardi sind, er meint es durchaus ernst mit seiner Message, die man auch als Medienkritik verstehen kann. Jedenfalls lassen die «verunfallten» Schlagzeilen und Bilder niemanden kalt – sei es ein Lachen oder ein Grübeln, die sie auslösen.

Die Welt der Newsticker und Pushmeldungen behagt Schenardi nicht – überall die Newsscreens im Bus oder in der Post nerven ihn. «Das hat fast etwas Totalitäres, du wirst zum Konsum gezwungen. Es ist alles so uferlos, man kann es nicht fassen und das beunruhigt mich. Das ist meine eigentliche Kritik», sagt Schenardi. «Am Anfang war es nur ein Spiel, in einem zweiten Schritt wird es politisch.»

Schenardi gibt zu, dass er sich manchmal nach der Newszeit der 90er sehnt, als TV-Experten noch die Erklärungshoheit hatten. «Die konnten mich extrem beruhigen, sie haben das Geschehen eingeordnet.» Das ist auch der Grund, warum er den Teletext heute noch schätzt  – wegen seiner angenehmen Beschränkung.

Mehr Bilder aus der Ausstellung in der Galerie zuunterst

Luca Schenardi: «Meyer spricht von Gratiskaffee»

Am Fumetto ist eine Auswahl an Originalbildern zu sehen, die aufgrund der Fehlermeldungen im Teletext entstanden. Auch die A5-Hefte sind ausgestellt, wo Schenardi seine Ideen und Zeichnungen erstmals festhielt. Daneben gibt’s – für Schenardi eine Premiere – auch Filme: zusammengeschnipselte und absurde Szenen, die er vom Fernseher abgefilmt und live vertont hat. In der Mitte des Raums gibt’s eine Art Installation mit toter elektronischer Materie: Bildschirme, Radios, Fotoapparate, Kabel und sonstige Geräte. Laut Schenardi «eine Anlehnung an die vergangene Newskultur».

Luca Schenardi: «Meyer spricht von Gratiskaffee». Erscheint als Buch bei der Edition Patrick Frey.

  • Ausstellung am Comix-Festival Fumetto: 1. bis 9. April, jeweils 10 bis 20 Uhr, Erfrischungsraum an der Rössligasse 12, Luzern
  • Buchvernissage: Sa 1. April, 16.30 Uhr in der Ausstellung
  • Podium: Mein Leben als Krieger des Comic, Sa 8. April, 13.30 Uhr, Maskenliebhabersaal Luzern
  • Buch-Launch mit Lesung und Soundperformance: Mi 5. April, 18 Uhr, Buchhandlung Kunstgriff, Zürich
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