Filmemacher Matteo Gariglio (links) und Kameramann Andi Widmer in Argentinien. (Bild: zvg)
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Filmemacher Matteo Gariglio (links) und Kameramann Andi Widmer in Argentinien. (Bild: zvg)

Preisgekröntes Werk zeigt Menschen am Rande der Legalität

8min Lesezeit

Er ist mit «En La Boca» einer der grossen Gewinner des Innerschweizer Filmpreises: der Luzerner Dokumentarfilmer Matteo Gariglio. Er erzählt, wie ein tragischer Todesfall die Dreharbeiten beeinflusste und welche Möglichkeiten ihm die 50'000 Franken Preisgeld eröffnen.

Pascal Zeder

Leichtsinn in einer gefährlichen Situation führte zu seinem preisgekrönten Film, räumt Matteo Gariglio ein: «Als ich in Buenos Aires lebte, war ich mit meiner Kamera oft im Quartier La Boca unterwegs. Eines Abends habe ich Fussballfans fotografiert, die das Spiel der Boca Juniors besuchten. Die Fans sprachen mich an, ich sollte ihnen folgen – ich tat es, ohne gross zu überlegen ...» 

Eigentlich sei es dumm gewesen, sagt Gariglio, am Abend in dieser Gegend mit Unbekannten mitzugehen. «Die Fans haben mich zu Ticketfälschern in der Nebengasse geführt. Dort gab es einen Stapel mit Passfotos. Sie haben ein Bild ausgesucht, das einigermassen zu meinem Gesicht passt, und mir daraus eine Saisonkarte für das Stadion gebastelt.» 

Filmpreis ist Lohn für die Arbeit

Um die Familie, die hinter den Ticketfälschungen steckt, dreht sich «En La Boca». Mit seinem Film gehörte Gariglio zu den grossen Gewinnern der Innerschweizer Filmtage. «En La Boca» wurde ausgezeichnet, Thaïs Odermatt wurde für den Schnitt gewürdigt und obendrauf gab es eine spezielle Erwähnung für den Luzerner Jungfilmer. Und: 50'000 Franken Preisgeld.

Der Luzerner Filmemacher Matteo Gariglio.
Der Luzerner Filmemacher Matteo Gariglio. (Bild: pze)

«Ich kann mir endlich einen Lohn für meine Arbeit zahlen», sagt der 30-Jährige dazu. Bisher habe er beinahe umsonst gearbeitet. Es sei utopisch zu glauben, von Dokumentarfilmen liesse sich so einfach leben: «Zuerst machst du bei dir selber Abstriche. Ich wollte, dass die für den Film engagierten Personen einen Lohn erhalten. Trotzdem war die Umsetzung nur möglich, weil mir diverse Teammitglieder mit ihrem Lohn entgegengekommen sind oder ihn gar gänzlich zurückgestellt haben.» Dazu gehören der Kameramann Andi Widmer oder Filmschneiderin Odermatt.

Zeit für Ideen und Konzepte

Geld ist in der Filmbranche immer wieder ein schwieriges Thema, auch, weil gerade in Luzern die Fördersysteme für Filme noch nicht ausgereift sind (zentralplus berichtete). «Das Preisgeld gibt mir Zeit, neue Projekte zu erarbeiten», sagt der Dokumentarfilmer, «ich habe die Möglichkeit, weniger Auftragsfilme machen zu müssen und eigene Projekte voranzutreiben.»

«Um seinen eigenen Stil zu finden, muss man sich manchmal auch in einem positiven Sinn auflehnen.»

Matteo Gariglio, Dokumentarfilmer

Das Geld reiche jedoch nicht, um einen Film zu produzieren, das koste weit mehr. «Ein Film fängt weit vor den Dreharbeiten an. Man muss rausgehen, sich mit seinem Umfeld und der Gesellschaft auseinandersetzen und Ideen und Konzepte entwickeln.» Das brauche Zeit, und das Preisgeld gebe ihm die Möglichkeit, sich diese zu nehmen.

Ausbildung ist Fluch und Segen

Gariglio hat seine Ausbildung teilweise in Luzern, teilweise im Ausland absolviert. Das Masterstudium zog ihn nach Lissabon, Budapest und Brüssel: Rund zehn Kurzfilme und Filmübungen an drei Schulen produzierte Gariglio in der Zeit. «Jede Schule hatte eine andere Filmkultur, eine andere Herangehensweise. Das Schöne ist, für sich selbst das herauszunehmen, was einem im eigenen Schaffen nützen kann.»

Im Stadion der Boca Juniors.
Im Stadion der Boca Juniors. (Bild: zvg)

Durch die unterschiedlichen Ausbildungsorte sind Gariglios Filme weniger geprägt durch eine bestimmte Schule: «Jede Schule hat eine ganz bestimmte Handschrift. Um seinen eigenen Stil zu finden, muss man sich manchmal auch in einem positiven Sinn auflehnen.» Aber ganz los kommt man von dem in der Schule Gelernten nicht: Als Filmer halte er sich oft an Strukturen, die er so vermittelt bekam. Trotzdem versuche er, an jedes Filmprojekt unvoreingenommen heranzugehen.

«Ich brauche eine Form der Bewunderung oder Sympathie für meine Protagonisten.»

Matteo Gariglio, Dokumentarfilmer

Ganz anders arbeitet Gariglio, wenn er fotografiert. Neben seinen Filmen produziert und veröffentlicht der Luzerner auch Fotoreihen: «Als Fotograf gehe ich freier an Projekte heran, weil ich als Autodidakt nie eine Ausbildung hatte.»

«En La Boca» an der Kunsthochschule

Am Dienstag, 21. März, wird der Film «En La Boca» um 17.30 Uhr im Kino des Bau 745 (Hochschule Luzern – Design & Kunst) in der Viscosistadt gezeigt. Die Vorführung wird von einem Gespräch von Dozierenden, eingeladenen Gästen und Studierenden begleitet. Matteo Gariglio zeigte seinen Dokumentarfilm bereits 2016 an den Solothurner Filmtagen.

«En La Boca»:

  • Regie Matteo Gariglio
  • Buch Matteo Gariglio
  • Kamera Andi Widmer
  • Montage Thaïs Odermatt
  • Ton Matteo Gariglio
  • Musik Dominik Blumer, Thomi Christ, Roman Lerch

Das Geschehen nicht scripten – nur anstossen

Trotz der schulischen Einflüsse – was ist ein typischer Gariglio? «Ich versuche, in meinen Filmen eine Geschichte direkt anzugehen. Die Erzählungen sind oft langsam, haben dafür aber Tiefe.» Wichtig ist eine persönliche Beziehung zur Hauptfigur. «Ich brauche eine Form der Bewunderung oder Sympathie für meine Protagonisten», so Gariglio.

Deshalb sei es für seine Art, Filme zu machen, wichtig, den Protagonisten nicht zu viel vorzuschreiben. Gariglio: «Ich versuche nicht, die Geschehnisse zu inszenieren, zu skripten.» Er gebe nur Anstösse. Beispielsweise bei «En La Boca»: «Wir haben während den Dreharbeiten sehr viel Zeit mit den Protagonisten verbracht.» Gariglio und sein Kameramann Widmer hätten mit ihnen gegessen oder Tee getrunken. «Dabei habe ich beispielsweise ein Thema angesprochen und sobald das Gespräch in Gang war, habe ich mich vom Tisch entfernt», so Gariglio.

Sohn Matias, Protagonist des Films «En La Boca».
Sohn Matias, Protagonist des Films «En La Boca». (Bild: zvg)

Kameramann Widmer blieb im Zimmer und hielt die Unterhaltung fest. Dabei habe geholfen, dass Widmer kein Spanisch spricht. «Da er vermeintlich nichts verstand, haben sie ihn beim Filmen kaum beachtet.» So seien die Gespräche intim und authentisch geblieben.

Tod des Protagonisten prägt «En La Boca»

Dennoch: Gariglio porträtiert Menschen, die sich am Rand der Legalität bewegen. «En La Boca» zeigt sogar die kriminellen Handlungen seiner Protagonisten. Deshalb ist klar: «Ich werde den Film nie in Argentinien zeigen. Ausserdem war es mir immer wichtig, die Zustimmung der Familie für den Film zu haben.» 

Aus dem Film «En La Boca».
Aus dem Film «En La Boca». (Bild: zvg)

Dass Gariglio den Film mit Zustimmung der Familie fertigdrehen konnte, war nicht selbstverständlich. Während einer Drehpause ereilte die Familie ein Schicksalsschlag: «Der Protagonist, der Sohn der Familie, ist nach den ersten Dreharbeiten gestorben», erklärt Gariglio.

Cross-Media-Story soll Geschichte weitererzählen

Die Familie sei dann umgezogen, weg von «La Boca». Der Film habe sich durch den Tod des Protagonisten merklich verkürzt, die veränderte Situation wurde Teil der Geschichte.

«Als Filmemacher weisst du nie. Vielleicht treffe ich morgen per Zufall in einer Beiz meinen nächsten Protagonisten.»

Matteo Gariglio, Dokumentarfilmer

Und Gariglio möchte die Geschichte weitererzählen. Ein nächstes Projekt soll eine Cross-Media-Story werden. Mit Text, Fotografie und Film will er die Geschichte der Familie weitererzählen. «Es ist mir ein Anliegen, dass das Projekt weitergeht», so der Luzerner.

Viel Wert auf Visualität

Aber auch in der Schweiz soll in nächster Zukunft etwas entstehen. «Ich komme von hier, mein Umfeld ist hier – für die nächste Zeit möchte ich in Luzern leben.» Welche Art von Film er in der Innerschweiz drehen möchte, weiss er noch nicht. «Ich bin grundsätzlich offen für alles, auch Heimatfilme», sagt Gariglio. Aber er wolle sich nicht einschränken mit zu klaren Vorstellungen. «Als Filmemacher weisst du nie. Vielleicht treffe ich morgen ja per Zufall in einer Beiz meinen nächsten Protagonisten.»

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