Erotisches für Geist und Körper bietet die neue Leserreihe im Magdi. (Bild: Literatur ab 18)
Kultur Rezension

Erotisches für Geist und Körper bietet die neue Leserreihe im Magdi. (Bild: Literatur ab 18)

Literatur ab 18: Bondage-Schinkli zu Penis- und Vaginametaphern

5min Lesezeit

Den Erotikroman vom Kiosk heimlich unter der Decke lesen, das kann jeder. Im St. Magdalena lassen sich bei einer neuen Lese-Reihe versaute Texte aus verschiedenen Mündern und Jahrhunderten erleben. In der zweiten Ausgabe dominierten Ratlosigkeit und Gelächter.

Eine seltsame neue Lesereihe findet diesen Frühling im St. Magdalena in der Luzerner Eisengasse statt. «Literatur ab 18» heissen die Veranstaltungen und mit seiner eindeutig zweideutigen Geschichte ist das Lokal der perfekte Ort für eine versaute Veranstaltung wie diese.

Es gibt Literatur ab 18 – wie der Titel der Reihe schon verrät – und es gibt etwas Passendes zu essen. Carlos vom Magdi serviert «Bondage-Schinkli» mit Kartoffelsalat: passend zum Thema des Abends «Sklaven der Lüste».

Der Abend beginnt zwar etwas verhalten – doch zum Schluss hin werden lautes Gelächter und unzählige Penis- und Vaginametaphern den Raum füllen. Scharf geworden sind wir diesmal nicht. Doch es gibt noch Hoffnung.

Kleiner, intimer Rahmen

Hingetraut in den oberen Stock des Magdi haben sich an diesem Sonntagabend nur rund ein Dutzend Leute. Doch der intime Rahmen passt ganz gut zum Anlass.

Max Christian Graeff moderiert den Abend mit «berstenden Brüsten und platzenden Hosen» an. Immer wieder wird er seltsame Fakten zu Texten zum besten geben, eigene Gedanken und auch aktuelle Bezüge zu Trends oder Politik.

Das sexy Team

Gleich zu Beginn stellt Graeff auch die weiteren Lesenden vor. Und die Kombination der vier «schmutzigen Münder» hat Charme: Graeff mit seinem tiefen Instrument liest dramatisch und laut. Patrick Hegglin, «Kleinverleger und Grosspraktikant – auch der Bachelor genannt», ist gleich danach mit seiner ruhigen Stimme die perfekte Abwechslung.

Sex sells

Den Veranstaltungs-Text wollen wir Ihnen nicht vorenthalten:

Wenn die Jahre kälter werden, muss man Holz aufs Feuer legen. Auch das Restaurant St. Magdalena hat – wie es die Alten singen – schon viel wildere Zeiten gesehen, als wir sie uns derzeit vorstellen können. Heute brennen uns die Augen vor lodernder Fleischesglut, aber die Ohren, das Hirn und die Zunge verkümmern hungrig im moralinsauren Zöllibat.

Genug von Chatrooms, Flasherotik und Virenflut? Lust auf ein sonntägliches Menü aus den hinteren Reihen des Bücherregals? Geniessen Sie ausgesuchte Einhandliteratur aller Zeiten unter guten Beizenfreunden, bei anregenden Getränken oder auch einem leichten, aber exquisiten Menü. Ein Leseabend für Erwachsene (und solche, die es werden wollen). Sex tells!

Der Maler und «Erotikarchäologe» Niklaus Schärer ergänzt die beiden mit einem anzüglichen Singsang und einer leicht klerikalen Note. Dies ist wohl seiner Auswahl von Texten und Gedichten aus den dunklen Jahrhunderten geschuldet. Und die einzige Frau in der Runde, Lektorin Leonie Staubli, bringt mit ihrer sinnlichen, tiefen Stimme – perfekt für die Veranstaltung – die nötige Prise Erotik dazu.

Etwas schüchtern zu Beginn

Den Abend dominiert diesmal die «Venus im Pelz» von Leopold von Sacher-Masoch – der den Begriff «Masochismus» inspirierte – aus welchem Patrick Hegglin immer wieder Passagen liest.

Fast romantisch muten jedoch die Texte im ersten Drittel an. Versaut ist hier noch wenig, zum Lachen oder zum Schlucken sind die Texte noch zu brav. Oder vielleicht ist das Publikum auch noch zu sehr mit dem Essen beschäfitigt.

Im zweiten Teil kommt langsam Fahrt in die ganze Sache und der letzte Teil ist schliesslich so, wie man einen Abend mit einem solchen Titel und einer solchen Besetzung erwartet hätte.

Kästner mal erotisch

Die Texte sind genauso abwechslungsreich wie die Lesenden. Von feinen, romantischen Texten über erotische, bis hin zur humoristischen Metaphernschlachte ist alles dabei. Sogar Erich Kästner – wer hätte das gedacht – schaffte es in die Auswahl des zweiten «Literatur ab 18»-Abend.

Ein besonderer Gast, Christian Ewald (mit Mantel), liest nicht bloss. Das Gedicht, welches vom romantischen Schreiben der geliebten Namen mit Sperma handelt, trägt er mit körperlichem Einsatz und goldigem Zaubertrick vor.

In den zwei Rauch-oder- Musik-Pausen erklingen 20er-Jahre-Klassiker mit kratzender Nadel. Auch zu gewinnen gibt es an diesem Abend etwas. Nach reinem Händeaufrecken wechseln die Preise, eine Seife mit dem Wort «Unschuld» zum Mund auschwaschen, ein Plakat der Veranstaltung und eine Ausgabe des «verbotenen Eros» die Besitzer.

Niklaus Schärer bringt im dritten Teil zwei kurze Texte von Robert Burton und Daniil Charms, die den Abend mit den schrecklichen Details und einer grossen Portion Schadenfreude auf eine neue Ebene der Lautstärke heben.

Metaphern-Schlacht zum Ende

Staubli trumpft am Schluss noch mit einer Szene aus den «Grosstaten eines jungen Don Juan» von Guillaume Apollinaire auf, in welcher der Akt äusserst plastisch und metaphernreich geschildert wird. Die unglaubliche Anzahl an Worten für den Akt und die Werkzeuge ist dabei beachtlich. Da wird mit dem Hobelstengel die Pforte entkorkt, da wird mit den Oliven im Schellenbeutel gespielt, der Mast in die Lucke gesteckt und an der Prinzessbohne geknabbert.

Bei Texten wie diesen ist das Publikum lauthals lachend dabei, bei anderen herrscht im Magdi absolute Stille. Bei gewissen Texten ist an diesem Abend aber auch eine Ratlosigkeit spürbar, die Max Christian Graeff in sein Schlusswort mit einbindet. Das Kuriose und Ungewohnte, das Sprechen darüber und das Zuhören muss erstmal gelernt werden.

Bestimmt war dieser Einblick in komplett unterschiedliche Arten des Schreibens und Sprechens über Erotik und Sex dafür ein guter Anfang. Und Spass gemacht hat der Abend auf jeden Fall – auch ohne schamesrote Ohren.

Zum bekannten Wagner Haus bei Tribschen erfahren die Zuhörer von Niklaus Schärer noch ein bisschen versaute Hintergründe. Wir sagen dazu nur: Fesselspiele im Keller.

Die nächste Ausgabe von «Literatur ab 18» findet am Ostersonntag 16. April statt. Für den Abend verspricht Graeff wieder mehr verschiedene Facetten und irgendwas mit Hasen. Wir sind gespannt. 

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