Blind Butcher erhält vom Kanton 20’000 Franken Förderung – für ein ausgereiftes Projektkonzept. (Bild: facebook / Montage pze)
Kultur Politik

Blind Butcher erhält vom Kanton 20’000 Franken Förderung – für ein ausgereiftes Projektkonzept. (Bild: facebook / Montage pze)

Weg von der Giesskanne: Nun fördert Luzern die «Besten»

15min Lesezeit

Vor einem Jahr hat das System der Kulturförderung geändert: Neu werden nur noch ausgewählte Projekte unterstützt – dafür mit einem grossen Betrag. Weiter unterstützt der Kanton eine engere Zusammenarbeit zwischen den Kulturinstitutionen. Die Kulturförderung erhält viel Lob – auch wenn gewisse Bedenken bleiben.

Pascal Zeder

Die Kulturförderung des Kantons Luzern durchläuft einen Wandel. Zusammengefasst geht es darum: Die kantonale Förderung von Musikern oder Bands soll weniger die Breite stützen, sondern ausgewählte Künstler bis an die nationale Spitze bringen – und dort behalten. Dazu fährt der Kanton seit Januar 2016 ein Pilotprojekt. Neu hat man einen Förderfonds, gefüllt mit jährlich 120’000 Franken, reserviert für die Sparte Musik.

Neben Geld setzt der Kanton in Zukunft aber auch auf eine Kooperation zwischen den grossen Konzerthäusern und den grösseren Festivals. Vor allem soll der Austausch untereinander verbessert werden. Dazu bringt der Kanton die «Big Player» der Kulturszene an einen Tisch – und verbessert ihre Vernetzungen.

Das klingt unscheinbar, wäre aber für die Luzerner Szene eine riesen Chance. Denn: Bands mit Potenzial sollen dadurch an die Häuser und Festivals vermittelt und gezielter an ihr Publikum gebracht werden. Damit will man Musiker und Gruppierungen nachhaltiger fördern. Stefan Sägesser, Verantwortlicher Kulturförderung des Kantons Luzern, spricht von einem möglichen «Quantensprung».

So funktioniert die regionale Kulturförderung, aus der sich der Kanton 2016 zurückgezogen hat.
So funktioniert die regionale Kulturförderung, aus der sich der Kanton 2016 zurückgezogen hat. (Bild: screenshot)

Viel Geld für wenige Künstler

Vielen dürfte nicht klar sein, wie genau die Kulturförderung im Kanton Luzern funktioniert, deshalb soll sie kurz erklärt sein: Seit 2016 kann man, kommt man aus der Umgebung von Luzern oder Luzern West, beim Kanton keine Gesuche auf Unterstützung mehr einreichen (wie etwa beim städtischen Fuka-Fonds), stattdessen werden Fördergelder ausgeschrieben. Für diese kann man sich mit detailliertem Konzept bewerben. Eine fünfköpfige Jury entscheidet dann über die Vergabe der Gelder (siehe Box). Kulturschaffende aus dem Seetal und dem Sursee-Mittelland haben weiterhin die Möglichkeit auf Gesuche. Dort ist noch kein regionaler Förderfonds installiert.

Das Duo Blind Butcher eröffnete den Abend im Seebad.  (Bild: jwy)
Blind Butcher, hier bei einem Auftritt im Seebad Luzern, sind die Ersten, die eine «selektive Produktionsförderung» vom Kanton erhalten haben. (Bild: jwy)

Insgesamt werden jährlich über alle Kunst- und Kultursparten hinweg rund 750’000 Franken ausgeschüttet, 120’000 Franken im Bereich Musik. Verteilt wird dieser Betrag während zwei Ausschreibungen auf einen bis drei Musiker oder Musikgruppen. Es gibt 20’000 bis maximal 60’000 Franken pro gefördertes Projekt.

Dafür gehen die anderen Bewerber leer aus. Diese können aber Unterstützung von den regionalen Förderfonds, sprich einem Topf aus Gemeinde- und Kantonsgeldern, per Gesuch beantragen. Für alle notorischen Sparer: Die Beiträge des Kantons belasten das Kantonsbudget nicht. Sie werden aus dem Topf der Lotteriegelder bezahlt. Damit verfolgt der Kanton ein bestimmtes Ziel: professionelle Musiker noch gezielter und besser zu fördern – die Spitze also noch weiter zu bringen.

Erste Fördergelder im Dezember gesprochen

Im Dezember wurde zum ersten Mal Geld im neuen Verteilsystem ausbezahlt. Im Bereich Musik wurden Fredy Studers Verarbeitung seiner Reisen auf vier LPs und einem dazugehörigen Buch mit 30’000 Franken unterstützt. Mit 20’000 Franken fördert der Kanton das trashige Duo Blind Butcher, welches sich momentan anschickt, Deutschland zu erobern.

«Unsere Aufgabe ist es nicht, der Jury das Leben möglichst einfach zu machen.»

Stefan Sägesser, Verantwortlicher Kulturförderung Kanton Luzern

Beides sind zweifellos qualitativ hochstehende und professionelle Projekte. Aber haben diese wirklich die besten Karten, national durchzustarten? Es gehe nicht primär darum, wer die besten Karten zum Erfolg hat, sagt Sägesser. «Diese Projekte verfügen über ein überzeugendes Gesamtpaket. Blind Butcher beispielsweise produzieren ein Album, haben einen Promotionsplan und eine Tournee.» Die Jury habe diese Projekte mit ihrem Gesamtkonzept als «am förderungswürdigsten» befunden.

Bei genauerem Hinsehen fällt aber auf: Die Auswahl war nicht sehr gross. Auf die Ausschreibung des Kantons gab es gerade einmal 19 Projekteingaben – zwei davon werden nun gefördert. Zu wenig, findet auch Sägesser: «Unsere Aufgabe ist es nicht, der Jury das Leben möglichst einfach zu machen.» Im Gegenteil, Ziel sei es, mehr Leute für die Ausschreibung zu motivieren: «Realistisch wären 30 Anmeldungen pro Ausschreibung.»

«Ich startete und hatte fast nur Sitzungen»: Stefan Sägesser ist seit einem Jahr kantonaler Kulturchef.  (Bild: jwy)
Stefan Sägesser an einem Interviewtermin im Sommer. Er ist seit 2015 Verantwortlicher für die Kulturförderung im Kanton Luzern. (Bild: jwy)

Tobi Gmürs Gönner könnten entlastet werden

Die Frage, wie man seine Projekte als Musiker finanziert, ist für die Künstler stets präsent. Lokalmatador Tobi Gmür hat sich da ein ganz eigenes Mittel geschaffen: den «GCTG» («Gönnerclub zur Förderung der musikalischen Karriere von Tobi Gmür»). Gmür setzt also auf eine eigene Form von Crowdfunding. Sind denn kantonale Beiträge so verpönt?

«In der Schweiz braucht man Kulturförderung bis auf höchstem Niveau.»

Stefan Sägesser, Verantwortlicher Kulturförderung Kanton Luzern

Gmür verneint: «Dem neuen System stehe ich positiv gegenüber.» Mit einem Augenzwinkern sagt Gmür: «Es ist ja je nach Betrachtungsweise nicht unbedingt ein Zeichen für eine erfolgreiche Karriere, wenn man von der Kulturförderung oder auch von Gönnern abhängig ist.»

Trotzdem müsse man sich neue Wege suchen, um zu Mitteln zu kommen. Und auch er will künftig Projekte beim Kanton einreichen. Das käme seinen Unterstützern zugute, sagt Gmür mit einem Lächeln: «Im Falle eines positiven Bescheids könnte ich dafür den Gönnern temporär die Mitgliederbeiträge senken.»

Keine Förderung führt zu Problemen

Viel Lob für die neue kantonale Kulturförderung also. Aber es werden auch Bedenken geäussert. Benjamin Gross, selber Musiker und ehemaliger Präsident des Fuka-Fonds der Stadt Luzern, wirft eine Sicht von aussen auf die Angelegenheit und konstatiert: «Eine Qualitätsförderung ist grundsätzlich begrüssenswert. Für ambitionierte Künstler ist es eine grosse Veränderung.» Aber Gross sagt auch: «Künstler, die bei der Fördergeldvergabe nicht berücksichtigt werden, haben teilweise Probleme mit ihrer Projektfinanzierung.»

«Solange kein Geld im System der Projektförderung ist, ist das System lediglich gut gemeint.»

Benjamin Gross, ehemaliger Präsident des Fuka-Fonds

Ausserdem sei der Geschmack der Jury bei der Vergabe entscheidend. Das liege in der Natur der Sache, für gewisse Künstler sei dies eher problematisch. Gross sagt: «Ich habe den Eindruck, dass Künstler im popkulturellen Bereich weniger Chancen auf Förderung haben als eine Jazz-Combo.» Dabei müsste der Kanton mutig sein und sich trauen, auch auf Popkultur zu setzen, findet Gross.

Das System sei aber deshalb nicht per se falsch, sagt Gross: «In Luzern haben wir extrem hohe Fixkosten mit grossen Häusern, es bleibt wenig für freie Kunst- und Kulturförderung. Diese Prioritätensetzung prägt der Kanton mit.» Es brauche nicht mehr Geld, das Geld müsste nur anders aufgeteilt werden. «Solange kein Geld im System der Projektförderung ist, ist das System lediglich gut gemeint», so Gross.

Eine Band soll nachhaltig erfolgreich sein

Die Kulturförderung möchte aber gezielt Projekte auswählen, welche auch langfristig Erfolg haben können. Sägesser betont: «Viele Luzerner Musiker landen mit Projekten eine Art Durchbruch, können den Erfolg aber nicht halten. Unser Ziel ist es, die Musiker dabei zu unterstützen, sich auch überregional zu etablieren, und dazu braucht es einen Support für Musik, Promotion und Tourneen.»

Dafür brauche es aber langfristige Subventionen. «Das Ziel ist nicht, einmal zu investieren und die Leute dann sich selbst zu überlassen.» Für Sägesser ist klar: «In der Schweiz benötigt man Kulturförderung bis zu höchstem Niveau. Auch Topleute sind bis zu einem gewissen Grad auf einen Stützungsfaktor angewiesen.»

«Wenn eine Band drei Mal im Sedel spielt, sollte sie doch auch in einem anderen Haus spielen.»

Stefan Sägesser, Verantwortlicher Kulturförderung Kanton Luzern

Die Nachhaltigkeit soll auch anders erreicht werden: Neben dem Geld für einzelne Projekte soll künftig auch der Austausch zwischen den grossen Konzerthäusern und den lokalen Musikfestivals besser werden. Sägesser sagt: «Wir wollen ein Bewusstsein schaffen für ein ‹Miteinander›.» Zu diesem Miteinander gehören für Sägesser unter anderem Sedel, Treibhaus, Schüür und Südpol wie auch das B-Sides, die Stanser Musiktage oder das Jazzfestival Willisau.

Wer bestimmt über die Produktionsbeiträge?

Es sind in jeder Sparte Fachjurys, welche über die Vergabe der Gelder entscheiden. Dabei besteht die Jury nie zwei Mal hintereinander aus den gleichen Mitgliedern und nie aus derselben Zusammensetzung.

In der Sparte Musik waren in der Jury vertreten:

  • Nicole Kammermann
  • Vera Kappeler
  • Bruno Prandi
  • Arno Troxler

Dabei handelt es sich um zwei Personen aus dem Kanton Luzern und zwei ausserkantonale Vertreter.

«Wenn eine Band drei Mal im Sedel spielt, sollte sie doch auch in einem anderen Haus spielen», meint Sägesser. Wird man also noch mehr Luzerner Bands am B-Sides sehen? Sägesser meint: «Wichtig sind der Austausch und das Bewusstsein füreinander. Die Programmation können und wollen wir nicht beeinflussen.»

Das B-Sides ist erfreut über kantonale Bemühungen

Edina Kurjakovic, Mitglied Vorstand Verein B-Sides, sagt zu den Plänen des Kantons: «Natürlich ist es spannend, wenn der Austausch auf einer neuen Ebene gestärkt wird und dies mit mehreren Partnern gleichzeitig und regelmässig.» Man sei aber heute bereits in gutem Austausch miteinander.

Über die kantonale Förderung sagt Kurjakovic: «Das B-Sides begrüsst den Willen der Kulturförderung, einen neuen Weg in der Förderung zu gehen.» Allgemein seien die Förderstrukturen starr oder orientierten sich an Bedürfnissen von früher. «Wir finden es toll, dass es möglich ist, über neue Formen zu diskutieren, dass sich die Kulturförderung öffnet und gemeinsam mit den ‹Geförderten› eine passende Lösung sucht», so Kurjakovic. Dies sei im politischen Umfeld nicht immer einfach.

«Nicht jede Band wird sich am B-Sides wohlfühlen.»

Edina Kurjakovic, Mitglied Vorstand Verein B-Sides

Kurjakovic betont die Möglichkeiten, welche ein Festival wie das B-Sides einer Band bieten kann, die langfristig Erfolg sucht: «Wir wollen den Bands nicht nur eine Plattform bieten, sondern sie auch mit anderen Musikerinnen und Musikern oder Veranstaltern verbinden.»

Aber Kurjakovic betont auch, dass nicht jede Band eine «B-Sides-Band» sein kann: «Nicht jede Band wird sich am B-Sides wohlfühlen.» Deshalb brauche es verschiedene Plattformen. «Gemeinsam mit Konzerthäusern, Festivals und den Musikerinnen und Musikern können wir herausfinden, welche Band ihr Potenzial an welchem Ort am besten entfalten kann», so Kurjakovic.

Tobi Gmür tingelt mit seinen Alben durch die Schweiz – erste Station: Winterthur.  (Bild: zvg)
Tobi Gmür macht sich bereit für ein Konzert. Er kann dem neuen Förderungssystem viel Gutes abgewinnen. (Bild: zvg)

Langfristiges Planen ist Voraussetzung

Es ist also viel in Bewegung. Doch es liegt auch in der Natur der Kunst- und Kulturszene, politische Entwicklungen – gerade wenn es um Geld für die Kultur geht – kritisch zu beäugen. Denn ein Betrag in der Höhe dieser neuen Förderungen setzt einen als Künstler auch unter Druck: Man sollte erfolgreich sein, schnell und sich künstlerisch treu bleiben. Eine Gratwanderung.

«Niemand hat weniger Erwartungen als die öffentliche Hand.»

Stefan Sägesser, Verantwortlicher Kulturförderung Kanton Luzern

Diese Bedenken teilt Sägesser nicht: «Ein bisschen Druck gehört dazu. Es soll sich nur bewerben, wer Lust auf professionelles Musikmachen und ein gutes Konzept hat.» Ausserdem müsse man ja nur erfüllen, was man per Konzept einreicht. Mehr werde nicht verlangt, so Sägesser: «Niemand setzt weniger Erwartungsdruck auf als die öffentliche Hand. Würde eine Plattenfirma ein Projekt unterstützen, wäre der Erfolgsdruck um ein Vielfaches höher.»

Doch ein Künstler, der abhängig vom Staat ist – das passt doch nicht zusammen? Sägesser hält wenig von Vorbehalten gegenüber einer kantonalen Finanzspritze: «Das ist der alte Streit um Kunst und Kommerz. Dass mehr Geld für ein Gesamtprojekt zur Verfügung steht, soll die Qualität fördern. Und reicht noch lange nicht, um sich bequem zurückzulehnen, sondern soll Ansporn sein.» Die jüngere Musikgeneration mache sich mehr Gedanken über die Finanzierung, ohne dies als Einschränkung zu verstehen.

Tobi Gmür sieht in den kantonalen Förderungen auch eine Bestätigung für langjährige Musikmacher: «Die ‹selektive Produktionsförderung› soll diejenigen weiterbringen, die beharrlich sind, Geduld haben und aus dem Durchschnitt herausstechen.» Vom «Giesskannensystem» von früher sei er kein Fan, obwohl er die Argumentation der Verfechter einer flächendeckenderen Finanzierung verstehe.

«Ein Produktionsbeitrag sorgt für einige Stress-Erleichterung.»

Tobi Gmür, Musiker

Was bringen 20’000 Franken?

Was für einen Laien schwerfällt, ist eine Einschätzung der kantonalen Beiträge: Was genau kann ich als Musiker mit 20’000 Franken – wie sie Blind Butcher bekommen haben – anstellen? Tobi Gmür klärt auf: «Für den Betrag könnte ich ein Album aufnehmen, es pressen lassen, Grafik, Fotografie und die mechanischen Lizenzen bezahlen.» Zusätzlich könne er für Promotion Geld ausgeben: Banale Dinge wie Plakate und Flyer drucken oder eine Webseite erstellen lassen.

«Und dann noch die ganze Band mindestens auf ein Essen einladen, denn die Musiker sind ja auch noch nicht bezahlt», fügt er an. Mit einem Betrag in dieser Höhe könne man ein gutes Stück weiterkommen. «Ein Produktionsbeitrag sorgt für einige Stress-Erleichterung», so Gmür.

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