Cellistin Sol Gabetta und Pianistin Hélène Grimaud traten am Samstag zu zweit im KKL auf. (Bild: zVg)
Kultur Rezension Konzertkritik

Cellistin Sol Gabetta und Pianistin Hélène Grimaud traten am Samstag zu zweit im KKL auf. (Bild: zVg)

Superstars der Klassik in perfekter Symbiose

6min Lesezeit

Am Samstagabend gastierten die Violoncellistin Sol Gabetta und die Pianistin Hélène Grimaud als «Duo» im KKL. Der Lucerne Chamber Circle präsentierte mit ihnen einen herausragenden Leckerbissen. Die Zuschauerränge waren voll und die beiden Musikerinnen liessen jegliche Januarlochsentiments verblassen. 

Lina Friedrich

Die beiden Ausnahmemusikerinnen Sol Gabetta und Hélène Grimaud blicken beide auf eine kometenhafte Karriere zurück, beide wurden in jungen Jahren als auffallende Talente entdeckt und gefördert. Nun setzen sie mit ihrer Tournee 2016 ihre gefeierte Zusammenarbeit von 2012 fort und spannten am Samstagabend im KKL den musikalischen Bogen von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart.

Die Argentinierin Gabetta tritt als Kammermusikerin überall auf der Welt auf und arbeitete bereits mit Bertrand Chamayou, Patricia Kopatchinskaja, Alessio Bax und nun eben bereits zum zweiten Mal mit Hélène Grimaud zusammen. Ihre erste Kollaboration 2012 beinhaltete auch die Aufnahme des Tonträgers «Duo», der beim ECHO 2013 den Preis für die Kammermusik-Einspielung des Jahres abstaubte.

Grimaud zeichnet sich ebenfalls als weltweit engagierte Kammermusikerin aus. Ihr einzigartiger Beitrag zum Reichtum des zeitgenössischen klassischen Spektrums wurde von der französischen Regierung mit der Verleihung des höchsten Verdienstordens Frankreichs gewürdigt: Hélène Grimaud ist Ritterin der Ehrenlegion.

Unbezahlbares Cello und schwebende Töne

Am Samstagabend also traten Gabetta und Grimaud in Luzern vor vollen Rängen auf die Bühne. Gabetta extrovertiert in Tüll und Glitzer gekleidet, ganz die Verkörperung ihres Vornamens und ihrer argentinischen Herkunft; Grimaud in Schwarz, reservierter, scheuer, aber nicht minder elegant.

Nach aufbrandendem Applaus wandten sich die Musikerinnen ihren Instrumenten zu, und der Saal wurde mucksmäuschenstill. Gabetta spielte ihr unbezahlbares Guadagnini-Violoncello von 1759, Grimaud den Konzertflügel. Auf diesem schlug sie denn auch den ersten, schwebenden Ton von Arvo Pärts «Spiegel in Spiegel» an und brachte in diesen einzelnen Ton einen Ausdruck, den man nicht für möglich hielte, wäre man nicht mit Grimauds faszinierendem Spiel vertraut.

Pärts Werk schritt vorsichtig fort, Gabetta umspielte die zerbrechlichen Dreiklänge des Klaviers mit grösster Achtsamkeit. Die Komposition des Estländers vermochte die Zuhörer in Luzern zu berühren, weil Gabetta und Grimaud sich vollständig der Entrücktheit der Melodie hingaben.

Ein mathematisches Stück

Sie schienen als Menschen in den Hintergrund zu treten, liessen dem minimalistischen Arrangement den Vorrang und spielten es auf eine Art und Weise, die sich anhörte wie die Flügelschläge eines Schmetterlings in völliger Stille. Gabetta und Grimaud zeigten die ausserordentliche Sensibilität und das Können, die notwendig sind, um ein so mathematisch-feingliedriges Stück wie «Spiegel im Spiegel» ergreifend zum Leben zu erwecken.

Die Emotionalität ihrer Interpretation ergriff denn auch das Publikum so sehr, dass nach Verklingen des letzten Klanges mindestens zehn Sekunden lang Ruhe herrschte, ehe, der Kein-Klatschen-zwischen-den-Stücken-Regel zuwider, in Wellen Applaus ausbrach.

Makellose Kontrolle über jeden einzelnen Ton

Nach diesem bewegenden Einstieg wandten sich die Musikerinnen Schumanns fünf Stücken im Volkston sowie Claude Debussys Sonate in D-Moll zu. Sie gaben Schumanns Flucht vor dem Wirren der Welt mit Leichtigkeit wieder, kleideten seine Sehnsucht nach häuslichem Glück in Klang.

Bei Debussys Sonate läuft insbesondere Gabetta zu Höchstform auf: Ihr Instrument reisst sie mit, und doch behält sie makellose Kontrolle über jeden einzelnen Ton, sie beherrscht das Violoncello meisterlich von den erdigen, surrenden Tiefen bis in kristallklare Höhen und wechselt mühelos zwischen Streich- und Zupfintervallen, deren schnelle Übergänge Debussy eigen sind.

Nach der Pause, oder besser gesagt, nach zwei Zugaben und der Pause, galt Gabettas und Grimauds Aufmerksamkeit schliesslich ganz Brahms Sonate in D-Dur. Grimaud versank in ihrem Spiel, während Gabetta mit ihrem zu fliegen schien: Die beiden Damen ergänzen sich wie zwei Gegenpole, die gemeinsam Unglaubliches erschaffen können. Gabetta das Feuer und die Luft, Grimaud das Wasser und die Erde – zusammen ein Ganzes, ein Klang, der von beiden Energien lebt und in dem das eine nicht ohne das andere sein kann.

Ein kleines Malheur

Die Zuhörer im KKL waren von den beiden hingerissen. Ganze dreimal kehrten sie nach dem letzten Stück auf die Bühne zurück, um Zugaben – unter anderem von Chopin – zu spielen. Vor der letzten Zugabe denn auch Gabettas augenzwinkernder Hinweis: «Eines noch, dann ist Schlafenszeit.» Zwei Zugaben vor der Pause, drei danach, das macht insgesamt fünf. Das KKL wollte nicht aufhören zu applaudieren, wollte nicht, dass Gabetta und Grimaud von der Bühne verschwinden.

Und tatsächlich, es hätte ewig weitergehen können, denn die Zeit im Konzertsaal verstrich in einem Augenblick. Da störte es auch nicht, dass Gabetta einmal die Saiten vom Bogen flogen oder Grimauds Noten-Umblätterer einmal aus Versehen zwei Seiten erwischte und der ganze Saal mitfühlte, als er sein Malheur hastig behob.

Die Welt der Klassik kann von Glück reden, dass zwei Ausnahmemusikerinnen wie Gabetta und Grimaud die Leidenschaft für die Kammermusik teilen und sich zur Zusammenarbeit entschieden haben. Ausserdem bieten die beiden in dieser spezifischen Zusammensetzung vielleicht einen Anreiz für künftige Komponisten, mehr Stücke für Violoncello und Klavier zu schreiben (Pärts sowie Brahms Werke vom Samstagabend waren im Original für Violine und Klavier konzipiert), um dieser zauberhaften Kombination mehr Raum in der klassischen Kammermusik zu geben.

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