Macht seit zehn Jahren Lesungen in Zug: Thomas Heimgartner, Präsident der Literarischen Gesellschaft Zug (Bild: fam)
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Macht seit zehn Jahren Lesungen in Zug: Thomas Heimgartner, Präsident der Literarischen Gesellschaft Zug (Bild: fam)

«Jemandem zuhören entspricht einem Urbedürfnis»

4min Lesezeit

Es ist eines dieser Experimente: eine klassische Kunstform einem jungen Publikum schmackhaft zu machen. Die Literarische Gesellschaft Zug versuchts mit Kontrabass und gratis Eintritt. Plus Galvanik als Leseort. Denn: Die junge literarische Szene ist in Zug praktisch inexistent.

Es gibt Vereine in Zug für die Verminderung von Food Waste, solche für die Verbesserung von Arbeitsbedingungen und jene, die sich um das seelische Wohl ihrer Schäfchen aller Couleur kümmern. Die Literarische Gesellschaft Zug gehört nicht zu ihnen. Sie hat ein ganz anderes Ziel. Nämlich: Die Verbreitung einer ganzen Kulturform.

Und dazu braucht sie einen langen Atem. Hundertundsechs Jahre gibt es die Gesellschaft schon. Der letzte Präsident war fünfzehn Jahre lang am Drücker. Und auch Thomas Heimgartner ist schon seit zehn Jahren dabei. Wenn also jemand weiss, wie es um die Zuger Literaturszene steht, dann er.

Kein Wunder hat er ein bestimmtes Ziel: «Wir wollen mehr junge Menschen ansprechen. Deshalb haben wir eine neue Veranstaltungsreihe eingeführt.» LiteratU30 heisst das Experiment, es findet am 27. März in der Galvanik zum ersten Mal statt. Die erste Ausgabe: Michelle Steinbeck liest, dazu spielt Raphael Scheiwiler Bass. «Für unter 30-Jährige ist der Eintritt gratis», sagt Heimgartner. Obs klappt, man wird sehen. Heimgartner: «Ich glaube, dass wir auch jüngere Leute für Literatur begeistern können. Es gibt ja auch immer wieder junge Leute, die Germanistik studieren.»

Klassische Lesung – taugt die noch was?

Die Literarische Gesellschaft hat sich der klassischen Lesung verschrieben. Hat sie als Format im Zeitalter von Facebook-Livestreams und konstanter Überstunden überhaupt Zukunft? Heimgartner sagt bestimmt: «Ich bin überzeugt davon. Sie entspricht einem Urbedürfnis. Dem Bedürfnis, jemandem zuzuhören, der uns seine Geschichte erzählt. Und zudem ist die Begegnung mit dem Autoren oder der Autorin immer noch etwas, das die Leute interessiert», sagt Heimgartner. Zu einer Lesung der Gesellschaft kämen zwischen zwanzig und hundert Menschen. «Ab zwanzig kann die Lesung als Erfolg verbucht werden», sagt Heimgartner.

Für die literarische Gesellschaft ist die Organisation dieser Lesungen vor allem auch Künstler-Förderung. «Diese Lesereisen sind für die Autoren oft ein wichtiges finanzielles Standbein.» Star-Autoren füllen in Zürich ganze Konzertsäle, wenn etwa Karl Ove Knausgård kommt. In Zug sind die Namen ein bisschen kleiner. Die Säle auch. «Internationale Bestseller-Autoren verlangen Gagen, die wir uns normalerweise nicht leisten können», sagt Heimgartner.

«Revolutionen kann man keine erwarten. Dafür bin ich schon zu lange dabei.»

Thomas Heimgartner, Präsident Literarische Gesellschaft Zug


Zehn Jahre voller Lesungen hat Heimgartner hinter sich: Starautoren und Mauerblümchen in der Bibliothek in Zug oder im Burgbachkeller, neuerdings auch in der Galvanik, Moderationen mit bissigen Fragen und verhaltenen Antworten, und oder umgekehrt. Im letzten Herbst hat Heimgartner das Präsidium der Gesellschaft von Adrian Hürlimann übernommen. «Revolutionen kann man keine erwarten», sagt Heimgartner und lacht, «dafür bin ich schon zu lange dabei.»

Junge Szene fehlt

Revolutionen also nicht, aber vielleicht etwas mehr Vernetzung. «Wir sind offen für die Zusammenarbeit mit anderen Gruppierungen, die Lesungen veranstalten: Die Zuger Übersetzer etwa oder die Stiftung Landis & Gyr.» Denn während in anderen Städten Literatur ein fester Bestandteil der kulturschaffenden Szene ist, scheint sie in Zug zumindest unter jungen Kulturschaffenden nicht sehr lebendig zu sein.

Obwohl es einige bekannte und arrivierte Zuger Autoren gibt – allerdings vor allem jenseits der 40-Jahre-Grenze. «Was hier fehlt ist die studentische Szene, die es in anderen Städten gibt», sagt Heimgartner. «Die wandern wohl nach Zürich oder Luzern ab.»

Zudem habe sich nie eine Poetry-Slam-Szene im engeren Sinne etablieren können – respektive keine junge. «Vielleicht hängt das auch damit zusammen, dass Michael van Orsouw und Judith Stadlin mit der Lesebühne Satz & Pfeffer bereits eine tolle Spoken-Word-Plattform bieten.»

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