Christoph Imholz am Werk. (Bild: zvg)
Kultur Kunst

Christoph Imholz am Werk. (Bild: zvg)

Sind Behinderte bessere Künstler?

11min Lesezeit

Was ist zu erwarten, wenn sich Menschen mit Behinderung als Künstler betätigen? Schlechter als Absolventen von Kunstakademien sind sie nicht zwingend. Dies zeigen Arbeiten von Klienten der Zuwebe, die zurzeit im Kunsthaus Zug zu sehen sind. Auch dessen Direktor Matthias Haldemann attestiert vielen Arbeiten ein hohes künstlerisches Potential.

Markus Mathis

Zu viel Bildung ist schädlich für den künstlerischen Ausdruck. Das jedenfalls glaubte der französische Künstler, Sammler und Theoretiker Jean Dubuffet (1901–1985), der den Begriff «Art brut» für die Kunst von Geisteskranken, Behinderten und Randständigen prägte. «Wir verstehen darunter Werke von Personen, die unberührt von der «kulturellen Kunst» geblieben sind.» Bei denen spielen gemäss Dubuffet Anpassung und Nachahmung – anders als bei intellektuellen Künstlern – kaum oder gar keine Rolle. Solche gibt es durchaus auch in Baar.

Dubuffet lobte «eine Kunst (...), in der nur die eigene Erfindung in Erscheinung tritt und die nichts von einem Chamäleon oder einem Affen hat, wie es bei den intellektuellen Künstlern konstante Praxis ist.» Rohe Kunst sei der verbildeten überlegen, behauptete Dubuffet 1947 in einem Manifest, da ihre Urheber alles aus ihrem Innern bezögen, «und nicht aus Klischees der klassischen Kunst und der gerade aktuellen Kunstströmung».

Das Lieblingsbild liefert Ideen

Eine Überprüfung der Thesen ist derzeit im Kunsthaus Zug in der Ausstellung «zuwebe zu Gast» möglich. Darin zeigen Klienten der Zuwebe in Baar, einer Wohn- und Arbeitsstätte für Menschen mit Behinderung, ihre schöpferische Kraft. Es ist der zweite Teil des Projekts «Die Sammlung auf Wunsch».

2015 hatten Behinderte – wie viele andere auch – ihre Lieblingsbilder aus den Beständen des Kunsthaus ausgesucht und sie an Veranstaltungen vorgestellt. Nun reagieren sie auf diese Lieblingsbilder mit eigenen Bildern und Skulpturen. Als Gegenthese dazu dient die parallel stattfindende Ausstellung zeitgenössischer Zuger Kunst aus der Sammlung des Kantons Zug – oft ungegenständlich, oft von Absolventen oder Dozenten von Kunstschulen geschaffen.

Thomas Schlumpf.
Thomas Schlumpf. (Bild: zvg)

Malen geht besser als Sprechen

Krass, wie ausdrucksstark die Arbeiten au den Ateliers der Zuwebe teils sind. Hatten die Behinderten bei den Vorstellung ihrer Lieblingsbilder noch mit ihren Grenzen beim Artikulieren gekämpft, so schöpfen sie nun aus dem Vollen. Thomas Schlumpf, der ein Madonnenbild des Wahlluzerners Hans Schärer (1927–1997) gewählt hatte, sagte beispielsweise zu seiner Wahl lapidar: «Lange Haare, Zähne zum Kauen. Ja!» Um danach eine Skulptur und ein Bild von musealer Qualität abzuliefern.

Der Zugang der Behinderten zur Kunst ist oft überraschend – unvermittelt und sprunghaft. Zum Beispiel: Ibrahim Alic hat das Bild «Roter Dämon» des Zürcher Künstlers Friedrich Kuhn (1926–1972) gewählt und beginnt dazu eine eigene Geschichte zu entwickeln. «Die rote Frau und der Clown haben sich an der Fasnacht kennengelernt. Später haben sie geheiratet. In meinen Bildern tanzen und feiern sie miteinander Hochzeit.»

Fantasie auf Reisen

Nicole Weber hat sich ein Bild des Wiener Jugendstilmalers Gustav Klimt (1862–1912) vorgenommen, das einen blühenden italienischen Garten zeigt. «Ich mag sehr gerne Katzen, und bestimmt liegt eine zwischen den Blumen auf dieser Wiese», fantasiert sie und töpfert dazu eine bezaubernde Katze, die sie mit Blumenmotiven bemalt.

Nicole Weber.
Nicole Weber. (Bild: zvg)

Viola Li erinnert sich aufgrund einer Aktzeichnung des deutschen Expressionisten August Macke (1887–1914) an den Film «Titanic», weil darin Leonardo DiCaprio Kate Winslet in der gleichen Pose malt. Und weil sie die Titelmelodie spielen kann. Das tut sie und praktiziert dazu – als Ausdruckstanz oder als Perfomance – Thai-Chi-Übungen.

Tanzt zu August Macke: Viola Li.
Tanzt zu August Macke: Viola Li. (Bild: zvg)

Behinderte als Kunstvermittler

«Mit ihrer Eigenständigkeit und Tiefe sind diese Arbeiten auch Kunstvermittler», meint Kunsthaus-Direktor Matthias Haldemann, der zusammen mit Sandra Winiger, der Leiterin der Kunstvermittlung die Ausstellung kuratiert hat. Diese Sichtweise lässt sich nachvollziehen, denn schliesslich wurde das Projekt «Die Sammlung auf Wunsch» zum 20-jährigen Bestehen der Kunstvermittlung aufgelegt. Es folgt als Teilhabeprojekt auf das «Ship of Tolerance» von Ilya und Emilia Kabakov, bei dem ebenfalls Laien und die Öffentlichkeit in ein Kunstprojekt eingebunden wurden.

Aussenseiter-Kunst: Die Schweiz ist voll davon

Nicht nur im Kunsthaus Zug ist Kunst von Behinderten zu sehen. Weltweit einzigartig ist die Collection de l'Art brut in Lausanne, die seit 40 Jahren Jean Dubuffets Sammlung beherbergt. Die Sammlung wird ständig erweitert und umfasst mittlerweile Arbeiten von 400 Kreativen. Hervorragend ist ausserdem das Museum der Stiftung für schweizerische Art brut und naive Kunst im Lagerhaus in St. Gallen. Und wenn man schon in der Ostschweiz ist, dann lohnt sich auch ein Abstecher in die Kartause Ittingen, wo das Kunstmuseum Thurgau regelmässig Ausstellungen zum Thema Aussenseiterkunst zeigt. Auch in Zürich gibts Wechselausstellungen dazu im Musée Visionnaire.

Art visionnaire ist einer von vielen ähnlichen Begriffen für Art brut. Ein anderer ist Aussenseiter-Kunst oder zustandsgebundene Kunst. Der Begriff Naive Kunst ist verwandt, aber nicht ganz deckungsgleich.

Seit 100 Jahren wird gesammelt

Jean Dubuffet war der wichtigste Förderer des Genres, aber nicht der erste. Der deutsche Psychiater und Kunsthistoriker Hans Prinzhorn (1886–1933) sammelte zu Beginn des 20. Jahrhunderts 5000 Gemälde, die heute in Heidelberg zu sehen sind. Er nannte die Art brut, die rohe Kunst, noch «Bildnerei der Geisteskranken» und schrieb Bücher über sie.

Man kann auch nachvollziehen, dass die Kreativen konsequent als «Klientinnen und Klienten der Zuwebe» bezeichnet werden, denn als solche sind die Menschen mit Betreuungsbedarf den Zuwebe-Angestellten im täglichen Umgang vertraut.

Nur: stapeln da Haldemann und Winiger nicht tief, wenn sie schöpferischen Leistungen von beachtlicher Ausdruckskraft das Etikett Kunst verweigern? Und wird man den Kreativen gerecht, wenn man sie in diesem Umfeld auf Insassen einer Einrichtung reduziert?

Über ein Jahr Arbeit

«Wir positionieren die Ausstellung nicht im Kontext von Art Brut», meint Sandra Winiger auf Anfrage. «Uns geht es um den Dialog zwischen Kunst und Menschen, die sie betrachten, und um das, was dabei ausgelöst wird.» Die Menschen mit Behinderung hätten sich in den Ateliers der Zuwebe während über einem Jahr auf unterschiedlichste Weise mit den Bildern der Sammlung auseinandergesetzt. Winiger äussert sich einfühlsam und respektvoll über die «sehr sensiblen» gestalterischen Leistungen. «Die Resultate sind auf Augenhöhe mit den originalen Werken ausgestellt», betont sie. 

Dubuffet, der Erfinder des Begriffs «Art Brut», war in dieser Hinsicht sehr viel bestimmter: «Wir sind der Ansicht, dass die Wirkung der Kunst in allen Fällen die gleiche ist, und dass es ebenso wenig eine Kunst der Geisteskranken gibt wie eine Kunst der Magenkranken oder der Kniekranken», schrieb er vor über einem halben Jahrhundert.

Ausdruck von enormer Kraft

Klar: Nicht jeder, der einen Pinsel halten kann, ist auch ein Künstler. Das ist bei Menschen ohne Beeinträchtigung nicht anders als bei Behinderten. Und nicht alle der gezeigten Arbeiten sind wirklich eigenständig. Manche sind Nachahmungen, deren Charme in ihrer Unbeholfenheit liegt. Jedoch ist etwa die Katze von Nicole Weber sowohl eigenständig wie auch unvermittelt. Klimts Blumenwiese diente hier als blosse Inspiration.

«Die Wirkung der Kunst ist in allen Fällen die gleiche. Es gibt ebenso wenig eine Kunst der Geisteskranken, wie eine Kunst der Magenkranken oder Kniekranken».

Jean Dubuffet, Künstler und Kunsttheoretiker

Selbst unter jenen Arbeiten, die ausdrücklich auf einen rezipierten Künstler Bezug nehmen, gibt es solche, deren pure Kraft sie zu eigenständigen Kunstwerken machen. Frieda Iten etwa hat sich eine Zeichnung von Adolf Wölfli (1864–1930) ausgesucht. Wölfli ist einer der bekanntesten Art-Brut-Künstler, dessen Bedeutung auch im akademischen Kunstbetrieb anerkannt ist. Er sass den grössten Teil seines Lebens in einer Nervenheilanstalt. «Ich fühle mich mit Adolf Wölfli verbunden, da er wie ich aus einer grossen Bauernfamilie stammt. Auch teilen wir das gleiche Schicksal – ein Aufenthalt in einer Klinik,» meint Iten. Sie interpretiert seine «Affrika Königinn» mit einem Patchwork aus Stoffen und Bildern. Ihr «Lebens-Ahnen-Teppich» liefert die beste Antwort auf die Frage, ob Behinderte der Zuwebe Kunst schaffen.

<p>Frieda Iten: Lebens-Ahnen-Teppich.</p> (Bild: mam)

Jeder ist ein Kunstkritiker

«Die Frage, ob es sich bei diesen Arbeiten um Kunst handelt, sollen die Betrachterinnen und Betrachter für sich frei entscheiden», sagt Matthias Haldemann. Die Frage nach der Kunst gehöre zur modernen Kunst nämlich dazu. «Der Künstler Joseph Beuys meinte, jeder sei ein Künstler, worauf sein Kollege Dieter Roth antwortete, keiner sei ein Künstler. Der österreichische Schriftsteller Hugo von Hofmannsthal hat 1906 die Frage für den Dichter so beantwortet, dass er zwischen Dichtern und dichterisch veranlagten Individuen unterschied, dabei die Grenzen aber für fliessend erachtete.»

«Die Frage, ob es sich bei diesen Arbeiten um Kunst handelt, sollen die Betrachterinnen und Betrachter für sich frei entscheiden.»

Matthias Haldemann, Kunsthaus-Direktor

In der Ausstellung hätten viele Arbeiten von Zuwebe-Klienten ein hohes künstlerisches Potential, sagt der Kunsthaus-Direktor. «Als Künstler verstehen wir jedoch jemanden, der mit persönlichen Ausdrucksmitteln ein eigenes grösseres Oeuvre über längere Zeit hervorbringt» findet Haldemann. Es wäre ihm eine Freude, wenn das in diesem Projekt entdeckte künstlerische Potential bei der einen oder anderen Person zu einem eigenen künstlerischen Schaffen führen könnte.

Die Entdeckung aus Zug

Erinnert sei in diesem Zusammenhang an das zeichnerische Werk von Philipp Anton Etter (1920–2012), welches das Kunsthaus 2015 präsentierte und in die Sammlung aufnahm. «Er hatte es erst in hohem Alter in Zug als Autodidakt für sich geschaffen, ohne es jemandem zeigen zu wollen,» erzählt Matthias Haldemann und schwärmt: «Aus einem künstlerischen Potential ist in aller Stille ein frisches und ganz persönliches künstlerisches Werk entstanden – eine Entdeckung!»

Noch steht das Bild von Philipp Anton Etter auf dem Boden. Bald schon hängt es im Zuger Regierungsgebäude. (Foto: Martin Pfister)
Noch steht das Bild von Philipp Anton Etter auf dem Boden. Bald schon hängt es im Zuger Regierungsgebäude. (Foto: Martin Pfister) (Bild: Martin Pfister)

Die Ausstellung dauert noch bis 12. Februar. Kunsthaus Zug, Dorfstrasse 27, Zug. Offen: Dienstag bis Freitag 12–18 Uhr, Samstag und Sonntag 10–17 Uhr.

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