Chez Dior, avenue Montaigne, 1958. (Bild: © Sabine Weiss)
Kultur Rezension

Chez Dior, avenue Montaigne, 1958. (Bild: © Sabine Weiss)

Sabine Weiss fand das Besondere im Alltäglichen

5min Lesezeit

Ihr Interesse galt nicht nur den Schönen, Reichen und Erfolgsverwöhnten. Die Fotografin Sabine Weiss zeigt auf ihren sorgfältig ausgewählten Bildkompositionen ein weites Spektrum der Welt. Einen besonderen Stellenwert in ihrem Lebenswerk nimmt aber das ganz Alltägliche ein, wie eine aktuelle Ausstellung in Kriens zeigt.

Marlis Huber

Selbstverständlich führt die elegant gekleidete Frau nicht einen Mann an der Leine, sondern, wie es zu erwarten ist, einen Hund. Die hübsche junge Frau im grauen Mantel und mit weissem Hut ist gerade dabei ein Nobelhotel zu verlassen. Der Mann, der ihr schützend einen roten Schirm hält, ist nicht etwa ihr Liebhaber oder Gatte, sondern bloss ein Diener des Hauses. Mit dieser geschickten Reduktion, zusammen mit dem gezielten Bruch von konventionellen Bildern gelingt der Fotografin jedoch die frivole Anspielung auf die Austauschbarkeit von Mann, Hund und Diener. Und damit versteht sie es in der immer auch etwas ordinären Welt der Mode für die nötige Aufmerksamkeit zu sorgen.

Ihren Blick für überraschende Bildkompositionen stellt Sabine Weiss aber nicht nur in der Modefotografie unter Beweis. Eine Ausstellung im Museum im Bellpark in Kriens zeigt nun, dass Sabine Weiss mit ihrem beeindruckenden Lebenswerk neben den in breiten Kreisen bekannten Fotografen wie Werner Bischof, Rene Burri oder Gotthard Schuh in der Schweizer Fotografiegeschichte ein fester Platz zusteht.

Ein Leben für die Fotografie

Sabine Weber kam 1924 in Saint-Gingolph am Genfersee zur Welt. Mit 18 Jahren trat sie im renommierten Fotostudio von Paul Boissonas in Genf eine Lehre als Fotografin an. Ein Jahr nach Kriegsende zog die junge Frau nach Paris, wo sie schnell Fuss fasst: Vorerst als Assistentin des deutschen Modefotografen Willy Maywald, ab 1952 wird sie fast zehn Jahre für das Modemagazin Vogue arbeiten, später kommt es zu einer Zusammenarbeit mit der Agentur Rapho. 1950 heiratete sie den amerikanischen Künstler Hugh Weiss, gleichzeitig begann sie als freischaffende Fotografin auf den Strassen von Paris, bald auch in Städten und Ländern der ganzen Welt zu arbeiten.

Chez Vogue, Paris, 1955
Chez Vogue, Paris, 1955

Eine wichtige Etappe in ihrer Karriere ist die Teilnahme an der für die Fotografiegeschichte wichtigen Ausstellung «The Family of Man»: ein weltumspannendes, künstlerisches Friedenspostulat nach dem Zweiten Weltkrieg. Ihre Bilder und Reportagen erscheinen fortan in namhaften, internationalen Zeitschriften wie The New York Times Magazine, Life, Paris Match oder Sie und Er, das Vorläuferblatt der heutigen Schweizer Illustrierten. Ihre Werke hängen in Museen von New York, Paris und Zürich. Da mag es wirklich erstaunen, dass die gebürtige Walliserin hierzulande eine weitgehend Unbekannte ist.

Strassenszenen, Kinder, Künstler und Aussenseiter

Die Ausstellung in Kriens ist thematisch gegliedert, wozu sich die Räume der alten Villa im Bellpark gut anbieten. So gibt es etwa einen Raum mit Künstlerporträts, unter anderen sind Alberto Giacometti, die knabenhaft wirkende Nicki de Saint Phalle oder die blutjunge Brigitte Bardot zu sehen.

«Durch die unaufdringliche Herangehensweise wirken die Menschen auf den Aufnahmen nie abgelenkt.»

Im Untergeschoss werden Bilder aus Indien, Burma und Japan gezeigt, wohin sie als über 70-Jährige noch reiste. Auf ihren frühen Streifzügen durch die Städte fotografierte sie Menschen in ihren alltäglichen, unspektakulären, teilweise auch prekären Lebensumständen. Mit diesen Aufnahmen von Kindern, Strassenmusikern und gesellschaftlichen Aussenseitern ist sie eine wichtige Vertreterin der photographie humaniste. Die Fotografen dieser Schule wollten in der Nachkriegszeit mit ihren Bildern das menschliche Elend sichtbar machen.

Durch die unaufdringliche, aber persönliche Herangehensweise von Sabine Weiss wirken die Menschen auf den vielen Schwarzweissaufnahmen nie abgelenkt: Kinder spielen, ein kleiner Romabub tanzt wie ein grosser Casanova, ein trauriger Geigenspieler steht in einer Hausecke, aus sicherer Distanz schaut eine neugierige Schar Kinder auf den Alten.

«Enfants jouant», rue Edmond-Flamand, Paris, 1953.
«Enfants jouant», rue Edmond-Flamand, Paris, 1953.

Fotomaterial aus sechs Jahrzehnten

Die Ausstellung zeigt über 130 Fotoabzüge sowie zahlreiche historische Dokumente, ausserdem vermittelt sie einen Einblick in die Arbeitsweise der Fotografin. So wird etwa gezeigt, wie sie durch die Arbeit an Kontaktabzügen zu der ihr eigenen, sorgfältig ausgewählten Bildsprache gefunden hat.

Die Auswahl, die vom Pariser Museum Jeu de Paume erarbeitet wurde und nun in Kriens zu sehen ist, bildet freilich nur einen kleinen Auszug aus dem während 60 Jahren entstandenen Lebenswerk der heute immer noch vitalen 92-Jährigen. Ihre Kamera legte Sabine Weiss, die auch heute noch in Paris lebt, übrigens erst vor Kurzem auf die Seite.

Die Ausstellung im Museum im Bellpark Kriens ist noch bis am 5. März 2017 zu sehen. Geöffnet ist das Museum jeweils von Mittwoch bis Samstag von 14 bis 17 Uhr und sonntags von 11 bis 17 Uhr.

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