Eine Szene aus dem Stück im Burgbachkeller Zug.  (Bild: Peter de Jong)
Kultur Rezension

Eine Szene aus dem Stück im Burgbachkeller Zug. (Bild: Peter de Jong)

Massloses Sprechoratorium mit Glockenbegleitung

3min Lesezeit

Matterhorn Produktionen wagte sich mit fünf Schauspielern und einem Musiker an Michael Fehrs Erstlingswerk «Kurz vor der Erlösung». zentralplus war an der Vorstellung im Zuger Burgbachkeller. Ein Stück ohne wirkliche Handlung, das unsere Kritikerin aber dennoch in den Bann zog. Warum, lesen Sie in ihrer Rezension.

Laura Livers

Auf der Bühne stehen ein Tisch, ein Stuhl, eine Treppe – und ein Bauer (dargestellt durch Krishan Krone). Gräulich angezogen, mit Gummistiefeln und kardinalsroter Mütze, beginnt er seine Erzählung über den missmutigen Bauern, der sich an diesem verschneiten Abend in seinen Stall schleicht und Zigeuner darin findet. Voller Panik beginnt er zu schreien und ruft, man solle sich bewaffnen. Dann erklingt ein Allelujah, mehrstimmig gesungen, überraschend komplex. Das war's denn schon mit Handlung.

Ein sprachgewaltiges Opus

«Kurz vor der Erlösung» erzählt in 17 Sätzen, welche eigentlich 17 Kapitel sind, eine moderne Fassung der Weihnachtsgeschichte. 17 Figuren, wie der Bauer (Krishan Krone), ein Jäger (Michael Wolf), ein König (Markus Mathis), ein Männerchor, eine Chirurgin im Dienst (Franziska von Fischer) oder ein Fussoldat (Fabienne Hadorn), befinden sich an diesem Abend in Hörweite der Kathedrale, welche unablässig ihre Glocken klingen lässt.

«Diesen Text muss man als Musik verstehen und nicht als dramatisches Theater.»
Die Schauspielerin Fabienne Hadorn

Sie alle sind auf ihre eigene Art und Weise verloren, in ihren Gedanken, Träumen, Erinnerungen, Realitäten und Umständen. Und dann erklingt wieder ein Allelujah, welches nicht nur die Figur erlöst, sondern auch den Zuschauer. Das Allelujah übernimmt in diesem verworrenen Text die Funktion des grammatikalischen Punktes. Ohne dieses würde man sich komplett in diesen aufgetürmten, sich um die eigene Achse drehenden Sätzen verirren.

Fehr schreibt keine Kommas, keine Punkte, Semikolons. Nur einen Haufen Teilsätze, Einschübe und Aufzählungen, die durch ihre Masslosigkeit dem Buch einen sperrigen Rhythmus verpassen. Ein Beispiel gefällig? «Mit einem Ruck hatte er sofort die lützele also lottrige lodelige also lose sperzige also widerspenstige also schwergängige gierige also quietschende Stalltüre aufgeschlagen.»

Musik im Text

Matterhorn Produktionen, unter der Leitung der Regisseurin Ursina Greuel, ist bereits seit 2015 mit dem Stück unterwegs. Und das hört man. Mit Stimmen wie ausgebildete Nachrichtensprecher, einer klaren Diktion, von der jeder Schauspieler träumt, und einem absoluten Textverständnis nehmen sie den Zuschauer an der Hand. Sie führen ihn sicher durch diese absichtlich verwirrenden Dialektspiele. Damit liefern Matterhorn Produktionen eine Glanzleistung ab, findet die Autorin.

Sie verstehen es, den Text auf seine Essenz runterzubrechen und allen übriggebliebenen Schnickschnack zu Musik werden zu lassen. Unterstützt werden sie dabei von Gustavo Nanez. Der aus Peru stammene Perkussionist, in einen Arbeitsoverall gekleidet, spielt symbolisch die Kathedrale, welche die Erlösung einleitet. Mit Glocken, Klangschalen, Eisenstangen und Allelujahs komponierte er ein Sounddesign, das sich nahtlos in die Inszenierung einfügte – ob Kirchenglocken, Gewehrschüsse, Männerchöre oder Fernsehshows.

«Kurz vor der Erlösung» von Matterhorn Produktionen ist ein wunderschöner Beweis, dass das Sprechtheater noch lange nicht ausgeschossen ist. Wer den Termin Zug verpasst hat: Das Stück wird noch am 16. und am 21. Dezember in der Tuchlaube Aarau aufgeführt.

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