Fallen – das neue Stück des Theaters «Lebensunterhalt» (Bild: Sheilina Durrer)
Kultur Rezension Kritik

Fallen – das neue Stück des Theaters «Lebensunterhalt» (Bild: Sheilina Durrer)

Die Leichen lachen, spucken und verschwinden im Schrank

4min Lesezeit

Am Donnerstagabend führte das Theaterkollektiv «Lebensunterhalt» im Burgbachkeller in Zug sein neues Stück «fallen» auf. Die Produktion entstand pünktlich zum 100-Jahr-Jubiläum des Dadaismus. Ein absurder und grotesker Abend, an dem viel gesprochen, aber wenig gesagt wurde.

Laura Livers

2016 feiert die Schweiz 100 Jahre Dadaismus. Seit Jahresbeginn werden landauf, landab die Herren Hugo Ball, Tristan Tzara und Kurt Schwitters zitiert, aufgeführt, interpretiert und analysiert. Mit Daniil Charms grub das Obwaldner Theater «Lebensunterhalt» pünktlich zum Jubiläum einen eher unbekannten Vertreter des Genres aus.

Geschichten aus dem Schrank

Zu Beginn der Aufführung werden die Zuschauer von einer Dame durch einen Schrank hindurch in den Burgbachkeller geführt. Das Stück beginnt mit drei sprechenden Leichen. Sie erzählen uns unter Konfettiregen die Geschichte «Der Vortrag» über den Herrn Puskov, der abschätzig über die Frauen spricht und darum nach jedem Satz eins aufs Maul bekommt. Die Leichen lachen, glucksen, spucken und verschwinden im Schrank. Es erklingt Jahrmarktsmusik und der Schrank fährt auf der Bühne herum, bis wieder ein Schauspieler uns die nächste Geschichte auftischt.

«Jeder fällt, aber solang du nicht stirbst, stehst du wieder auf» scheint die Moral von der Geschicht zu sein.

Fallen – Верить в невероятное (dt. glaube an das Unglaubliche), in Anlehnung an «Fälle», den Originaltitel der Sammlung – nennt «Lebensunterhalt» das Stück. Die drei Schauspieler Ladislaus Löliger, Karisa Lynn Meyer und Annina Machaz akzentuieren verschiedene Aspekte dieser Menschen, grad so viel, dass man leichtes Mitleid bekommt, ohne echte Betroffenheit zu empfinden.

«Jeder fällt, aber solang du nicht stirbst, stehst du wieder auf» scheint die Moral von der Geschicht zu sein. Mit kleinsten Mitteln wird durch das Charmsche Universum gereist, in zu grossen Stiefeln, mit Hund, auf Spitzenschuhen. Es wird viel gesprochen, unterlegt vom Sounddesign von Marlon McNeill, aber nicht viel gesagt.

Nüchterne, emotionslose Erzählweise

Die Produktion vermeidet es durchs Band, die Tragik der Geschichten hervorzuheben, die Figuren werden nie mehr als ihre ständig wiederholten russischen Namen, ihr Schicksal bleibt eine Depeschenmeldung. Die Stimmen bleiben abstrakt, ihr Tonfall passt nicht und lässt den Zuschauer sich an Schicksalen vergangener Zeiten ergötzen, ohne sich schuldig fühlen zu müssen.

Wer war Daniil Charms?

Daniil Charms, geboren 1905 in St. Petersburg als Sohn eines verurteilten Politaktivisten und einer adligen Mutter, begründete 1927 das Avant-Garde-Kollektiv «Oberiu», welches den russischen Realismus massgeblich geprägt hat. Wie viele seiner Zeitgenossen kämpfte auch er mit dem Etablissement und staatlicher Zensur und wurde zweimal wegen der Verbreitung anti-sowjetischer Propaganda verhaftet.

Sein Brot verdiente er mit dem Schreiben von Kindergeschichten, welche lange Zeit sein einziges Vermächtnis waren. Bei seinem zweiten Prozess 1941 plädierte er auf Geisteskrankheit und verhungerte während der Belagerung Leningrads 1942 in der psychiatrischen Abteilung des örtlichen Krankenhauses. Seine Gedichte und unzählige unveröffentlichte Texte wurden während der Sowjetunion-Zeit von Freunden vor der Zensurbehörde versteckt und nach dem Tod Stalins im Untergrund verbreitet. Erst in den 80er-Jahren wurden seine Texte öffentlich zugänglich gemacht und übersetzt.

Textauszug: «Puskin hatte vier Söhne, und alle waren Idioten. Einer konnte nicht einmal richtig auf dem Stuhl sitzen und fiel dauernd herunter. Dabei hatte Puskin selbst Schwierigkeiten, auf dem Stuhl zu sitzen. Manchmal war es der reine Schwachsinn: sie sitzen bei Tisch: am einen Ende des Tisches fällt dauernd Puskin vom Stuhl, am anderen Ende sein Sohn. Nicht auszuhalten!» – Daniil Charms

Die Geschichten Charms’, oft nicht mehr als zwei Absätze lang, sind brutal und nüchtern zugleich. Oft stirbt bereits im ersten Satz der Protagonist aufgrund absurder Umstände und die Konklusion besteht aus den ebenso absurden Reaktionen der anwesenden Leute. Zeitzeugen zufolge war Charms ein Verehrer Sir Arthur Conan Doyles’ und kleidete sich in seiner Jugend im Stile dessen Kunstfigur Sherlock Holmes. Vermutlich erklärt sich so die nüchterne, emotionslose Erzählweise, mit der seine Figuren aus dem Leben gerissen werden.

Nächste Aufführung: Samstag, 12. November, 20.00, Burgbachkeller Zug

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