Eine Diskussion, in der man sich einig war (von links): Philippe Bischof, Benedikt von Peter, Michael Kaufmann (Moderation), Patric Gehrig und Reto Ambauen.  (Bild: jwy)
Kultur Theater

Eine Diskussion, in der man sich einig war (von links): Philippe Bischof, Benedikt von Peter, Michael Kaufmann (Moderation), Patric Gehrig und Reto Ambauen.  (Bild: jwy)

Nach Salle-Absturz: Theaterszene demonstriert Einigkeit

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Da macht man ein Podium mit vier unterschiedlichsten Köpfen aus der Kulturwelt – und dann sind sich alle einig. Spannend war es trotzdem, und es gab erfrischende Ideen. An der diesjährigen GV des Theaterclubs bekam man den Eindruck: Die Luzerner Theaterwelt scheint momentan unspaltbar.

Protokoll, Jahresbericht, Rückblick, Rechnung, Budget, Varia – das Übliche einer Vereins-GV halt. Sympathisch, dass der Luzerner Theaterclub das Pflichtprogramm am Montag in der Box des Luzerner Theaters zügig und kurzweilig durchwinkte. Präsident Philipp Zingg präsentierte – mit einem Talent für komödiantische Einlagen – schliesslich zwei neue Gesichter für den Vorstand: Jana Avanzini und Noemi Wyrsch (siehe Box). Zingg sagte: «Jetzt könnt ihr genehmigen, ablehnen oder klatschen.» Lachen und höflicher Applaus. Und unter Joe Cockers schwelgerischem «With a Little Help From My Friend» verdankte er allerhand theatralisch wichtige Personen.

30 Minuten für die Pflicht – genug Zeit für die Kür: die Kulturpolitik. Unter dem etwas gesuchten Titel «Nach dem Modulable-Brexit» traten verschiedene Exponenten auf die Box-Bühne.

Der Vorstand des Theaterclubs – mit zwei Neuzugängen (von links): Peter Mendler, Jana Avanzini, Stefan Graber, Philipp Zingg, Noemi Wyrsch, Thomas Morger und Michael Kaufmann.  (Bild: jwy)
Der Vorstand des Theaterclubs – mit zwei Neuzugängen (von links): Peter Mendler, Jana Avanzini, Stefan Graber, Philipp Zingg, Noemi Wyrsch, Thomas Morger und Michael Kaufmann.  (Bild: jwy)

Auftritt Stapi und Stadtratskandidatin

Neo-Stadtpräsident Beat Züsli (SP) und Quasi-Neo-Stadträtin Franziska Bitzi Staub (CVP, die Wahl findet am 27. November statt) präsentierten kultur- und finanzpolitische Themen der Stadt. Nichts Neues hörte man da, aber die Anwesenden schätzten die Tuchfühlung. Und beide bekannten sich ausdrücklich zum Luzerner Theater.

«Wir brauchen eine neue Infrastruktur und menschengerechte Arbeitsbedingungen.»

Stadtpräsident Beat Züsli

Natürlich konnte Züsli noch nicht konkret sagen, wie es weitergeht, aber er versprach: «Wir nehmen den Schwung mit und werden bald mit allen Beteiligten ein neues Theaterprojekt aufgleisen – mit dem Kanton.» Und er rief die Dringlichkeit, den schlechten Zustand des alten Gebäudes vis-à-vis, in Erinnerung: «Wir brauchen eine neue Infrastruktur und menschengerechte Arbeitsbedingungen.»

Franziska Bitzi, Kronfavoritin für den freiwerdenden Stadtratssitz und wahrscheinliche künftige Finanzdirektorin der Stadt, sagte auf die Frage, ob sich Luzern das Theater, diesen «Klotz am Bein», noch leisten könne, «Ja!». Luzern verdiene ein Theater. «Klotz am Bein», das kommt natürlich von SVPler Thomas Schärli, der auch für den Stadtrat kandidiert und bekanntlich das Theater abschaffen will (hier gehts zum Interview).

Weiter sagte Bitzi, schon ganz des Amtes würdig: «Wir müssen das Theater in einer Dimension planen, dass wir den Unterhalt finanzieren können. Ich möchte lieber in Theaterleute investieren als in den Unterhalt.» (Szenen-Applaus) Philipp Zingg sagte als Fazit: «Ich kann sie mit gutem Gewissen wählen.»

Auch die städtische Politik hatte ihren Auftritt: Franziska Bitzi (CVP-Stadtratskandidatin), Philipp Zingg (Mitte) und Stadtpräsident Beat Züsli (SP).  (Bild: jwy)
Auch die städtische Politik hatte ihren Auftritt: Franziska Bitzi (CVP-Stadtratskandidatin), Philipp Zingg (Mitte) und Stadtpräsident Beat Züsli (SP).  (Bild: jwy)

Eine letzte Grabrede auf die Salle

Theaterclub will jünger werden

Am Montag fand die 78. GV des Theaterclubs Luzern statt. 78 – die Zahl symbolisiert auch das Problem: Der 1938 gegründete Verein ist in die Jahre gekommen. Dem hält man nun entgegen und macht den Vorstand jünger und weiblicher: Jana Avanzini (Theatermacherin und auch zentralplus-Redaktorin) und Noemi Wyrsch (Lehrerin und Theaterpädagogin) sind neu dabei. Philipp Zingg: «Ich bin froh, dass wir nicht mehr der Club der alten Säcke sind.» Die beiden sind auch deutlich jünger als das anwesende Publikum und stossen zum bisherigen Vorstand aus Philipp Zingg (Präsident), Peter Mendler (Stiftungsrat Luzerner Theater), Michael Kaufmann (Direktor Musikhochschule), Stefan Graber (Pro-Rektor Kanti Alpenquai) und Thomas Morger (Treuhänder).

Zweck des Theaterclubs ist, das Theaterleben in Stadt und Region Luzern zu fördern und das Interesse am Theater zu wecken. Das beinhaltet Lobbyarbeit, eine Theaterzeitung, Anlässe oder Theaterreisen. Der Verein zählt heute 1200 Mitglieder – Tendenz abnehmend, deshalb ist die Verjüngung Pflicht.

Später kam man zum Beef – einem Podium zur momentan viel diskutierten Frage: Wie weiter mit der Planung für ein neues Theater in Luzern? Philipp Zinggs Überleitung war wieder eine Performance für sich. Es wurde stockdunkel in der Box, dramatische und furchterregende Musik erklang, und Zingg hielt mit Kerze eine Grabrede auf die Salle Modulable. Wir erinnern uns: Im September lehnte der Kantonsrat einen Kredit für … ach, lassen wir das (alles nachzulesen hier).

Einziger Wermutstropfen war, dass in der Diskussionsrunde keine Frau sass, aber nichtsdestotrotz: Die Runde war hochkarätig besetzt, weil jeder eine ganz andere Rolle einnahm: Da sassen Philippe Bischof (Kulturchef Basel-Stadt und von 2008 bis 2011 Leiter des Südpols), Benedikt von Peter (Intendant Luzerner Theater), Patric Gehrig (freischaffender Schauspieler) und Reto Ambauen (Regisseur und Leiter Voralpentheater).

Dies vorweg: Man darf natürlich gar nicht von Podiumsdiskussion reden. Denn wenn sich alle einig sind, gibt’s keine Diskussion. Kein Korrigieren, kein Ins-Wort-Fallen, kein «Jetzt muss ich mal klarstellen …». Moderator Michael Kaufmann (Direktor Musikhochschule Luzern) versuchte zwar, unterschiedliche Ansichten zwischen freier Szene und Stadttheater herauszuschälen – doch es war vergebene Liebesmüh. Was man stattdessen bekam: starke Voten von klugen Köpfen.

Auch in Basel hat’s das Theater schwer

Kaufmann kam gleich aufs Geld zu sprechen: Wie soll man jetzt die Bruchstücke der Salle Moduable zusammenbringen, wenn kein Geld da ist?

Zuerst die Sicht von aussen – von Philippe Bischof: «Jedes Projekt, das scheitert, ist eine gewisse Gefährdung für die Kultur. Aber man sollte das nicht dramatisieren und stattdessen jetzt herausfinden, wo der gesellschaftliche Konsens ist.» Auf die komfortable Lage in Basel angesprochen, sagte Bischof: «Das Theater hat’s auch in Basel schwer. Das viel zitierte Sponsoring aus dem Mäzenatentum geht nur zu einem minimalen Anteil ins Theater, deshalb braucht es die öffentliche Hand.»

Die Theaterszene hat Vertrauen gefasst, jetzt geht's in die Zukunft, das der Tenor an der Diskussion.  (Bild: jwy)
Die Theaterszene hat Vertrauen gefasst, jetzt geht's in die Zukunft, das der Tenor an der Diskussion.  (Bild: jwy)

Reto Ambauen, als Vertreter der Freien, will nichts von Schadenfreude wissen nach dem Scheitern des Riesenprojekts. Er stelle das Luzerner Theater in keinster Weise in Frage, im Gegenteil: «Ich bin ein Verfechter des Dreispartenbetriebs, wir brauchen ein neues Theater und ein neues Haus.» Für Ambauen könne man durchaus aus dem Salle-Modulable-Debakel lernen: «Wenn wir die demokratischen Prozesse nicht sorgfältig durchlaufen, scheitern grosse Kulturprojekte», sagte Ambauen mit einem Blick Richtung Züsli und Bitzi.

«Mit der Salle Modulable hatten wir ein Raumkonzept, das fast alles kann. Das ist schlecht für die Kreativität.»

Reto Ambauen, Regisseur

Benedikt von Peter sagte: «Die Idee Salle Modulable funktioniert, das Projekt ist nicht tot, nur der Neubau.» Das Wichtigste überhaupt sei jetzt: «Die verschiedenen Partner haben Vertrauen gefasst und die Szenen sind zusammengewachsen. Die wirklich guten Gespräche haben erst diesen Sommer stattgefunden», sagt von Peter.

Und Patric Gehrig will am liebsten gar nicht mehr über das Haus reden, das gescheitert ist – für ihn gibt es wichtigere Fragen. «Wir erleben gerade eine Phase mit sehr viel Lust, in der Theater- und Tanzszene etwas zu entwickeln, egal, ob am Luzerner Theater oder in der freien Szene.»

Kein Raum, der alles kann

Kaufmann warf die Fragen auf, was es nun brauche für eine Theaterstadt? Was man vom neuen Prozess erwarten könne? Bischof hütete sich, Rezepte zu nennen, das verändere sich alles so schnell. Wichtig sei die Zusammenarbeit – das gemeinsame Interesse müsse da sein. «Kulturpolitische Projekte sind nur erfolgreich, wenn es keinen Futterneid gibt, der Kampf um die Mittel ist zu gross.» Und man dürfe nicht vergessen: Luzern habe im Gegensatz zu Basel eine wunderbare Szene mit Laientheatern.

Einen interessanten Gedanken äusserte Reto Ambauen: «Mit der Salle Modulable hatten wir ein Raumkonzept, das fast alles kann. Das ist schlecht für die Kreativität.» Man sehe jetzt mit der Inszenierung von «Rigoletto» in der Industriezone in Emmenbrücke, dass der Raum Widerstand gebe und so Kreativität in Gang bringe. «Wir brauchen keinen Raum, der alles kann.» (Szenen-Applaus).

Trend zum Kleinen

Auf die Frage, was für ein Theater man wolle, wurde Reto Ambauen erfrischend konkret: «Ich will ein Haus! Das da drüben ist eine Trutzburg.» (Blick Richtung Luzerner Theater) Das neue Haus müsse offen und leicht sein. «Es muss nicht auf KKL-Level sein, sondern niederschweillig und Lust machen, wie die Box, einfach grösser.» Und man müsse es einfach wollen, es müsse von der Bevölkerung getragen werden, dann seien die Kosten zweitrangig, ist Ambauen überzeugt.

Eine Diskussion, in der man sich einig war (von links): Philippe Bischof, Benedikt von Peter, Michael Kaufmann (Moderation), Patric Gehrig und Reto Ambauen.  (Bild: jwy)
Eine Diskussion, in der man sich einig war (von links): Philippe Bischof, Benedikt von Peter, Michael Kaufmann (Moderation), Patric Gehrig und Reto Ambauen.  (Bild: jwy)

Philippe Bischof sagte: «Theater ist immer eine unvernünftige Investition, es rechnet sich nie.» Das Rechnen dürfe nicht das erste Ziel sein, Theater sei nun mal teuer, so ehrlich müsse man sein. «Aber es ist eben nicht mehr viel, wenn man merkt, welch riesige Chance es bietet.» Und der Trend sei sowieso, dass Theater eher wieder kleiner würden – das Theater Basel mit seinen 1400 Plätzen täglich zu füllen, sei heute schwierig. Auch von Peter glaubt, dass man bei einem neuen Theater mit Innovationen die Betriebskosten durchaus tief halten könne.

Traute Einigkeit und ein flammendes Plädoyer

Grosse Einigkeit in allen wichtigen Fragen. Zum Schluss wollte Kaufmann wissen, wie man das denen erklären will, die nicht hier seien? Und es kam als Beispiel wieder SVPler und Stadtratskandidat Thomas Schärli.

Philippe Bischof: «Letztlich ist es Überzeugungsarbeit, auch wenn’s schwierig ist. Man muss das Erlebnis Kultur vermitteln.» Patric Gehrig sagte: «Wir müssen die Annäherung zwischen Kulturschaffenden und Politikern fördern.» In Luzern starte bald ein sogenanntes Kultur-Polit-Tandem, bei dem sich Politiker mit Kulturleuten treffen.

«Thomas Schärli hat versprochen, nie wieder zu sagen, Theater sei ein Klotz am Bein.»

Benedikt von Peter, Intedant Luzerner Theater

Reto Ambauen plädierte dafür, auch ehrlich zu sein: «Wir müssen nicht versuchen, alle zu überzeugen. Theater muss jene überzeugen, die hingehen, diese werden dann zu Botschaftern.» Und Benedikt von Peter sagte, er habe tatsächlich kürzlich Thomas Schärli getroffen. «Er hat versprochen, nie wieder zu sagen, Theater sei ein Klotz am Bein.» Man müsse Theater auch als Schutz der Tradition verkaufen, das müsse allen einleuchten. Und wenn der Kanton momentan zu schwach sei, dann müsse halt die Stadt vorangehen und das Geld vorschiessen. «Das ist eine reale Möglichkeit», sagte von Peter in Richtung Franziska Bitzi.

Und als wär’s nicht genug, stand am Schluss im Publikum CVP-Politiker Michael Zeier Rast auf und hielt ein flammendes Plädoyer für das Theater in Luzern. Er rede hier nicht als Mitglied des Theaterclubs, sondern als Politiker. Zeier war Vorsitzender der städtischen Spezialkommission für das Salle-Modulable-Geschäft und hat in dieser Funktion sichtlich Feuer gefangen für die Sache. «Es ist eine Bewegung entstanden, die über die Stadt hinausstrahlt. Jetzt müssen wir den Kanton gewinnen. Das braucht Zeit, aber das bringen wir hin.»

Der Vorstand vor vollen Rängen in der Box des Luzerner Theaters.  (Bild: jwy)
Der Vorstand vor vollen Rängen in der Box des Luzerner Theaters.  (Bild: jwy)

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