v.l.: Hediger als gerissener und hinterlistiger Mephisto, Iten als Faust. (Bild: zvg)
Kultur Theater Rezension

v.l.: Hediger als gerissener und hinterlistiger Mephisto, Iten als Faust. (Bild: zvg)

Goethes sexuelle Anspielungen frivol in Szene gesetzt

5min Lesezeit

Goethes Faust in einer reduzierten Fassung, gespielt von zwei Männern in Schweizerdeutsch? Dass diese gewagte Inszenierung gelingen kann, bewiesen Patrick Hediger und Rafael Iten am Mittwochabend im Burgbachkeller in Zug. Sie begeisterten das junge Publikum mit Lebendigkeit, Originalität und Frivolität .

Nach dem erfolgreichen Debut im letzten Jahr sind Patrick Hediger und Rafael Iten mit ihrem entstaubten Faust diesen Herbst zum zweiten Mal auf Tournee. Sie verfolgen mit ihrer ganz eigenen Inszenierung das Ziel, den Klassiker für ein breites Publikum zugänglich zu machen und gleichzeitig die Dringlichkeit des Originals beizubehalten. Dabei beschränken sie sich in ihrer Aufführung auf den ersten Teil der Tragödie und setzen die Schwerpunkte auf das Gelehrten- und das Gretchendrama.

Das Publikum wirkt mit

Gleich zu Beginn der Vorstellung wird klar, dass das Publikum sich heute nicht nur zurücklehnen kann. Es wird von Anfang an in die Inszenierung miteinbezogen. Nach einem kurzen beispielhaften Schlagabtausch zwischen Iten als Verfechter des Originaltextes und Hediger als Befürworter einer moderneren schweizerdeutschen Fassung ist es dann auch das Publikum, welches sich für die schweizerdeutsche Interpretation entscheidet.

Später in der Studierzimmerszene diskutiert Mephisto, gespielt von Hediger, mit den Zuschauerinnen und Zuschauern über die Wahl des richtigen Studiums. Und gleich darauf macht das Publikum Stimmung in Auerbachs Keller. Die Partizipation gipfelt zum Schluss in der Kampfszene zwischen Valentin, Mephisto und Faust, worin die Rolle des Faust zeitweilig von einer Zuschauerin übernommen wird. Diese Interaktionen machen die Inszenierung sehr lebendig und kurzweilig, was auch beim Publikum, mehrheitlich Gymnasiasten, sehr gut ankommt.

Gelungener Spagat zwischen Original und Moderne

Wenn Heinrich Faust einen Masterabschluss in allen Fächern hat und Gretchen ihre zweihebig unregelmässigen Kurzverse zu Coolios Gangster’s Paradise rappt, sind wir in der heutigen Zeit angekommen. Es ist zwar schade, dass durch die moderne schweizerdeutsche Textfassung viel von Goethes ursprünglichem Sprachschatz untergeht. Aber genau durch ihre komische und humorvolle Übersetzung ins Schweizerdeutsche gelingt es Hediger und Iten, mindestens die Geschichte auf eine leichte Art und Weise auch einem breiten Publikum zu vermitteln.

Durch den ständigen Wechsel zwischen Original- und Mundarttext meistern sie den Spagat zwischen den beiden Ebenen sehr gut. Dann und wann blitzen auch zeitgenössische Gesellschaftskritiken auf. So beispielsweise Mephistos Rat an den Schüler, Wirtschaft zu studieren, in die Pharmabranche oder ins Investmentbanking einzusteigen und auf der Schleimspur der Reichen selber reich zu werden.

Unzensierte Walpurgisnacht

Die in Faust unbewusst vorhandene sexuelle Sehnsucht wird durch Mephisto zum Leben erweckt. Schon früh wird klar, dass Mephisto sich nicht mit sexuellen Reizungen zurückhält. Bereits im Studierzimmer besorgt er dem Schüler eine befriedigende Überraschung, denn «grau ist alle Theorie und grün des Lebens goldner Baum». Hediger und Iten thematisieren die versteckten sexuellen Anspielungen Goethes frivol in unterschiedlichen Szenen.

Zuweilen diese Szenen etwas vulgär sind, haben sie doch ihre Wirkung.

Der «Glüsteler» Faust sehnt sich nach hemmungslosem Sex mit Gretchen und kommt nicht nur bei ihr auf seine Kosten, sondern auch in der anschliessenden Walpurgisnacht, wo ihn «zwei schöne Äpfel reizen». Zuweilen diese Szenen teilweise etwas vulgär sind, haben sie doch ihre Wirkung. Sie zeigen auf, dass der Fauststoff nicht grau, langweilig und verstaubt ist, sondern eben auch lebendig und aufregend, und dass Sexualität darin ein zentrales Thema darstellt.

Weniger ist mehr

Das Bühnenbild, bestehend aus einer schwarzen Wand und einem Stuhl, ist sehr einfach und reduziert. Auch Kostüme und Maskierungen gibt es wenige. Diese sind aber, beispielsweise in Form der Teufelshörner des Mephisto oder der langen blonden Zopfperücke des Gretchens, sehr humorvoll und treffend gewählt. Sogar das obligate Gänseblümchen aus der berühmten Szene, worin Gretchen die Blütenblätter mit «Er liebt mich, er liebt mich nicht» abzählt, ist vorhanden.

Hediger vermag die kontrastreichen Rollen brillant hervorzuheben.

Rafael Iten und Patrick Hediger teilen die zentralen Rollen des Stücks untereinander auf. Iten liefert eine hervorragende Darstellung des Heinrich Faust. Die unterschiedlichen Stimmungen der Figur, von verzweifelt und zu Tode betrübt in der Tragik des gescheiterten Gelehrten bis vor Lebenslust sprudelnd und himmelhochjauchzend im Gretchendrama, spielt Iten leidenschaftlich und inbrünstig.

Hediger, der sowohl einen gerissenen und hinterlistigen Mephisto als auch ein unschuldiges und gläubiges Gretchen spielt, vermag die kontrastreichen Rollen brillant hervorzuheben. Die Schlussszene im Kerker geben die beiden sowohl erzählend als auch spielend wieder. Und als sich Gretchen gegen eine Flucht entscheidet und dem Untergang geweiht ist, wird sie doch noch vom Herrgott gerettet. Das Publikum verabschiedet die beiden mit einem herzlichen Applaus.

Infos für weitere Aufführungen finden Sie hier

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