Das Werk ist vollbracht: Frauke Löffel (Bühne) und Julius Hahn (Technik) in der Pilothalle, wo «Rigoletto» auf die Bühne kommt.  (Bild: jwy)
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Das Werk ist vollbracht: Frauke Löffel (Bühne) und Julius Hahn (Technik) in der Pilothalle, wo «Rigoletto» auf die Bühne kommt.  (Bild: jwy)

«Man muss ein bisschen verrückt sein»

11min Lesezeit

Was braucht es, um einen ganzen Opernbetrieb in eine alte Fabrikhalle zu verfrachten? Mut zum Experiment, Techniker mit Muskeln und Nerven aus Stahl sowie eine ganze Portion Wahnsinn. Ob das dem Luzerner Theater gelungen ist, sieht man ab Sonntagabend mit «Rigoletto». Ein Werkstattbesuch.

Die Viscosistadt lebt bei unserem Besuch am frühen Abend. Kunsti-Schüler laufen uns entgegen, kommen aus ihrem neuen Zuhause, dem Bau 745. Und gleich daneben steht die alte Pilothalle. «Where is Nowhere» steht in grossen Leuchtbuchstaben an der Fassade, dazu ein gemaltes Bild eines Flusses.

Mit der Halle betritt man eine andere Welt: Das hohe Werkgelände ist mit unzähligen Glühbirnen in ein warmes Licht getaucht. Metallkessel sind mit glitzerndem Gold überzogen, auch am Boden liegt überall Glitzer. Stühle und Notenständer für das Sinfonieorchester stehen auf einer Bühne bereit. Hier also beginnt am Sonntag die Oper «Rigoletto» von Giuseppe Verdi.

Kommt man rein, tut sich eine neue Welt auf: Hier wird sich die erste Szene von «Rigoletto» abspielen.   (Bild: jwy)
Kommt man rein, tut sich eine neue Welt auf: Hier wird sich die erste Szene von «Rigoletto» abspielen.   (Bild: jwy)

Räumlicher Aufbruch in Emmen

Mit der Umnutzung der Viscosistadt schlägt man ein neues Kapitel in der Städteplanung auf. Da ist es nur konsequent, dass das Luzerner Theater als grosser Kulturplayer Teil davon ist. In der Pilothalle, wo ab den 50er-Jahren Tag und Nacht Nylon erforscht und produziert wurde, geht ab Sonntag der Opernkrimi «Rigoletto» über die Bühne. Danach gibt’s ein dichtes Programm mit 16 Aufführungen bis am 2. Dezember – im Januar wird die Halle abgerissen. Sie macht der Erweiterung der Hochschule Luzern Platz.

Über zehn Jahre lang stand die Halle leer, nun bietet sie sich förmlich an für den neuen Intendanten Benedikt von Peter und seinen räumlichen Aufbruch, den er mit dem Luzerner Theater beschreitet. Zuerst wurde das Theater an der Reuss auf den Kopf gestellt, die Box bei der Jesuitenkirche eröffnet und jetzt wird also diese Halle bespielt.

Einen Theaterbetrieb aus dem Boden stampfen

Wir setzen uns mit Frauke Löffel, in dieser Produktion für die Bühne verantwortlich, und Julius Hahn, dem technischen Projektleiter, in die Garderobe. Es herrscht ein angenehmes Gewusel, es wird geschminkt und an Kostümen genäht. Einen ganzen Theaterbetrieb hat man aus dem Boden gestampft – alles musste hergekarrt und aufgebaut werden. Sowohl technisch, logistisch wie auch personell war das ein Kraftakt. «Der Spielzeitstart war ziemlich hart, weil wir drei Spielstätten gleichzeitig an den Start bringen mussten. Und das mit dem Personal, das eigentlich nur für ein Haus gedacht wäre», sagt Julius Hahn.

Aber er kann nicht verbergen, dass er die Herausforderung genoss. Hahn war ab der ersten Besichtigung im März 2015 dabei und plante die technische Umsetzung. «Am Anfang war die Frage: Kann man hier was machen oder nicht? Wie kann man den Raum nutzen und ist es technisch umsetzbar?»

Aussenfassade der Pilothalle: Leuchtbuchstaben begrüssen den Zuschauer.  (Bild: jwy)
Aussenfassade der Pilothalle: Leuchtbuchstaben begrüssen den Zuschauer.  (Bild: jwy)

Die Halle rückführen

Nachdem man sich entschieden hatte, in der Pilothalle zu spielen, einigte man sich auf «Rigoletto». Und dann ging der Prozess erst richtig los. Frauke Löffel sagt über den Ort: «Man merkt diese lange Zeit des Ungenutzten, dieses Vergessene und Verlassene schafft eine Beklommenheit.» Sie habe einige Tage allein in der Halle verbracht, um Ideen zu spinnen. «Jetzt hat man die Halle sozusagen rückgeführt in was Sinnvolles.»

Dieses Rückführen war langwierig und aufwendig: «Man muss ein bisschen verrückt sein, um das in diesem Massstab durchzuziehen», sagt Frauke Löffel mit ehrlicher Bewunderung über ihre Kollegen der Technik. Die Herausforderung – und auch die Ungewissheiten –, in einem komplett neuen Raum ein Theater zu inszenieren, sind gross.

Zwei Tonnen raus, zehn rein

«Rigoletto» in der Pilothalle

«Rigoletto»: Oper von Giuseppe Verdi. Luzerner Theater in Kooperation mit der Hochschule Luzern – Design & Kunst. Premiere: Sonntag, 16. Oktober, 18 Uhr, Pilothalle Viscosistadt, Emmenbrücke. Weitere Daten bis 2. Dezember.

Inszenierung: Marco Štorman, musikalische Leitung: Stefan Klingele, Bühne: Frauke Löffel.

Das Theaterfoyer befindet sich im neuen Bau 745 der «Kunsti» nebenan. Vor den Vorstellungen gibt’s jeweils eine Führung über das Gelände und einen Blick hinter die Kulissen. Anmeldung jeweils bis zwei Tage vor der Führung: 041 228 14 14. Informationen unter luzernertheater.ch/rigoletto

Im letzten April begannen die technischen Umbauten. «Wir mussten erst mal Platz schaffen, um 350 Zuschauer reinzubekommen», sagt Julius Hahn. Man musste definieren, was Bühnenfläche ist und wo die Tribünen hinkommen.

Gar nicht so einfach, weil die Grundfläche relativ klein ist, der Raum aber in die Höhe geht. Zudem musste man den Raum öffnen und von allerhand Ballast befreien: Da waren Wände, Nebenräume und ein kompletter Lift, den man demontiert hat. Zwei bis drei Tonnen Material wurden rausgeschafft, schätzt Hahn. «Und bestimmt zehn Tonnen haben wir hineingetragen.»

«Es ist schon etwas crazy hier mit all diesen Maschinen. Du merkst, dass das ein Labor war», so Löffel. Und Julius Hahn sagt: «Der Raum hat keine Grundstruktur, wie man das von Fabrikhallen kennt, hier entstand in 40 Jahren das totale Chaos.»

Und schliesslich gab es bei der Arbeit ein paar nette Überraschungen: «Bei einer Leitung, die ich angesägt habe, kam noch Stickstoff raus und aus einer anderen Öl, obwohl alles leer sein sollte. Wahrscheinlich hatte die Firma bei der Stilllegung auch nicht den kompletten Überblick», sagt Julius Hahn belustigt.

«Und es lagen überall noch alte Sachen oder Notizen. Es war eine Spurensuche, wie ein Arbeitsplatz, bei dem jemand aufgestanden und gegangen ist», sagt Frauke Löffel.

Für alle ein Labor

Auch die Akustik war ein Risiko: «Wir wussten nicht, wie das in der Halle funktioniert», sagt Frauke Löffel. Inzwischen seien die Musiker von der Akustik angetan. Dennoch bleibt es ein Wagnis, denn wenn hier am Sonntag erstmals 350 Zuschauer hineinströmen, wird es wieder anders wirken und tönen – Erfahrungswerte hat man im Gegensatz zu einem klassischen Theatersaal keine. «Vieles fusst auf Annahmen, es ist tatsächlich auch für uns ein Labor», sagt Frauke Löffel.

Einblick in die Pilothalle:

 

Julius Hahn hatte die dankbare Rolle, die Wünsche der künstlerischen Leitung technisch umzusetzen. Löffel sagt: «Im Normalfall ist Theater ja ein Ort, in dem man viele Orte reinprojizieren kann. Hier haben wir einen Ort, wo jetzt das Theater reinwandert», sagt Frauke Löffel. «Dazu braucht’s eine ganze Portion Wahnsinn, die vor allem auch Julius mitgebracht hat.»

Ein Nomadenleben

Eine solche externe Grossproduktion erlebt man auch als alter Theaterfuchs nicht alle Tage. «Im Schnitt alle zwei Jahre», sagt Hahn trocken und lacht. Für Löffel ist es das zweite Mal in diesem Umfang. Sie arbeitet seit rund 15 Jahren als Bühnen- und Kostümbildnerin im deutschsprachigen Raum von Wien bis Hannover. «Rigoletto» ist ihr erstes Bühnen-Gastspiel in Luzern.

«Es ist halt super konkret, dieser Raum hat Tausende Teile, die alle ihre Geschichte erzählen, das ist fast so wie eine Tim-Burton-Welt.»

Frauke Löffel, Bühnenbildnerin

Löffel lebt in Berlin, führt aber ein Nomadenleben, wie es in der Theaterbranche häufig ist. Nach Luzern sind Klagenfurt und Dresden die nächsten Stationen – nach der Premiere verlässt sie ihr Werk. Mit dem neuen Luzerner Hausregisseur Marco Štorman, der «Rigoletto» inszeniert, verbindet sie, seit sie zwischen 2003 und 2005 an den Münchner Kammerspielen als Ausstattungassistentin arbeitete, eine kontinuierliche Zusammenarbeit.

Fast wie Tim Burton

Eine solche Industriebrache muss ja künstlerisch geradezu eine Einladung sein? «Ja und nein», sagt Frauke Löffel. «Es ist halt super konkret, dieser Raum hat Tausende Teile, die alle ihre Geschichte erzählen, das ist fast so wie eine Tim-Burton-Welt. Das musst du irgendwie mit der Geschichte verzahnen», erklärt sie die Herausforderung. Es sei inspirierend, gleichzeitig aber ein ganz schöner Felsen, an den man hier irgendwie anklopfe. Letztlich müsse man die Halle nehmen, wie sie ist, «und dieses Stück da so reinfräsen».

Neben der Musik, dem Orchester und den Sängerinnen und Sängern werden es auch raumfüllende Videoinstallationen sein, welche die Pilothalle zum Leben erwecken.

Mitten in eine Party

Die Anfangsszene spielt im Parterre. Die Zuschauer tappen mitten in eine grosse Party im Herzogspalast, die gerade ihrem Höhepunkt entgegensteuert. «Die Zuschauer werden Teil davon», sagt Löffel. Man kriegt Getränke ausgeschenkt und es gibt einen Candy-Shop. Die Glühbirnen in Reihen angeknipst sowie die vergoldeten, glitzernen Kessel ergeben den passenden Showeffekt. «Das war der Versuch, mit dem hier umzugehen, dem was hinzuzufügen, ohne es aber auszulöschen», sagt Löffel. Dann gibt’s einen Break und die Zuschauer verteilen sich auf die oberen zwei Stockwerke, wo es je eine Tribüne mit Sitzplätzen hat.

Auf verschiedenen Ebenen verteilen sich die Darsteller während der Oper.  (Bild: Luzerner Theater)
Auf verschiedenen Ebenen verteilen sich die Darsteller während der Oper.  (Bild: Luzerner Theater)

Erst von hier oben merkt man, dass die Glühbirnen, die das Parterre in dieses schöne Licht tauchen, an einem riesigen, höhenverstellbaren Leuchter hängen – für Löffel das Herzstück des Projekts. Alleine diese Konstruktion war eine Herausforderung, letztlich mussten da Industriekletterer ran, «Freestyle-Arbeit», nennt sie das. Eine riesige Leinwand kann ausgefahren werden, wo die Videoprojektionen drauf projiziert werden. Bühne, Licht, Videos – alles muss sich letztlich stimmig ineinander verzahnen.

Überrollt von der Welt

Und hier kommt man dann in der Rigoletto-Welt an. «Eine Welt, die mit diesen alten Maschinen zusammenklingt», sagt sie. Denn Rigoletto trägt schwer am Anderssein, er ist vollkommen vereinsamt und zum Narren verkommen. «Rigoletto versucht seine Tochter abzuschotten von der Welt, er wird überrollt von einer Welt, die sich transformiert und wo die Codes plötzlich andere sind», sagt Frauke Löffel. Und weil er dies nicht mehr verstehe, schaue er sie als gefährlich an.

«Von allen verlassen, bleibt Rigoletto allein zurück, als Relikt einer untergehenden Epoche», heisst es im Programmtext. Sogar sein Refugium, die Pilothalle, wird am Ende abgerissen.

Die Darsteller der «Rigoletto»-Aufführung – am Sonntag ist Premiere.  (Bild: Luzerner Theater)
Die Darsteller der «Rigoletto»-Aufführung – am Sonntag ist Premiere.  (Bild: Luzerner Theater)

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