Zuger Bildhauer unter sich (v.l.): Daniel Züsli, Doris Huber und Thomas Huber vor dem Atelier für Bildhauerei und Grabmalkunst Huber in Cham beim Fachsimpeln über ihre Berufsgattung. (Bild: pbu)
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Zuger Bildhauer unter sich (v.l.): Daniel Züsli, Doris Huber und Thomas Huber vor dem Atelier für Bildhauerei und Grabmalkunst Huber in Cham beim Fachsimpeln über ihre Berufsgattung. (Bild: pbu)

«Die Realität kommt einiges staubiger daher»

8min Lesezeit

Sie sind jung, üben aber das älteste Handwerk seit Menschengedenken aus. Nun entfliehen drei Zuger Bilderhauer ihren Ateliers und wollen die Öffentlichkeit von ihrem Können überzeugen – und räumen dabei zugleich mit romantischen Illusionen über ihre Berufsgattung auf.

Staub liegt nicht nur in der Luft, sondern bedeckt jeden noch so kleinen Winkel des zweistöckigen Ateliers der Geschwister Doris und Thomas Huber. Unzählige Figuren aus Stein bevölkern die Räume – einige davon als menschliche oder tierische Abbilder erkennbar, andere noch im Rohzustand. Vom handgrossen Exponat bis zum mannshohen Obelisken. Hier wird tagein, tagaus auf Felsblöcken rumgehämmert, dass die Partikel fliegen. Bis sich das harte Material in Gestalten verwandelt.

So inspirierend ihr Arbeitsplatz sein mag, die beiden Steinbildhauer zieht es nach draussen. Zusammen mit dem Holzbildhauer Daniel Züsli laden Doris und Thomas Huber in den Hirsgarten in Cham, direkt am See. «Huber und Züsli hauen drauf!» nennt sich die Veranstaltung. Während einer Woche arbeitet das Trio an einer Skulptur, einer Figur oder an einem Objekt. Die Hubers in Stein, Züsli in Holz. Täglich kann man sie bei ihrer Arbeit besuchen und den Fortschritt an ihren Werken mitverfolgen (siehe Box).

Schwimmen oder untergehen?

«Huber und Züsli hauen drauf!» läuft vom 15. bis 20. August 2016 im Hirsgarten in Cham. Während sich das Dreiergespann am Montag am See installieren wird, beginnt das öffentliche Bildhauern tags darauf, am 16. August. Das Konzept: ein Steinmocken, ein Holzmocken, drei Bildhauer. Ab 9 Uhr morgens kann man dem Trio jeweils bei der Arbeit über die Schultern blicken und mit ihm ins Gespräch kommen. Am Samstag, 20. August, gibt es um 15 Uhr eine Verni-/Finissage.

Was mit den Werken anschliessend passiert, ist offen. Thomas Huber würde es begrüssen, die Exponate einige Zeit dort stehen lassen zu können. «Aber wer weiss, vielleicht schwimmt die Holzskulptur plötzlich im See und die Steinskulptur liegt auf dem Grund», meint er.

Ein Symposium im Kleinstformat

«Wir wissen noch nicht so recht, was dabei entstehen wird», sagt Thomas Huber, während er eine Ladung weissen Staubs von den Hosen wischt. «Es ist auf jeden Fall eine gute Gelegenheit, mal aus dem Atelier rauszukommen. Und es ist ein schöner temporärer Arbeitsplatz dort unten.» Auf der anderen Seite fungiere ihre Aktion natürlich auch als Plattform, «um zu zeigen, dass es uns gibt und was wir so machen», fügt der 33-jährige Chamer an.

Just in diesem Moment braust Kollege Züsli auf dem Fahrrad an. Sein Atelier befindet sich ebenfalls in Cham, nur einen Steinwurf entfernt – oder besser: ein Holzscheitwurf entfernt. Denn Züsli hat sich ganz dem Forst-Material verschrieben. Etwas geschwächt durch eine Erkältung, nimmt er den Faden sogleich auf: «Bildhauer organisieren immer wieder Symposien, vor allem in Deutschland. Dort kommen sie zusammen, um gemeinsam etwas zu machen. Und voneinander abzuschauen», sagt er und lacht. Hier gäbe es sowas allerdings nicht. «Also machen wir nun die kleine regionale Version davon.»

Man rennt sich gegenseitig die Türen ein

Der 30-jährigen Holzbildhauer ist seit knapp einem Jahr von der Wanderschaft zurück. Zu den Hubers pflege er schon länger ein freundschaftliches Verhältnis. «Wir halten uns gegenseitig die Türen offen», sagt er. Unter Holzbildhauern sei eine solche kollegiale Einstellung zu «Konkurrenten» eher die Ausnahme. Meistens würden die Türen höchstens einen Spalt weit geöffnet, so dass man ja nicht zu viel vom Geschehen in der Werkstatt erblicken könne.

Holzbildhauer Daniel Züsli (links), Steinbildhauerin Doris Huber und Steinbildhauer Thomas Huber aus Cham.
Holzbildhauer Daniel Züsli (links), Steinbildhauerin Doris Huber und Steinbildhauer Thomas Huber aus Cham. (Bild: pbu)

Dabei könne ein Austausch äusserst fruchtbar sein. «Wenn du Einblick in ein fremdes Material erhältst, erkennst du die Stärken deines Materials», meint Züsli. Man lerne dadurch sein Material noch besser kennen. Thomas Huber fügt pragmatische Vorteile an: «Das Gute an unserer Vernetzung ist, dass ich allfällige Holzarbeiten in Züslis Atelier durchführen kann. Er ist nicht nur top ausgerüstet, sondern kann zudem auch wertvolle Tipps geben.»

«Wir haben keinen wirklichen Plan. Wir wissen nur, dass es gut kommt, wenn wir dort unten am See sitzen.»

Daniel Züsli, Holzbildhauer

Auf zur Sabotage

Der Arbeitsablauf eines Bildhauers decke sich ohnehin zu einem grossen Teil, unabhängig davon, mit welchem Material gearbeitet werde. «Es beginnt mit einem Gespräch und einer Zeichnung», erläutert Züsli. «Dann machst du ein Modell aus Plastilin oder Ton. Selbst die eigentliche Handwerksarbeit, die Umsetzung des Modells, unterscheidet sich nicht gross. Nur die Lösungen sind anders.»

Entsprechend könne sich das Trio gut vorstellen, während der Aktion am See die Werkzeuge für einige Zeit zu tauschen. «Dann verhunze ich euer Ding und ihr meines», sagt Züsli in Richtung der Hubers und lacht. Einen wirklichen Plan gäbe es nicht. «Wir wissen nur, dass es gut kommt, wenn wir dort unten am See sitzen», fügt er an und erntet kollektives Gelächter.

Eine Katzenskulptur aus Stein der Bildhauerei Huber.
Eine Katzenskulptur aus Stein der Bildhauerei Huber. (Bild: zvg)

Anfassen erlaubt

Auf keinen Fall wolle man verbissen an die Sache gehen. Eine gewisse Ernsthaftigkeit sei aber schon gegeben. Nämlich darin, das Berufsbild des Bildhauers vorzustellen. Dabei kennen die drei keine Berührungsängste: «Die Leute dürfen gerne mittun», sagt Züsli. «Wobei: Nach meiner Erfahrung passiert das eher nicht. Die Angst davor, etwas kaputt zu machen, ist vielfach zu gross.»

Wichtiger sind den Bildhauern ohnehin die Gespräche mit Interessierten. Täglich kann mit dem Trio über die Werke, über Sinn oder Unsinn der Aktion, über Bildhauerei oder alles andere geredet werden.

Dabei lässt sich zum Beispiel darüber fachsimpeln, was genau den Bildhauerberuf ausmacht. Und wird dann schnell merken, dass Geld kein Motivationsgrund sein darf. Im Gegenteil: Verzicht und Einfachheit seien unweigerlich mit der Berufsgattung verbunden. «Man könnte mir den Strom abstellen und die Maschinen wegnehmen, mit Hammer und Meissel kann ich trotzdem alles machen», konstatiert Thomas Huber. «Es braucht sehr wenig, um etwas zu machen. Das gefällt mir.»

«Der Arbeitsalltag ist monoton und vielfach stumpf.»

Daniel Züsli, Holzbildhauer

Beat Züsli: Internationales Holzbildhauersymposium Eubabrunn.
Beat Züsli: Internationales Holzbildhauersymposium Eubabrunn. (Bild: zvg)

Schluss mit romantischen Illusionen

Doris Huber gefällt das Entschleunigende: «Gerade die Arbeit am Stein verlangsamt das Leben ungemein.» Man dürfe aber nicht dem romantischen Aspekt verfallen, wonach die Bildhauerei vor allem kreatives Schaffen sei, betont sie. Wer Mühe damit hat, von oben bis unten in Dreck und Staub gehüllt zu sein, sei hier fehl am Platz. «Die Illusion, endlich kreativ sein zu können, kommt in der Realität einiges staubiger daher.»

«Der Arbeitsalltag ist monoton und vielfach stumpf», pflichtet ihr Daniel Züsli bei, ohne dies abschätzig zu meinen. «Das hat etwas Meditatives. Etwas Demütiges. Das kann süchtig machen. Ich weiss nicht, wahrscheinlich werden dabei körpereigene Drogen ausgeschüttet oder so», mutmasst der Holzbildhauer.

Vielen Leuten sei nicht wirklich klar, was Bildhauer wie die Hubers und Züsli machten. Die Aktion am See soll dem entgegenwirken. «Vielleicht ist es letztlich ein Versuch zu zeigen, dass auch wir unseren Platz in der Gesellschaft haben», sagt Thomas Huber. Daniel Züsli spricht davon, den Leuten etwas zurückzugeben. «Wir sind ja schliesslich nicht die besten Steuerzahler. Wenn wir finanziell schon nicht viel zu bieten haben, kompensieren wir das halt mit öffentlichem Schaffen – und einer guten Geschichte. Das ist doch auch was.»

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