Sarah Bischof ohne die blauen Haare in ihrer neuen Heimat Marokko. (Alle Bilder: zvg)
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Sarah Bischof ohne die blauen Haare in ihrer neuen Heimat Marokko. (Alle Bilder: zvg)

«Meine blauen Haare bewahre ich in einer Schachtel auf»

10min Lesezeit

Eine ganze Weile hat man nichts mehr von ihr gehört, von der Luzerner Videobloggerin Sarah Bischof alias Pony Hü. zentralplus hat sie in Marokko aufgespürt, wo sie heute ihren Traum aus 1001 Nacht lebt.

Ständig unterwegs in der kreativen Szene, bei Designern, in Clubs, an Festivals – als freischaffende Journalistin, Moderatorin, Barkeeperin, Texterin und Videobloggerin. So sah Sarah Bischofs Leben noch vor einigen Monaten aus.

Seit wir die 29-jährige Luzernerin das letzte Mal getroffen haben und mit ihr in Zürich durch die Sihl gestapft sind, hat sich einiges verändert. Eigentlich nicht verwunderlich – sprach sie doch schon damals davon, ihren Traum zu leben. Und dieser ist nun zu einem Traum aus 1001 Nacht geworden.

zentralplus: Du bist nach Tamraght in Marokko ausgewandert, deine blauen Haare sind ab, du trägst keine Paillettenjacke mehr. Was ist passiert?

Sarah Bischof: (Sie lacht) Das klingt so radikal. Ja, es ist vieles passiert und ich bin extrem happy darüber. Ich mag Veränderungen, das war schon immer so. Den «Sicherheitsgedanken» bin ich mir nach und nach am Abgewöhnen. Haare wachsen schliesslich nach und in die Schweiz zurückziehen könnte ich auch wieder. Aber: Auf meine Paillettenjacke stehe ich noch immer. Und gerade hier auf dem Souk (Markt), wo alles glitzert und strahlt, ist es natürlich ein Paradies für mich.

zentralplus: Die blauen Haare waren doch dein Markenzeichen?

Bischof: Klar, das waren sie und ich habe sie auch geliebt, aber ich habe mich weiterentwickelt. Ich war neugierig, mal meine Kopfform zu sehen. Mein Leben lang hatte ich lange Haare, wieso also nicht mal rasieren? Bei einem Dinner mit Freunden haben wir es dann zwischen Vorspeise und Hauptgang einfach getan: blauer Zopf ab. Ich hatte wohl das Bedürfnis nach dem Puren, nach der wahren Sarah ohne blauen Schweif. Jetzt lasse ich die Haare aber wieder wachsen – in Naturbraun. Aber meine blauen Haare bewahre ich immer noch in einer Schachtel auf.

«Ich habe realisiert, dass das Leben an mir vorbeirast.»

zentralplus: Hast du in Zürich alles aufgegeben und hier ein neues Leben begonnen? Oder ist es eine temporäre Auswanderung?

Bischof: Ich habe Zürich nicht die Freundschaft gekündigt. Ich habe nur meine Basis verändert. Mein Rennvelo und ein paar Sachen werde ich bei einer Freundin in Zürich einquartieren, der Rest kommt zu meinen Eltern, nach Marokko oder es wird verkauft.

zentralplus: Wer steckt denn hinter deinem Wandel?

Bischof: Ich! Ich war und bin offen für Neues. Letzten Winter hat alles angefangen. Auf meinen Geburtstag habe ich mir selber eine Woche Surfen und Yoga in Marokko geschenkt. Surfen, das war schon immer ein Traum von mir. Über das Land wusste ich nicht viel, aber irgendwie zog es mich hierhin. Und als ich den Himmel bei Nacht zum ersten Mal sah, hatte ich Gänsehaut. Ich habe mich der Natur noch nie so nahe gefühlt wie in diesem Moment in Marokko. Ich wusste: Hier will ich wieder hin. Dass ich aber schon so bald hier leben würde, hätte ich damals bestimmt nicht gedacht.

zentralplus: Was war dann schliesslich der Auslöser für diese grosse Veränderungen?

Bischof: Ich habe nicht aktiv nach einer Veränderung gesucht und ich glaube, das ist der springende Punkt. Wer aktiv, verkrampft sucht, findet nicht. Ich habe in Marokko gespürt, wie stark meine Sehnsucht nach eben genau diesem Puren ist: nach der Natur, der Bewegung und dem Moment. Das Leben in Zürich, die Videodrehs in Berlin, meine tausend Projekte und Jobs überall waren super, aber ich hatte keine Lust mehr, vor lauter «Verpflichtungen», die ich mir selber aufgetragen habe, mein Leben zu verpassen. In meinem Kopf war ich immer schon im nächsten Moment – vielleicht ist das auch eine «Journalistenkrankheit». Ich habe realisiert, dass das Leben so an mir vorbeirast.

«Das Leben tickt anders, alles dauert x-Mal länger als in der Schweiz.»

zentralplus: Bist du denn eigentlich noch Pony Hü?

Bischof: Ich bin Sarah Bischof und mein Videoprojekt heisst Pony Hü. Das war eigentlich schon immer so. Allerdings begann mich mein Umfeld immer mehr mit Pony, Hü oder Pony Hü anzusprechen. Ich hatte nichts dagegen, auch wenn ich mich selber nie als Pony Hü vorgestellt habe. Heute ist es mir aber wichtiger, diese zwei Sachen zu trennen.

zentralplus: Aber du produzierst noch Videos?

Bischof: Ja, ich habe mich entschieden, Pony Hü zu rebranden. Wenn ich an einem so tollen Ort leben darf, wo es so viel zu entdecken gibt, wieso sollte ich dann mit meinem Videoprojekt aufhören? Aber wo früher der Fokus auf Subkultur, Schrägem und der elektronischen Musikszene lag, liegt er jetzt in Momenten meines marokkanischen Lebens. Ich bin viel geerdeter. Das merkt man auch in meinen Videos. Ich möchte Bilder sprechen lassen und weniger Worte verlieren. Ausserdem möchte ich allen Mut machen, ihren Träumen zu folgen und etwas zu riskieren.

Kürzlich habe ich mein erstes Video aus Marokko veröffentlicht. Als ersten Moment habe ich den Sonnenuntergang gewählt. Ein entscheidender Moment während des Ramadans, der erst kürzlich war. Alle Moscheen rufen dann zum vierten Gebet des Tages auf, worauf mit dem Ftour (Frühstück) jeden Tag das Fasten gebrochen wurde. Ausserdem ist das für mich ziemlich prägend, da ich gleich neben der Moschee wohne.

zentralplus: Schreibst du auch noch?

Bischof: Ja, ich arbeite als freischaffende Journalistin von überall aus. Dazu mache ich nach wie vor die Kommunikation und das Marketing für einen Ernährungsberater und Personal Trainer.

zentralplus: Du scheinst dich in Marokko stark mit Yoga zu beschäftigen.

Bischof: Yoga, die Überzeugung, das Bewusstsein und das Wissen dahinter bilden die Basis für mein Leben, meine Handlungen, meine Weiterentwicklung. Yoga ist nicht nur «on the mat» zu verstehen, sondern es ist ganz viel «off the mat». Eigentlich hatte ich nie den Plan, zu unterrichten, sondern habe die Ausbildungen für mich selber gemacht. Irgendwie kam es aber so, dass ich hier in Tamraght zu unterrichten begonnen habe. Ich habe grossen Respekt vor dieser Aufgabe. Ich selber darf noch sehr, sehr viel lernen und stehe erst am Anfang meines Weges. Trotzdem möchte ich möglichst viel von meinem jetzigen Wissen weitergeben.

zentralplus: Damit verbunden ist auch dein Projekt Maison Darna. Was ist das genau?

Bischof: Ein wunderschönes Haus für 17 Personen, das mein Freund und ich für Retreats, Ferien und Businessfokuswochen anbieten werden. Dazu gehören ebenfalls vier Appartments, die wir separat vermieten. Ich möchte möglichst vielen Menschen ermöglichen, diese wundervolle Welt in Marokko ebenfalls zu erleben und für eine Woche aus ihrem Alltag auszubrechen. Es ist allerdings nicht ganz einfach, eigenhändig etwas zu organisieren. Das Leben tickt anders, alles dauert x-Mal länger als in der Schweiz, alles ist auf Französisch oder Arabisch, es gilt viele Umgangsformen in diesem islamischen Land zu respektieren. Die Kontakte müssen sorgfältig gewählt werden. Es gibt nicht viele Menschen, denen man hier gleich vertrauen kann. Nur schon ein Einkauf auf dem Wochenmarkt ist eine Challenge. Als Europäerin werden von mir gerne die doppelten Preise verlangt. Zum Glück ist mein Freund in Marokko aufgewachsen und zeigt mir, wie seine Kultur tickt.

zentralplus: Wie sehen deine Pläne in den nächsten Wochen aus?

Bischof: Auch wenn meine Basis nun in Marokko ist, bin ich alle paar Wochen wieder in Zürich, um Freunde, Familie und Kunden zu sehen. In der zweiten Julihälfte bin ich in Zürich, um meine Ausbildung in Therapeutic Vinyasa Krama Yoga abzuschliessen, danach geht es zurück nach Marokko. Hier werden wir in unserem Appartment meinen Yogaroof fertig machen und Maison Darna einrichten, sodass wir im Winter, der Hochsaison, bereit sind. Gleichzeitig will ich meinen Freund auch in seinen Musikplänen unterstützen. Er produziert Techno und hat bisher vor allem in Spanien, Frankreich und Marokko gespielt. Ich glaube, seine Musik mit orientalischem Einschlag würde auch in den Zürcher oder Berliner Clubs begeistern. Im Oktober bin ich dann wieder für ein Yogatraining mit Andrey Lappa in Amerika. Es bleibt also spannend.

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