Meyer (am Schlagzeug der neue Jazzkantine-Wirt Dominik Meyer) erwiesen Bergmans die Ehre – zusammen mit 17 anderen Bands. (Bild: Pirmin Bossart)
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Meyer (am Schlagzeug der neue Jazzkantine-Wirt Dominik Meyer) erwiesen Bergmans die Ehre – zusammen mit 17 anderen Bands. (Bild: Pirmin Bossart)

«Auf Holländisch heisst das obergeil!»

8min Lesezeit

Rauschender Schlussakt für den ersten Lebensabschnitt Jazzkantine: 17 Bands aus der Luzerner Szene zollten dem scheidenden Wirt Henk Bergmans mit lauter Rolling-Stones-Songs lautstark Tribut. Die Party dauerte bis in den frühen Morgen. War da irgendwo noch ein Luzerner Fest?

Pirmin Bossart

Da flammte so manches Nostalgielämpchen im Herzen auf, als Samstagnacht die alten Songs der Stones während gut vier Stunden von der Jazzkantine-Bühne krachten. Zumindest bei jenem Teil des Publikums, der schon angegraut in Jahren, aber wacker im Geiste die paar Stunden Hitzepool im Keller der Jazzkantine frohgemut hinter sich brachte. Mein Gott, war das eine Sause.

17 Bands spielten je zwei Coverversionen von The Rolling Stones (zentralplus berichtete). Nur Moderator MC Graeff warf manchmal ein paar Takte «Yesterday» dazwischen, um auch den beatlesken Gegenpol der wilden Jungs noch etwas ironisch zu markieren.

MC Graeff führte durch den Abend.
MC Graeff führte durch den Abend. (Bild: Pirmin Bossart)

Feiern zwischen Nachtluft und den Nimmermüden

Eigentlich war man ja darauf gefasst, dass sich bei diesem triumphalen Line-up und diesen Grössenverhältnissen der Location ein unfassbares Gedränge entwickeln und einen frühzeitig wieder an die frische Nachtluft katapultieren würde.

Aber einmal drin, war alles halb so schlimm, zumal die Zirkulation der Menschen, die kamen und gingen, wunderbar nahtlos funktionierte. Es gab immer Space und ehe man es merkte, war man nach dem anfänglichen Stau am Eingang plötzlich mittendrin und fand sich schon bald in den vorderen Reihen der Nimmermüden.

Eine Nacht lang lückenlose Unterhaltung

Die Befürchtung, dass bei 17 Bands vor lauter Umbaupausen die Lust an der Musik eher früher als später abflauen könnte, erwies sich als unbegründet. Das ging relativ flott voran, obwohl es gegen Ende des Abends etwa zu harzen begann und der allseits gewandte MC Graeff mit seinem Improvisationstalent alle Register ziehen musste, um im aufgeräumten Pegel des Publikums die paar Lücken zwischen der Musik zu überbrücken.

Umso erstaunlicher, dass am Ende die prächtige Fete sogar pünktlich nach Fahrplan ins Finale übergehen konnte. Ein Kränzchen für Jesús Turiño, der den Anlass souverän organisiert hat!

Henk Bergmans und Jesús Turiño.
Henk Bergmans und Jesús Turiño. (Bild: Primin Bossart)

Alles, was die Stones draufhatten, auf einer Bühne

Auch wenn wir nur gut die Hälfte des Abends erlebten, waren wir beeindruckt von der Vielfalt der Interpretationen, die mal holprig, mal krachend, mal elektronisch zerstäubt, mal witzig und mal rührend von der Bühne kredenzt wurden.

Neben alten Hits und hart gelutschten Evergreens wie «Last Time», «Mothers Little Helper», «Brown Sugar», «Gimme Shelter», «Angie», «Paint it Black», «Sympathy for the Devil», «Wild Horses» oder «You can’t always get what you want» wurden auch einige unbekanntere Songs aus früheren und späteren Jahren aus der Stones-Kiste gekramt.

Zwischen wackeligem Dilettantismus und pochendem Technoid-Set

Einiges mag mit seinem wackligen Dilettantismus so charmant und stilvoll geklungen haben wie damals, als lokale Beat-Bands in der Frühzeit des Rock’n’Rolls Stones Songs gecovert hatten. Dann wieder wurde das obligate Stones-Gefühl der dreckigen Gitarrenriffs von elektronischen Sound-Behandlungen ins postmoderne Nichts zerbröselt. So etwa mit Blind Butcher, die mit Indianer-Kopfschmuck aufgedonnert für einmal mit einem puren Beat- und Samples-Set ab Computer überraschten: Ihre Versionen von «Ventilator Blues» («Let it Bleed») und «Monkey Man» («Exile on Main Street») waren kaum erkennbar.

Blind Butcher im Element.
Blind Butcher im Element. (Bild: Pirmin Bossart)

Das galt noch viel mehr für den Auftritt von Krankenzimmer 204, der mit Zigarette und Bierflasche in der Hand und zwei wippenden Sonnenblumen auf dem Kopf seelenruhig und begleitet von einer Gitarristin die Stones-Songs («Paint It Black», «2000 Light Years from Home») mit einem dumpf pochenden Technoid-Set zerstäubte.

«Grenzwertig» und «wieder so ein Elektro-Scheiss», kommentierten zwei Hartgesottene im Publikum, die dann beim anschliessenden Set der Moped Lads umso heftiger aus dem Häuschen kamen und die Welt wieder in Ordnung befanden. Kein Wunder: Die Mannen um die unverwüstliche Rampensau Gössi mit dem T-Shirt «Anarchy in the UK!» übersetzten «Street Fighting Man» und «19th Nervous Breakdown» direkt ins Punkfieber.

Krankenzimmer zerstäubte die Stones-Songs mit einem dumpf pochenden Technoid-Set.
Krankenzimmer zerstäubte die Stones-Songs mit einem dumpf pochenden Technoid-Set. (Bild: Pirmin Bossart)

Der nachfolgende Beizer am Schlagzeug

Gross und deftig rockten auch Meyer ihre Versionen von «Under My Thumb» und «Start Me Up» von der Rampe. Die Power der Band ist unversehrt beeindruckend geblieben. Am Schlagzeug sass mit Dominik Meyer der neue Jazzkantine-Wirt persönlich, was natürlich für den nächsten Lebensabschnitt des Lokals schon rein konzertmässig nur Gutes verheisst.

 

Laut und dreckig, mit dem schon fast authentischen Stones-Groove, brachten Jet Turino die alten Gassenhauer «Jumpin Jack Flash» und «Satisfaction» wieder zu Ehren. Nicht fehlen durfte Sam Pirelli, im originalen Pirelli-Hemd und mit schwarzer Langhaarperücke, der sich mit seiner Ad-hoc-Band «Triumph des guten Geschmacks» mit gutem Geschmack den beiden Titeln «Last Time» und «Dead Flowers» widmete.

Mit Kreativität und Folk dem Ende entgegen

Für einen musikalischen Höhepunkt sorgten die heimlifeissen Langue Erotique. Ausgehend von «Time is on my Side», der bei ihnen zu «Time isn’t on my Side» ironisiert wurde, navigierten sie mit Bravour und kreativem Potenzial durch ein Medley von verschiedenen Stones-Nummern.

Den Abschluss kurz nach Mitternacht machte die forever grossartige Pink Spider mit Sam Gallati an der Gitarre und Rafi Woll am Schlagzeug. Beim folkigen «Sweet Virginia» hängte sie sich die Mundharmonika um, um dann mit «Miss you» so richtig funky einzuheizen.

Heftig: Gössi & Co. geben Gas in der Jazzkantine.
Heftig: Gössi & Co. geben Gas in der Jazzkantine. (Bild: Pirmin Bossart)

Das Grande Finale in der Parallelwelt

Zum Grande Finale kam nochmals (fast) die ganze Corona der Musikerinnen und Musiker auf die Bühne, um in festlicher Rührseligkeit wie anno Last Waltz den Dylan-Song «Like a Rolling Stone» anzustimmen, mit der scharfen Gitarre von Christian Winiker und dem wogenden Gejohle des Publikums.

Henk wurde auf die Bühne geholt, der Kusshände verteilte und sich feiern liess. «Auf Holländisch heisst das obergeil!», rief er von der Bühne, und mehr gab es auch nicht zu sagen. Der Abend war noch lange nicht zu Ende. Oben im Restaurant wurde weiter gesoffen und getanzt, und auch draussen auf der Strasse ging die Party weiter, wie damals vor 20 Jahren, als die Jazzkantine eröffnet worden war. Dass am gleichen Abend irgendwo noch das Luzerner Fest stattfand, ging völlig unter. Es leben die Parallelwelten!

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