«Hippomenes und Atalante» am Hans-Erni-Quai. (Bild: jav)
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«Hippomenes und Atalante» am Hans-Erni-Quai. (Bild: jav)

Die freizügigsten Luzerner – anfassen erlaubt

7min Lesezeit

In Luzerns Strassen und Pärken finden sich zahlreiche nackte Statuen. Deren künstlerische Aussage ist aber meist weniger spannend als die Reaktionen der Bevölkerung auf sie. zentralplus hat sich die Nackedeis genauer angeschaut.

Bei einem Spaziergang durch Luzern gibt es einige nackte Hintern, Brüste und unverhüllte Geschlechtsteile zu sehen und niemanden stört’s. Kaum jemand scheint von den leblosen Nackten angeekelt zu sein oder derart angetörnt, dass er sittlich verdorben wird. Kaum einer nimmt nackte Statuen im öffentlichen Raum noch als anstössig wahr.

Doch einige der Skulpturen, an welchen wir heute entspannt vorbeigehen, lösten bei ihrer Enthüllung in Luzern richtige Skandale aus.

Enthüllung unter Bewachung

Die beiden Schwinger, welche heute in sportlicher Pose auf dem Inseli stehen, waren vielen Leuten vor 100 Jahren doch etwas zu nackt. Die Skulptur «Schwingergruppe» wurde von Hugo Siegwart gestaltet und stand ursprünglich auf dem Kurplatz.

Doch das passte nicht allen. Die Nacktheit der beiden Schwinger bedeute eine «Schädigung für die sittliche Erziehung der Jugend», hiess es. Die Kirche lief Sturm und verlangte die Versetzung der Skulptur in ein Museum.

Mehrere Protestschreiben und sogar eine Petition mit 2492 Unterschriften wollten die öffentlich zugängliche Figur verhindern. Die Petition traf jedoch zu spät ein und so wurde die Skulptur am 30. Januar 1909 unter Bewachung von Sicherheitsbeamten enthüllt. Erst aber als die Proteste allmählich verstummten, wurde die Skulptur am 1. Mai offiziell der Stadt Luzern übergeben.

Dass die Diskussionen um die beiden nackten Herren so kontrovers geführt wurde, brachte dem Künstler daraufhin einen grossen Schub von Auftragsarbeiten im öffentlichen Raum ein.

«Schwingergruppe» von Hugo Siegwart. (Bild: jav)
«Schwingergruppe» von Hugo Siegwart. (Bild: jav)

Fast ein halbes Jahrhundert später waren die Schwinger am Kurplatz durch grosse Bäume fast gänzlich verdeckt. Auf ein Gesuch an den Stadtrat hin, man möge einen besseren Ort für sie finden, wurden die Herren 1958 schliesslich auf das Inseli transportiert.

Nackt und lässig mochte die Kirche nicht

Seit 1940 ist «Die Liegende» von Roland Duss am Carl-Spitteler-Quai zu Hause. Und auch sie erhitzte die Gemüter im katholischen Luzern erst mal ganz schön.

Die «nackte und lässig da liegende» Frau verletze die Ehrfurcht der Frau, hiess es vonseiten der Kirche. Mehrmals wurde sie in den ersten Jahren mit Farbe verschmiert und einmal auch von Unbekannten eingekleidet.

«Die Liegende» am Carl-Spitteler-Quai. (Bild: jav)
«Die Liegende» am Carl-Spitteler-Quai. (Bild: jav)

Angeekelte Frauen

Ebenfalls von Roland Duss wurde 1955 mit der «Schauenden» eine weitere nackte Frau aufgestellt. Als künstlerische Belebung der Stadt kam die Schauende erst mal an den Bahnhofsplatz. Die Skulptur sorgte trotz ihrer Nacktheit für weniger Aufruhr als einige Jahr zuvor die Liegende. Lediglich ein Vorstoss im Grossen Stadtrat und einige Leserbriefe bei den Zeitungen gingen ein. Darin hiess es beispielsweise, dass die Nacktheit der Skulptur «jede anständige Frau mit etwas Schamgefühl anekle».

Als der Bahnhofsplatz 1962 umgebaut wurde, zog die Schauende an den Gerneral-Guisan-Quai, wo sie auch heute noch sitzt.

«Die Schauende» füllte ganze Leserbriefspalten. (Bild: jav)
«Die Schauende» füllte ganze Leserbriefspalten. (Bild: jav)

Sitzen ist scheinbar besser als stehen

Angetörnt?

Falls Sie sich von den hübschen Statuen extrem angezogen fühlen, hier die Bezeichnung für Ihren Fetisch:

Agalmatophilie (oder auch Pygmalionismus) bezeichnet die starke Zuneigung beziehungsweise sexuelle Präferenz gegenüber (nackten) Statuen oder anderen unbelebten menschlichen Darstellungen wie Gemälden oder Puppen.

Der Begriff stammt aus der griechischen Mythologie, in der sich der Bildhauer Pygmalion in eine von ihm geschaffene Statue verliebte.

«Die Kauernde» von Charles Otto Bänninger war eigentlich usprünglich als «Stehende» geplant. Der in einem Wettbewerb auserkorene Entwurf der stehenden Frauenfigur sollte 1946 vor dem Eingang des Kunsthauses aufgestellt werden. Doch es hagelte Proteste. Diese waren derart heftig, dass man nicht nur den Standort, sondern auch die Haltung der Figur ändern musste. Heimlich wurde daher schliesslich eine kauernde Frauenskulptur im Garten auf der Ostseite des Kunsthauses aufgestellt.

Als das alte Kunsthaus dem neuen KKL weichen musste, wurde die Kauernde aufs Inseli versetzt. Dort kauert sie nun am See, derzeit mit aufgemalten Augen, und wird von Kindern erklettert (siehe Slideshow).

Die jungen Nackten bei der älteren Generation

Keine Skandale finden sich zu den zahlreichen nackten jungen Damen beim Kurhotel Sonnmatt. Hier scheint jemand ein grosser Freund der Arbeiten von Roland Duss zu sein. Und nackte junge Damen – stehend oder sitzend – sind übrigens auch beim Betagtenzentrum Eichhof beliebt.

«La Réveuse», «Petite Paulette» und «Guiditta au bain» – alles von Roland Duss und alle beim Kurhotel Sonnmatt. (Bilder: zvg)
«La Réveuse», «Petite Paulette» und «Guiditta au bain» – alle von Roland Duss und alle beim Kurhotel Sonnmatt. (Bilder: zvg)

Schamlos und exhibitionistisch

Skandale um nackte Statuen schienen eigentlich kein Thema mehr zu sein, als in den 90er-Jahren Rudolf Blättlers «Urweib» die Gemüter in Wallung brachte.

Als «schamlos hässliches Gebilde» und «unförmiges Monstrum eines exhibitionistischen Weibes» wurde die Skulptur beim Schirmertor bezeichnet. Der Stein des Anstosses scheint hier jedoch nicht die Nacktheit, sondern die rohe Darstellung in Blättlers Figuren zu sein. Diese war mittlerweile sittlich kein Problem mehr, solange sie den ästhetischen Idealen der Betrachter entsprach. Wenn nicht – dann wurde sie als Kunst noch nicht verstanden.

Heute sind viele der Figuren in diesem typischen Stil von Blättler im öffentlichen Raum zu finden.

«Mann und Weib» von Rudolf Blättler. (Bild: zvg)
«Mann und Weib» von Rudolf Blättler. (Bild: zvg)

Die neusten Nackten

Neu im Bunde der nackten Luzerner sind «Hippomenes und Atalante» von Hans Erni. Im April 2016 wurden die beiden am neuen Hans-Erni-Quai zu Ehren des 2015 verstorbenen Künstlers enthüllt.

Die Skulptur aus Bronze stellt eine Geschichte aus der griechischen Mythologie dar. Hippomenes bezwingt die Jägerin Atalante in einem Wettlauf. Aus Konkurrenten wird ein Liebespaar, das von Venus beim Liebesspiel in ihrem Tempel entdeckt wird. Zur Strafe verwandelt sie die beiden in Löwen, die vor den Wagen der Schutzgöttin Kybele gespannt werden.

«Hippomenes und Atalante» am Hans Erni-Quai. (Bild: jav)
«Hippomenes und Atalante» am Hans Erni-Quai. (Bild: jav)

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