Die Rolling Stones helfen Henk Bergmans, sich von seiner Jazzkantine zu verabschieden.  (Bildmontage: jwy)
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Die Rolling Stones helfen Henk Bergmans, sich von seiner Jazzkantine zu verabschieden.  (Bildmontage: jwy)

Ein letztes rauschendes Fest für Jazzkantine-Wirt

8min Lesezeit

Strictly Stones: Wenn Wirt-Urgestein Henk Bergmans am Samstag verabschiedet wird, sind nur die Rolling Stones gut genug. 17 Luzerner Bands spielen zu Henks Ehren auf. Und lassen die wilden Jazzkantine-Zeiten nochmals aufleben.

«It’s only Rock’n’Roll but Henk likes it»: So lautet das Motto dieses Samstagabends. Das Who-is-Who der Luzerner Musikszene spielt auf, um den 67-jährigen Henk Bergmans nach fast 20 Jahren als Wirt der Jazzkantine zu verabschieden.

Henk und die Jazzkantine in der Luzerner Altstadt: Das ist eine lange Ära, in der Musiker stets ein offenes Ohr und eine offene Bühne für ihre Ideen und Projekte fanden. Und immer auch ein kühles Bier. «Die Musikszene hat Henk viel zu verdanken», sagt Jesús Turiño, der den Abschiedsabend organisiert. Der Projektleiter bei der Genossenschaft ABL war der Kopf hinter der Zwischennutzung Himmelrich und ist selbst langjähriger Musiker.

«Das ist meine Jugend»

Auf die Bühne kommen nur Rolling-Stones-Songs – 17 Bands mit je zwei Covers. Zuerst die Frage: Wieso die Stones? «Das ist meine Jugend, ich bin mit den Stones aufgewachsen», sagt Henk Bergmans. Er war selbst an drei Stones-Konzerten, unter anderem 1967 am nach seinen Worten «legendären Konzert» in Den Haag, Holland.

«Bei Henk müssen es die Stones sein.»

Jesús Turiño

Da war Henk Bergmans dabei: die Rolling Stones 1967 in Den Haag.  (Bild: Wikimedia/Nationaal Archief, Den Haag)
Da war Henk Bergmans dabei: die Rolling Stones 1967 in Den Haag.  (Bild: Wikimedia/Nationaal Archief, Den Haag)

Und Jesús Turiño hat bereits zu Bergmans 60. Geburtstag – also vor sieben Jahren – in der Jazzkantine eine Stones-Coverband zusammengestellt. Also war jetzt für den Abschied schnell klar: «Bei Henk müssen es die Stones sein.»

Turiño traf Bergmans vor einer Weile und merkte, dass sich bisher niemand um den Abschied kümmern würde, also nahm er das selbst in die Hand. Er wusste: «Die Bands kommen eh mega gern.» Was sich dann bestätigte: Eine Massen-E-Mail und bald hatte er die Zusagen.

Alle haben ihre Erinnerung

Es treten auf: Altbekannte, Ehemalige, Wiederauferstandene, Weggefährten und Immer-schon-Dagewesene, um Hernk Bergmans würdig in die Pension zu entlassen (siehe Box).

«Henk hat uns immer voll unterstützt und war sehr grossherzig.»

Valerie Koloszár alias Pink Spider

Henk-Abschied: «Farewell to a Rolling Stone»

Ein letzter Abend in Henks Jazzkantine: 17 Bands spielen Rolling-Stones-Covers (kein Song kommt doppelt): The Ruby Tuesdays, Hendricks the Hatmaker, Canaille de Jour, Tin Shelter Crew, Tobi Gmür, ADO, Gössi & Ricardo, Chamber Nihilists, Jet Turino, Sam Pirelli und Der Triumph des guten Geschmacks, Whats wrong with Nancy, Blind Butcher, Langue erotiqué, Meyer, Krankenzimmer 204, Moped Lads und Pink Spider.

Moderiert wird der Abend von Jesús Turiño und MC Graeff. In der Beiz oben legt DJ Sandman auf. Samstag, 25. Juni, 20 Uhr, Jazzkantine Luzern.

Das wären zum Beispiel Gössi & Ricardo: der Luzerner Punk Martin Gössi zusammen mit Ricardo Regidor, dem Pianisten an der Seite des 2007 verstorbenen Thomas Hösli. Es spielen Meyer, die es eigentlich gar nicht mehr gibt. Als Schlagzeuger dabei ist «Meyer»-Wirt Domi Meyer, der nach dem Sommer auch die Jazzkantine weiterführt.

Es tritt Valerie Koloszár alias Pink Spider auf, die für diesen Abend extra ein anderes Konzert verschoben hat. Sie hat in der «Jazzi» fünf Jahre lang mit Ivo Bättig und Raffaele Franco die offen Bühne – die Open Mics – organisiert. Auch sie wird nostalgisch: «Henk hat uns immer voll unterstützt und war sehr grossherzig.»

Etliche der auftretenden Musiker haben einen direkten Bezug zur Jazzkantine – und entsprechende Erinnerungen. Sei es durch die Jazzschule, die sie in den Räumen oberhalb besuchten. Sei es weil sie mal dort gearbeitet hatten oder Anlässe organisierten oder einfach als Stammgast. «Der Abend ist ein verspätetes Dankeschön an Henk», sagt Turiño.

Eine Plattform für Experimente

Auch Jesús Turiño, der mit seiner Band Jet Turino ebenfalls zwei Stones-Songs spielt, ist Henk und der Jazzkantine dankbar: «Henk hat viele Projekte ermöglicht, er war immer sehr unkompliziert und bot Bands eine Plattform für Experimente.» Nicht zuletzt für ihn selbst: Turiño hat beispielsweise zwischen 1999 und 2004 «Colectivo» veranstaltet, eine Reihe für experimentelle, elektronische Musik. Und er ist mit seinem früheren Projekt «The Fabulous Dance Machine» dort aufgetreten. Bands wie Meyer tauften in der Jazzkantine ihre frühen Alben, Kubus oder Hösli & Ricardo entstanden aus dem Umfeld der «Jazzi», Möped Läds spielten dort und und und.

Jesús Turiño organisiert den Abschied von Henk Bergmans – und steuert mit Jet Turino ebenfalls zwei Stones-Songs bei.  (Bild: zvg)
Jesús Turiño organisiert den Abschied von Henk Bergmans – und steuert mit Jet Turino ebenfalls zwei Stones-Songs bei.  (Bild: zvg)

Was das Lokal für Turiño einzigartig machte: Es hatte ein Scharnierfunktion zwischen den Szenen. «Für meine Generation war die Jazzkantine ein wichtiger, spartenübergreifender Ort zwischen Jazzschule und Sedel.» Es sei Henks Verdienst, er war da immer sehr undogmatisch. «Man konnte mit einer Idee auf ein Bier vorbeigehen und sie nachher umsetzen», sagt er. «Es war neben dem Sedel und der Boa mein erweitertes Wohnzimmer.»

Turiño ist nun extrem froh, dass Domi Meyer ab September die Jazzkantine weiterführt und wieder mehr Konzerte veranstalten will (zentralplus berichtete über seine Pläne). Denn in den letzten Jahren sei die «Jazzi» veranstaltungsmässig etwas eingeschlafen, nichts erinnert mehr an die wilden Anfänge und rauschenden Feste. Aber wer will Henk eine gewisse Altersmüdigkeit verübeln?

Die «Jazzi» wird aus allen Nähten platzen

Am Samstag wird die Jazzkantine ziemlich sicher aus allen Nähten platzen. Alleine 60 Leute stehen im Verlauf des Abends auf der Bühne. Dann läuft das Luzerner Fest auf den Gassen, es dürfte wie an der Fasnacht zu und her gehen. Eine weitere und letzte hoffentlich legendäre Party mit Henk. Wer rein will, muss früh erscheinen.

«Das ist ein wunderschönes Geschenk, ich freue mich riesig auf den Abend.»

Noch-Jazzkantine-Wirt Henk Bergmans

Dass Henk Bergmans feiern kann, hat er in seiner langen Wirtskarriere öfters bewiesen – das hört man immer wieder. «Ihm war das zusammen Feiern immer genauso wichtig wie das Zusammenarbeiten, da war er voll der Holländer», erinnert sich Turiño. Der Samstag ist zugleich Abschied und Kick-off: Abschied einer Ära – und Kick-off für die Wiederauferstehung des Jazzkantine-Kellers als Konzertbühne. Ab Herbst wird der ehemalige Boa-Booker Eugen Scheuch in der Jazzkantine veranstalten.

Domi Meyer (links) kehrt in die «Jazzkantine» zurück, Henk Bergmans verlässt das Lokal im Sommer.
Domi Meyer (links) kehrt in die «Jazzkantine» zurück, Henk Bergmans verlässt das Lokal im Sommer. (Bild: jwy)

Am 30. Juni ist definitiv Schluss

Henk Bergmans ist nervös und nostalgisch zugleich. «Das ist ein wunderschönes Geschenk, ich freue mich riesig auf den Abend», sagt er. Er will sich ganz überraschen lassen und geniessen. «Ich muss nur da sein und trinken», sagt er lachend.

Danach ist er noch ein paar Tage hinter dem Tresen anzutreffen, bevor am 30. Juni definitiv Schluss ist. Dann geht die Jazzkantine an seinen Nachfolger Domi Meyer über, der sie im September neu eröffnet. «Danach muss ich von der Jazzkantine erstmal nichts mehr wissen», sagt er in seiner trockenen Art. Er sei jetzt etwas müde und freue sich wieder auf mehr Zeit in Sardinien, wo er einen Rebberg hat. Wie sagte Henk Bergmans doch schon im Mai zu zentralplus: «Nach 19 Jahren Jazzkantine ist jetzt genug, der Saft ist etwas draussen.»

Das Plakat für den Henk-Abend am Samstag.
Das Plakat für den Henk-Abend am Samstag.

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