Autor Beat Portmann bei Kaffee und Zigarette in der Reussfähre. (Bilder: jav)
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Autor Beat Portmann bei Kaffee und Zigarette in der Reussfähre. (Bilder: jav)

Stolzer Emmenbrückler hofft aufs jüngste Gericht

16min Lesezeit

Der Luzerner Autor Beat Portmann ist alles, aber ganz bestimmt keine Rampensau. Im 50-Fragen-Interview erzählt der 40-Jährige, weshalb er erst richtig schreiben konnte, nachdem er eine Mauer gebaut hatte. Was am Duschen so schlimm ist und wie der Mauerfall in Berlin mit dem FCL zusammenhängt.

Wir treffen Beat Portmann in der Reussfähre in Luzern. Also eigentlich vor der Reussfähre – im Raucher. Der Luzerner Musiker, Sakristan, Gartenbauer und Familienvater betätigt sich hauptberuflich als Schriftsteller. Und das bald auch für zentralplus.

Zuvor wollten wir ihn aber erstmal richtig kennenlernen – in 50 Fragen.

Der Kaffee steht auf dem Tisch, das Feuerzeug liegt neben den bosnischen Zigaretten, die er immer raucht. Wir legen los.

zentralplus: 1. Wie siehst du die Arbeit als Autor? Bist du Handwerker oder Künstler?

Beat Portmann: Beides. Einerseits gibt es den Moment der Inspiration, den des genialen Geistesblitzes, welcher euphorisert und motiviert. Aber andererseits ist die Arbeit auch Handwerk. Das musste ich aber erst lernen. Meinen ersten Roman habe ich erst zu Ende geführt und überarbeitet, nachdem ich auf dem Gartenbau eine riesige Mauer fertiggestellt hatte. Tagelang ein Stein auf den anderen gelegt, vom Fundament bis hin zur Krone. Diese Erfahrung habe ich eins zu eins aufs Schreiben übertragen. Seither bin ich dazu fähig, stundenlang, Tag für Tag an einem Text zu arbeiten. Mit Diszplin, Ausdauer und einem richtig langen Atem.

2. Autor und Gartenbauer – wie kam das?

Ich war im Vorkurs der Jazzschule und ich wollte das unbedingt. Aber ich versagte an der praktischen Aufnahmeprüfung vollkommen. Ich wusste, jetzt muss ich mich wieder verdingen, wie vorher im Gastgewerbe. Da schlug meine Mutter mich einem jungen Gärtner vor, der sich gerade selbstständig gemacht hatte. Und da musste ich mich dann richtig reinknien. Es war ein harter Job. Sieben Jahre lang. Ich und er. Ich habe alles von ihm gelernt – das ganze Handwerk. Und die Leidenschaft dafür. Auch heute mache ich immer mal wieder kleine Sachen für Kollegen und Familie.

3. Dein Vater hat als Sakristan gearbeitet, du warst auf einem katholischen Internat. Wie hat dich das geprägt?

Ich war damals oft einsam, musste eine Strategie entwicklen und das hat mich sehr stark und eigenwillig gemacht. Ich hatte aber auch viel Platz zum Träumen. Bis heute bin ich auch fasziniert vom Klosterleben. Wir hatten tolle Patres, die eine gute Gemeinschaft pflegten. Mein Geschichtslehrer sagte mir einmal: Der einzige Kommunismus, welcher in der Praxis wirklich funktioniere, sei das Klosterleben. Da wird alles geteilt. Mich hat das sehr beeindruckt. Wie auch die Gelassenheit, die sie ausstrahlten.

Beat Portmann bei zentralplus

Ab Dienstag, 21. Juni 2016, veröffentlicht Beat Portmann auf zentralplus scheibchenweise seinen Fortsetzungsroman «Alles wird gut» in 45 Folgen.

Lesen Sie rein.

4. Was ist Heimat?

Vor allem ein missbrauchter Begriff.

5.  Wie viel in deinen Büchern ist autobiografisch?

Ich nehme bewusst nichts Biografisches rein, versuche es eher zu umgehen. Aber natürlich kann ich eine Figur nur mit Leben erfüllen, wenn ich mich in sie hineinfühle. Also bin ich jede Figur, in jeder steckt etwas von mir, auch in den Frauen. Bei einem männlichen Ich denken immer alle, das sei jetzt ich. Dabei bin ich vielleicht die Frau. Ihr kann ich dann all meine Pedanterie aufhalsen und niemand merkt’s. (Er amüsiert sich sichtlich)

6. Bist du eitel?

Nun, laut Thurry Schläpfer sind alle Künstler eitel. Und Thurry ist ein weiser Mann. Daher muss ich wohl Ja sagen.

7. Bier oder Wein?

Bier.

8. Hund oder Katze?

Ich mag eigentlich wilde Tiere lieber: Vögel, Füchse. Tiere, die niemandem gehören.

9. Was tust du bei einer Schreibblockade?

Einfach weiterschreiben. Dranbleiben – wie beim Gartenbau. Auch wenn’s im Moment beschissen ist und am nächsten Tag umgeschrieben oder geflickt werden muss – nur so kommst du wieder rein in die Arbeit.

10. Hattest du neben dem Schreiben und der Musik jemals einen Plan B?

Nein. Ich ging volles Risiko ein. Ich habe auch nie etwas abgeschlossen. (Er überlegt einen Moment) Ausser die Sakristanenschule. Aber die ging auch nur ein paar Wochen.

11. Glaubst du an Gott?

Ich halte Gott für die sinnlichste und eleganteste Umschreibung eines Phänomens, an welches ich glaube.

12. Und das wäre?

Dass wir teilhaben an etwas Grossem, einer gemeinsamen Harmonie. Und wenn ich verzweifelt bin, dann glaube ich auch ans jüngste Gericht. Wenn ich sehe, wie solche Dreckscheiben ungeschoren davonkommen und wie unsere Weltlage aussieht ­– ja, dann stelle ich mir gerne vor, es gäbe ein jüngstes Gericht.

«In Emmenbrücke kann man vergessen, dass man hier in einer relativ kleinen, engen Welt lebt.»

13. Bist du schlagfertig oder brauchst du Zeit, bis die Worte kommen?

Ich glaube, ich brauche Zeit für Worte. Besonders wenn Leute sehr dreist sind. Ich bin dann erstmal völlig überrumpelt und erst später kommt die Reaktion.

14. Worauf bist du besonders stolz?

Auf meine Frau.

15. Schreibst du Tagebuch?

Derzeit nicht. Ich komme gerade nicht dazu. Ich finde es aber auch nicht so schlimm. Es ist etwas heikel.

16. Warum heikel?

Man lebt anders. Man lebt im Hinblick auf den Tagebucheintrag am Abend. Und lustigerweise sind die interessantesten Dinge in meinem Leben in Zeiten passiert, als ich nicht Tagebuch geschrieben habe.

17. Du bist stolzer Emmenbrückler. Was ist so toll an Emmenbrücke?

In Emmenbrücke kann man vergessen, dass man in der Zentralschweiz in einer relativ kleinen, engen Welt lebt. Mir gefällt die Architektur, das Industrielle. Es sind einfach andere Dimensionen. Die schweren Güterzüge, der Verkehr. Andererseits gibt mir auch der hohe Ausländeranteil das Gefühl von einer weiten Welt.

18. Wie nimmst du die neuen Entwicklungen um Seetalplatz und Viscosistadt wahr?

Ich sah das Potenzial schon, als ich mit 17 dort erstmals rumgestreunt bin. Ich freue mich, dass es nun endlich in diese Richtung geht. Es ist grossartig. Jetzt hoffe ich einfach, dass es auch der Luzerner Kuchen schnallt, dieses Angebot annimmt und nicht immer von Peripherie redet.

19. Apropos Luzerner Kuchen: Was sagst du zur Diskussion um die Salle Modulable?

Ich betrachte das Ganze konsequent aus der Emmebrückler Perspektive: als Provinzposse. Grundsätzlich ist es eine tolle Idee. Aber sowas müsste man in der Emmenweid denken und bauen oder beim Kasernenplatz. Mich ärgert dieses Kleingeistige der Luzerner. Wie bei der Uni – alles muss in Sichtweite des Wasserturms stehen. Die Luzerner sollen endlich anfangen, die Stadt grösser zu denken.

«Ich bin nicht die geborene Rampensau.»

20. Was liest du gerade?

Das neuste Buch von Catalin Dorian Florescu. Ich war vor Kurzem an einer Lesung von ihm und es war toll. Er ist ein richtig guter Geschichtenerzähler.

21. Gibst du selbst gerne Lesungen?

(Er nimmt einen Schluck Kaffee, zieht an der Zigarette und sagt eine Weile schmunzelnd gar nichts) Nun. Ich bin nicht die geborene Rampensau, aber es gibt immer wieder auch mal Lesungen, die ich sehr geniesse.

22. Welcher Autor ist deiner Meinung nach überbewertet?

Davon gibt es ein paar. Aber ich gehe da auch nicht so hart ins Gericht. Was mich wirklich nervt, das sind diese Hypes um bestimmte Autoren, auf welche dann alle aufspringen. Manchmal ist das verständlich. Aber manchmal, wenn’s einfach nur schlecht ist, dann ist es ärgerlich. Wie bei dem jungen Genfer Autoren Joël Dicker. Der schrieb einen Bestseller und hat mehrere Preise gewonnen. Ich hab das Buch gelesen. Es ist richtig schlecht. Die Dialoge sind langatmig, um eine Figur einzuführen braucht er fünf Seiten und sie ist immer noch papieren. Da frage ich mich: Wie kann das sein, dass so jemand so gehypt wird? Waren denn da alle geschmiert? Währenddessen fallen so viele gute Autoren unter den Tisch.

23. Wer ist denn zum Beispiel unterschätzt?

Dutzende. Es ist sehr willkürlich, jetzt einen Namen zu nennen. (Aber er tut es trotzdem) Max Christian Graeff ist ein Beispiel. Er hat die Qualität, komische Dialoge zu kreieren, eine Figur in nur einem Satz zu formen. Ich würde gerne mal einen Roman von ihm lesen.

«Duschen ist eine Arbeit, die schnell gemacht werden muss.»

24. Bist du ein guter Tänzer?

(Er lacht) Ich kann mich zur Musik bewegen und tue es gerne. Ich finde auch, dass ich es ganz gut mache, weil ich die Musik verstehe. Aber meine Frau lacht mich trotzdem eher aus.

25. Bist du lustig?

(Er überlegt lange, sehr lange. Dann lacht er) Jaaaa. Phasenweise.

26. Versuchen wir’s gleich mal. Erzähl uns doch bitte einen Witz.

27. In welchem Lokal in Luzern trifft man dich an?

Früher war die Jazzkantine praktisch mein zweites Zuhause. Heute dort, wo man noch rauchen kann.

28. Was liegt auf deinem Nachttisch?

Ein grosser Haufen ungelesener Bücher, Fisherman’s-Päckchen, ein Zettel und ein Kugelschreiber.

29. Was singst du unter der Dusche?

Gar nichts. Ich dusche überhaupt nicht gerne. Ich befinde mich dann nicht in einer fröhlichen Situation. Duschen ist eine Arbeit, die schnell gemacht werden muss.

30. Hast du Angst vor Wasser?

Gar nicht. Ich schwimme sehr gerne in unseren Gewässern und bade auch gern. Aber duschen mag ich einfach nicht.

31. Apropos Wasser: Wann hast du das letzte Mal geweint?

(Er überlegt eine Weile) Als ich Iren Meier am Radio zugehört habe. Sie ist derzeit Korrespondentin für Syrien.

«Ich bin im schweizerischen Sinn patriotisch.»

32. Womit kann man dich richtig ärgern?

Mit unnötigem Lärm. Besonders in der Nacht. Ich liebe die Stille, wenn es ganz ruhig ist und man in die Weite lauschen kann.

33. Bist du politisch?

Ja. Immer wieder. Man ist sowieso immer politisch: in Gesprächen, wenn man einkauft. Ich stehe politisch dort, wo andere vor der Macht auf die Knie gehen.

34. Und übersetzt heisst das?

(Er lacht) Auf der Seite der Schwachen und Ohnmächtigen.

35. Was ist Luxus für dich?

Ein Garten.

36. Beatles oder Stones?

Unbedingt beide. Ich habe sehr viel Zeit mit beiden verbracht. Und deswegen habe ich die 80er musikalisch völlig verpasst. Die gingen spurlos an mir vorbei.

37. Bist du ein Perfektionist?

Ja.

38. Ein Patriot?

Ich bin im schweizerischen Sinn patriotisch. Ich bin mit dem Bewusstsein aufgewachsen, welche Vorzüge das Leben in der Schweiz hat und wie stark unser Land ist. Deshalb macht man auch nicht so ein Theater darum. Dieses emotionale Zurschaustellen, das passt nicht zu uns. Denn wenn man überzeugt von etwas ist, dann braucht man das nicht rumzuschreien.

39. Aber beim Fussball fieberst du gerade auch mit an der Euro?

Fussball ist der einzige Sport, der mich interessiert. Ich war auch schon immer FCL-Fan. Ich habe erlebt, wie wir 1989 Meister geworden sind – ein halbes Jahr später fiel in Berlin die Mauer. Ich bin überzeugt, das muss zusammenhängen. (Er lacht) Wie auch der Arabische Frühling – das war nachdem wir Wintermeister geworden sind.

40. Welche Verantwortung trägt man als Autor?

Das muss natürlich jeder für sich selbst definieren. Aber ich fühle mich durch meine Freiheit auch in einer Verpflichtung.

41. Gibt es Dinge, die du bereust?

(Er denkt nach, trinkt einen Schluck) Nein. Ausser wenn ich ungerecht zu Leuten war.

42. Welchen Weg haben sich deine Eltern für dich gewünscht?

Sie waren da immer sehr offen, haben mich in keine Richtung beeinflusst. Ihnen war einfach wichtig, dass ich ein anständiger Mensch werde.

43. Du hast für das Luzerner Freilichttheater ein Stück geschrieben. Wie kam das?

Ich hatte mich bis dahin nicht gross mit Theater befasst. Es war eine Chance, in eine neue Welt reinzuschauen, die ich zuvor wenig wahrgenommen hatte.

44. Wie war die Zusammenarbeit mit Volker Hesse?

(Er überlegt einen Moment) Schwierig. Gut. Ich bin ein Einzelkämpfer und ich arbeite gerne erstmal für mich. Bei «Wetterleuchten» war die Arbeitsweise jedoch ganz anders. Wir waren immer im Austausch. Und wir beide sind grundverschieden. Das war nicht einfach. Besonders weil er einfach eine Wucht ist. Auch in seiner Inszenierung. Das ist toll, deckt sich aber nicht unbedingt mit meinen Vorstellungen. Aber natürlich habe ich das Stück für den Ort und auch für ihn geschrieben.

45. Zeichne uns doch bitte dein Lieblingstier.

Es ist eine Rabenkrähe. Beat Portmann mag Vögel nämlich wirklich sehr gerne. Weil niemand sie besitzen kann.

46. Woran arbeitest du gerade?

An einem recht schwierigen Roman. Ich lasse mir viel Freiheiten – inhaltilich und stilistisch. Es ist ein Experiment.

47. Auf zentralplus erscheint in den kommenden Monaten ein Fortsetzungsroman von dir. Was dürfen wir erwarten?

Es ist ein Streifzug durch die Lebenswelten verschiedener Figuren unserer Zeit.

48. Hast du Vorbilder?

Ja. Immer wieder. Ich lasse mich gerne durch Menschen inspirieren und berühren. Ich kann dann auch ganz rührselig werden. Zum Beispiel wegen einer mutigen Frau, die sich in Indien für Strassenmädchen einsetzt.

49. Und künstlerisch?

Viele, wechselnde. Und früher natürlich vor allem Bob Dylan.

50. Wie lebt man eigentlich in der Zentralschweiz so vom Schreiben?

(Er lacht) Gar nicht. Man lebt fürs Schreiben.

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