Elf Schauspieler führen im Neubad die Tragikomödie «Die Benachrichtigung» auf. (Bild: Maël Stocker)
Kultur Rezension

Elf Schauspieler führen im Neubad die Tragikomödie «Die Benachrichtigung» auf. (Bild: Maël Stocker)

Eine Kunstsprache versenkt die Menschlichkeit

7min Lesezeit

Ein Ensemble zeigt im Luzerner Neubad Václav Havels Tragikomödie «Die Benachrichtigung». Mit seiner Inszenierung gelingt Regisseur Damiàn Dlaboha eine überzeugende und sehenswerte Interpretation. Die junge Gruppe liefert ein kraftvolles Stück rund um Sprache und deren Missbrauch, Macht, Sex und Bürokratie.

Maël Leuenberger

Damiàn Dlaboha (Regie), Béla Rothenbühler (Dramaturgie) und Livio Beyeler (Produktion) zeigen mit einem elfköpfigen Ensemble im Neubad in Luzern Václav Havels Tragikomödie «Die Benachrichtigung». Mit seiner gut zweistündigen Abschlussinszenierung (Studium Regie an der ZHdK) gelingt Dlaboha eine überzeugende und sehenswerte Interpretation. Das junge Ensemble liefert ein kraftvolles Stück rund um Sprache und deren Missbrauch, Macht, Intrige, Sex und Bürokratie.

Ein Ereignis ist auch die wirkungsvolle und perfekt ins Neubad eingepasste Bühne (Savino Caruso), die aber leider ihr Potenzial aufgrund des mageren Lichtkonzepts nicht ganz ausschöpfen kann. Dlaboha ist es gelungen, das Stück zeitgenössisch zu adaptieren, jedoch wirken die Geschlechterrollen antiquiert. Die Frauen sind Dummchen und die Männer machtgeil oder karrierefixiert. Versöhnlich: Beide Geschlechter verlieren sich gleichermassen in der Absurdität von Bürokratie und Entindividualisierung.

Ptydepe – eine Kunstsprache soll die Kommunikation vereinfachen

Emsig marschieren die Beamten auf ihren Turnschuhen, rhythmisch wird rasiert, Zähne geputzt, fliegen Dossiers um den Schreibtisch und rollen die Bürostühle auf den Kacheln der Neubad-Bühne. «Guten Morgen!» wünscht man einander automatisiert. Das Publikum blickt auf einen ausladenden Bürotisch vor einer hohen, weissen Wand mit sechs Türen und einem Fenster, in welchem sich ein kleines, atelierhaftes Klanglabor befindet.

Gross (Jonas Götzinger), der Direktor des Amtes, sitzt mitten auf der Bühne mit dem Rücken zum Publikum. Eine Benachrichtigung in einer unverständlichen Sprache irritiert ihn. Die Assistentin meint gleichgültig, es sei wohl vergessen gegangen, den Direktor zu informieren. Hierauf verschwindet sie auf ihrem Bürostuhl rückwärts rasend von der Bühne, um kurz darauf Milch trinkend wieder hineinzugleiten – so ist bereits zu Beginn klar: Das Erzählte ist grotesk und die Erzählweise absurd. Brillant die Idee, das ganze Geschehen in einen einzigen Raum zu packen und dem Publikum die Perspektive von Gross zu verpassen – sodass es ihm schon bald mit seinem Lachen gehörig in den Rücken fallen kann.

Die wirkungsvolle und perfekt ins Neubad eingepasste Bühne ist ein zusätzliches Highlight.
Die wirkungsvolle und perfekt ins Neubad eingepasste Bühne ist ein zusätzliches Highlight. (Bild: Maël Stocker)

Im Amt wird die Kunstsprache «Ptydepe» eingeführt. Dadurch soll die Kommunikation präzisiert und von den natürlichen Emotionen befreit werden. Denn «die natürlichen Sprachen sind ohne jede Kontrolle, mit anderen Worten: unwissenschaftlich entstanden und damit in gewissem Sinn das Werk von Laien».

Das Sprachexperiment wird zum Mittel für die Intrige von Gross’ Stellvertreter Balas und seinem Partner Kubsch. Direktor Gross ist der neuen Sprache nicht mächtig und so dem Geschehen hilflos ausgeliefert. Die Anordnungen eines diffusen und gleichzeitig omnipräsenten «Oben» nehmen ihren Lauf.

Der Mensch als Niemand in den Mühlen der Bürokratie

Die Kommunikation und die Sprache sollen professionalisiert und auf eine wissenschaftliche Basis gestellt werden –  das Vorhaben erweist sich als abstruser Spiegel einer «verwalteten Welt».

Dlabohas Inszenierung verliert nach der Pause etwas an Schwung. Der inzwischen zum Direktor gewordene Balas befiehlt dem degradierten Gross «setz dich!» und tatsächlich: Das Sitzen nimmt überhand auf der Bühne. Wenn Direktor Gross hier zu Balas sagt «mich irritiert ihre Ruhe!» – so spricht er in diesem Moment die Gefühlslage des Publikums aus. Havels Mittel, den zweiten Teil parallel entlang des ersten verlaufen zu lassen, scheint etwas hastig umgesetzt.

Der abrupte Abgang und die Wandlung von Kubsch macht das Publikum vollends ratlos, zeigt aber gleichzeitig: Dieses Chaos ist gewollt. «Es scheint, die Dinge nehmen einen schnellen Verlauf», kommentiert der neue Direktor treffend. Am Ende ist wieder alles wie zuvor. Auf diese Weise gelingt es trotz kurzen Hängers, die Apparatur zu demaskieren: Der Mensch als hilfloses Nichts seines selbst geschaffenen Bürokratie-Ungeheuers für sein Streben nach Perfektion, Macht und Kontrolle.

Sexsymbolik, House of Cards, lokaler Wahlkampf und ein Schuss Mani Matter

Als die Intrige zu Beginn des Abends ihren Lauf nimmt, beisst Kubsch unschuldig in den roten Apfel, und beim Sturz des Direktors kürzt er kauend eine phallische Rübe. Das Interesse der Assistentin gilt neben der Milch den Weggli und Nüssen. Der jeweilige Direktor besitzt den Grösseren (Feuerlöscher) als sein Stellvertreter, und die Milchflasche verkörpert Gross’ errigiertes Glied.

Ein anderes Mal wird der Direktor von Kubsch dazu gezwungen, die Milch zu schlucken. Dabei erinnert er an die Stopfgans, welche im Amt auf dem Speiseplan steht. Weiter versetzt Dlabhoa seiner Figur Balas Attributte von Underwood aus der Netflix-Serie «House of Cards» – ein topaktuelles Spiel von Macht und Intrige. Sogar der lokale Wahlkampf findet Eingang in die Inszenierung: Unter den Benachrichtigungen werden Wahl-Flyer über den Bürotisch gewirbelt.

passend psychedelisches Ambiente

Die Musik begleitet das Stück formidabel und trägt ebenfalls ihren Teil dazu bei, moderne Elemente in das 50-jährige Stück einzubauen. In ihrem einem Morse-Büro nachempfundenen Musiklabor fungieren Timo Keller und Mario Hänni als Beobachter und strebsame Ptydepe-Schüler. Ob ein Rhythmus mit Bleistiften, singende Saitenklänge oder verzerrte Live-Töne – die Musik überzeugt und schafft in Anlehnung an Morsezeichen und Matters Ballade «Vo däm, wo vom Amt isch uufbote gsy» einerseits ein passend psychedelisches Ambiente und schlägt anderseits den Bogen von damals zu heute.

Die zeitgenössischen Elemente illustrieren: «Die Benachrichtigung» ist heute genauso aktuell wie damals in der Tschechoslowakei – Dlaboha und sein Ensemble beweisen dies mit ihrer Interpretation eindrucksvoll.

Das junge Enseble bei der Premiere im Neubald.
Das junge Enseble bei der Premiere im Neubald. (Bild: Maël Stocker)

Ein gelungener Mix von Laien und Profis

Jonas Götzinger ist der einzige Profischauspieler im Ensemble der «Benachrichtigung». Sein grossartiges und facettenreiches Spiel zieht die erfahrenen Laien mit, ohne deren Esprit und die Spielfreude zu beeinträchtigen. Im Gegenteil: Die Truppe spielt erfrischend, das Zusammenspiel funktioniert.

«Die Benachrichtigung» ist das erste Projekt der Neubad-eigenen Förderplattform «Frische Kunst und Kultur im Neubad-Pool». Das war ein Start nach Mass und macht definitiv Lust auf mehr.

Die weiteren Vorstellungen:
im Neubad Luzern: 13.5. / 14.5.16
Auf der Bühne B in Zürich: 21.5.16

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