Eine Welt ganz aus Karton kann am Fumetto besucht werden. (Bild: jav)
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Eine Welt ganz aus Karton kann am Fumetto besucht werden. (Bild: jav)

6min Lesezeit

Eine «begehbare Illustration» stiehlt an diesem Fumetto einigen anderen Ausstellungen die Show. Denn hier gibt’s nicht nur Kreativität zum Anschauen, sondern auch zum Anfassen, Anhören und zum Drüberfallen. Das Ganze auch noch ziemlich «psycho».

Wie eine «begehbare Illustration» aussehen soll, ist schwer vorstellbar. Am Comix-Festival Fumetto, wo die Kunst hauptsächlich auf Papier gezeichnet, gemalt und gedruckt an den Wänden hängt, ist die Ausstellung «Seico©» etwas ganz Besonderes. Ausgestellt wird in einem der speziellen Räumlichkeiten der Fachklasse Grafik.

Kuriositäten aus Karton

Die alte Kapelle an der Rössligasse ist komplett zu einer fiktiven Spielzeugfabrik geworden und diese ist gut besucht. 33 Künstler haben sich hier gemeinsam ausgetobt und die Welt der Illustration vom Papier in den Raum geholt. Erleb- und betretbare Illustration sozusagen. Sie verlässt das Format des Bildes und erobert die alte Kapelle.

Die Begrüssung am Anfang der Ausstellung übernimmt ein seltsamer Zeitgenosse. Auf einen automatischen Staubsauger montiert, fährt ein Butler aus Karton im Eingangsbereich herum. Die Sensoren verhindern, dass er die Besucher über den Haufen fährt, aber etwas unheimlich wirkt er trotzdem.

Die Besucher bewegen sich durch die schmalen Gänge voller schräger Spielzeuge, Karussells und privater Habseligkeiten der fiktiven Mitarbeiter. Der psychopathische Spielehersteller Mr. Seico lädt in seine verlassene Werkstätte zum Kuriositätenkabinett ein. Alles ist aus Karton gebaut: Seien es die Tische, das Lavabo mit Zahnpflegeprodukten, die Regale mit seltsamen Spielsachen darauf, der Lüftungsschacht oder das Notausgangsschild.

Die Welt, welche die Illustratoren und Techniker erschaffen haben, rattert, flimmert, piept und blinkt. Die Figuren und Objekte aus Karton bewegen und drehen sich. Dadurch, dass alles aus bemaltem Karton gebaut ist, wähnt man sich wirklich in einer abstrakten Welt – in einer dreidimensional gewordenen Illustration.

 

Für die Ausstellung wurden drei Pallets Karton verbaut, dazu etwas Holz und viel technisches Zubehör. Die Künstler haben insgesamt rund 4000 Stunden Arbeit in die Karton-Spielzeugfabrik gesteckt. «Ich war nach dem Zusammenzählen der Arbeitsstunden selbst geschockt», gibt Eva Rust, eine der beteiligten Künstlerinnen, lachend zu.

Gearbeitet wurde meist im Team. «Wir haben in den letzten Monaten mehrere Bastelwochenenden eingelegt, an welchen vor allem die Spielzeuge und kleinen Details entstanden sind», so Rust. Und Details gibt es zahlreiche: Augensammlungen, ein Skelett in der Ecke, eine Jesusfigur zwischen den Regalen. Die Freude am Detail merkt man den Künstlern an: Eine zerdrückte Fliege an der Wand, gephotoshoppte Bilder des fiktiven Mr. Seico gemeinsam mit Audrey Hepburn, den Beatles oder Gaddafi hängen im Büro.

Zwei Wochen lang haben die Künstler dann in der Kapelle weitergearbeitet und aufgebaut – die verspielten Details in den grossen Zusammenhang gebracht und technisch verarbeitet.

Gruslig und schräg muten die Spielzeuge von Mr. Seico an. (Bild: jav)
Gruslig und schräg muten die Spielzeuge von Mr. Seico an. (Bild: jav)

Illustratoren seien Erfinder von Welten, heisst es im Text der Ausstellung. Die Idee für die Seico-Spielzeugfabrik entstand in langen Diskussionen. Kein einfacher Prozess, wenn so viele Künstler beteiligt sind. «Erst war eine Geisterbahn geplant, doch nach einer Weile konnten wir uns auf die Spielzeugfabrik einigen», sagt Rust.

Viele der Künstler, Tüftler und Gestalter kannten sich bereits von gemeinsamen Arbeiten wie zum Beispiel aus dem Dekoteam des B-Sides-Festivals. Andere haben erst vor Kurzem an der HSLU ihren Bachelor-Abschluss in Illustration gemacht. Die Techniker kommen vom Labor Luzern.

 

Das Ende der Ausstellung setzt nochmal einen drauf. Die Box für die Feedbackformulare ist ein getarnter Schredder (siehe Slideshow). Und auch wenn der Boden voll mit Papierstreifen ist – die meisten Besucher begreifen es erst, wenn ihre Rückmeldung ihnen in Stücken auf die Füsse fällt.

«Wir hatten erst doch ein bisschen ein schlechtes Gewissen, doch die Reaktionen der Besucher haben uns in der Idee bestätigt», erzählt Rust. Auch die, welche sich die Mühe machen, auf dem Formular freundliche oder kritische Rückmeldungen handschriftlich zu hinterlassen, stimmen ins Gelächter ein, wenn aus der Box das geschredderte Papier fliegt. «Ein kleiner Seitenhieb an die Feedbackkultur vieler Firmen, die wahrscheinlich oft nicht wirklich anders funktioniert», so Rust mit einem Augenzwinkern.

 

Die beteiligten Künstler
Philip Bürli, Künstler, Felix Bänteli, Technik, Constantin Beck, Künstler/Bau, Raphael Beck, Künstler/Bau/Koordination, Cecile Brun, Künstlerin, Kaspar Flückiger, Künstler/Technik/Koordination, Michael Furler, Künstler, Sarah Gasser, Künstlerin, Kevin Graber, Künstler/Video, Lea Häfliger, Künstlerin, Markus Häfliger, Künstler/Bau, Marika Haustein, Künstlerin, Nils Hedinger, Künstler, Susanne Henning, Künstlerin, Florian Huber, Technik, Benni Kirn, Technik, Fruzsina Korondi, Künstlerin, Andreas Lori, Künstler/Bau, Tizian Merletti, Künstler, Livia Müller, Technik, Benedikt Notter, Künstler, Jonas Oehen, Technik, Luigi Olivadoti, Künstler, Isabel Peterhans, Künstlerin, Adrian Rogger, Bau, Eva Rust, Künstlerin/Koordination, Johanna Schaible, Künstlerin, Pierre Thomé, Koordination, Beni Tschopp aka Jam Jopp, Künstler, Lena von Döhren, Künstlerin, Martin Waespe, Künstler, Conradin Wahl, Künstler

In unserer Slideshow finden Sie noch mehr Eindrücke aus der begehbaren Illustration Seico©:

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