Luzius Wespe und Romana Lanfraconi mit der Protagonistin Anna Blättler (Mitte) in Neuseeland. (Bild: Voltafilm)
Kultur Reisen Gesellschaft

Luzius Wespe und Romana Lanfraconi mit der Protagonistin Anna Blättler (Mitte) in Neuseeland. (Bild: Voltafilm)

«Langi Ziit» – vom Fernweh und vom Heimweh

7min Lesezeit

An der Luzerner Filmemacherin Romana Lanfranconi nagt das Reisefieber. Also schnappte sie sich die Kamera und reiste zu Innerschweizern, die ausgewandert sind. Menschen, die erst das Fernweh plagte und heute das Heimweh.

An der Luzerner Regisseurin Romana Lanfranconi nagt das Fernweh immer schon ein bisschen. «Ich finde es sehr wichtig, zu reisen, wegzugehen, um einen neuen Blick auf das Daheim zu bekommen.» Vor einigen Jahren habe sie noch öfters darüber nachgedacht, selbst vielleicht auszuwandern. «Aber das Alter der Kinder ist dabei ein ausschlaggebender Punkt», betont die zweifache Mutter.

Ist man aber länger von zuhause weg, kann aus dem anderen Blick auf das Daheim auch eine Sehnsucht danach werden. Und darum geht es im neusten Film von Romana Lanfranconi. Denn dieser dreht sich um Fernweh und Heimweh. Zwei Gefühle, die Lanfranconi bei Auswanderern fand.

Als eines von 23 Projekten wurde der Film von der Albert-Koechlin-Stiftung für das Kulturprojekt 2016 zum Thema Sehnsucht ausgesucht – und diesen April feiert er Premiere.

Mittels Kleinanzeige zu den Film-Protagonisten

Für den Film suchte sie nach Innerschweizer Auswanderern. Denn wer könnte geeigneter sein als jemand, der ausgewandert ist und seine Heimat doch vermisst? «Das sind die Experten des Fern- und Heimwehs», sagt Lanfranconi.

Mit einer Kleinanzeige «Sehnsüchtige Innerschweizer gesucht» in der «Swiss Revue», einem Magazin, welches in einer Auflage von 422’000 an Auslandschweizer verschickt wird, suchte Lanfranconi nach ihren Heimweh-Innerschweizern.

Romana Lanfranconi

Seit 2008 ist Romana Lanfranconi als Produzentin, Regisseurin und Cutterin beim Filmkollektiv Voltafilm tätig und seit 2015 Mitinhaberin der Voltafilm GmbH. Nebst Auftragsfilmen widmet sie sich eigenen Dokumentarfilm-Projekten. Zuvor war sie freischaffende Cutterin und Leiterin von verschiedenen Videoprojekten an Schulen sowie  Kursleiterin an verschiedenen Institutionen und Hochschulen. Nach dem Vorkurs an der Hochschule für Gestaltung und Kunst Luzern erwarb sie 2006 das Diplom an der Fachklasse Film/Video an der Zürcher Hochschule der Künste. 2011 absolvierte Romana Lanfranconi eine Weiterbildung im Bereich praktische Filmbildung und 2014 den CAS Art Direction an der Hochschule Luzern. Sie wohnt in Emmen und ist Mutter von zwei Kindern.

Über 70 Auslandschweizer meldeten sich daraufhin. «Viele mit klassischen Aussagen wie: Ich vermisse den See und die Berge», lacht Lanfranconi. «Da bestätigen die Schweizer ihre eigenen Klischees ganz gut.»

Wo leben die Sehnsüchtigen?

Das Auswahlverfahren dauerte eine ganze Weile. «Ich schrieb und skypte mit vielen Auslandschweizern und versuchte dabei herauszufinden, wer sich für den Film eignen könnte.» Die aktuelle Situation, Veränderungen im Leben oder Reisen, die anstanden, waren für ihre Entscheidung ausschlaggebend. «Aber auch die Träume, Wünsche und Sehnsüchte, die sie mir gegenüber äusserten.»

Ausgesucht hat sie schlussendlich Hugo Studhalter aus Horw, der seit über 40 Jahren in Kanada lebt, Anna Blättler aus Hergiswil, die seit den 80er-Jahren in Neuseeland zu Hause ist, und Urs Bauer aus Luzern, der sich im Jahr 2000 ebenfalls Neuseeland als Wahlheimat ausgesucht hat.

Die Sehnsüchte der drei fasst der Filmbeschrieb kurz zusammen: «Wenn es am Schmutzigen Donnerstag in den frühen Morgenstunden knallt, ist es bei Urs auf der anderen Seite der Welt schon Abend und qualvolle Tage brechen für ihn an. Anna ist früh aufgestanden, um mit ihrer Familie in der Schweiz zu skypen, doch ihre Enkelkinder sind schon im Bett – ob sie wohl von ihr träumen? Hugo wird älter und mit dem Alter wird die Sehnsucht nach seinem Horw grösser – aber der Weg zurück immer schwieriger.»

Hugo Studhalter feiert den 1. August in Kanada. (Bild: Voltafilm)
Hugo Studhalter feiert den 1. August in Kanada. (Bild: Voltafilm)

Knappe Zeit, lange Reisen

Im Sommer und Herbst 2015 reiste Lanfranconi gemeinsam mit dem Kameramann Luzius Wespe nach Kanada und Neuseeland. «Erst wollte ich nicht unbedingt so weit reisen, doch damit tatsächlich eine Sehnsucht, ein Heimweh entsteht, braucht es mehr Abstand. Diese drei – in Kanada und Neuseeland – können nicht einfach kurz ein Wochenende in die Schweiz kommen, die Familie besuchen.» Zudem seien gerade diese beiden Länder bei Schweizern sehr beliebt. Viele Auswanderer hatten sich aus diesen beiden Ländern gemeldet.

Romana Lanfranconi
Romana Lanfranconi

Der Zeitplan für das persönliche Kennenlernen und die Filmaufnahmen war extrem knapp bemessen – denn auch das Budget war beschränkt. Lediglich sechs Tage verbrachten die beiden jeweils bei den Auswanderern. «Vorher hatten wir nur ein paar Mal geskypt. Doch alle drei hatten grosse Lust auf den Film. Das war auch sehr wichtig, damit wir innerhalb der kurzen Drehzeit gemeinsam tiefer gehen konnten und nicht nur an der Oberfläche kratzten», erklärt Lanfranconi.

Und doch war es für die drei am eigenen Computer, beim Skypen, einfacher, über die Sehnsüchte und Wünsche offen zu sprechen, als wenn eine Kamera direkt auf einen gerichtet ist. «Dann tatsächlich über die Lippen zu bringen: ‹Ja, ich habe Heimweh›, das ist schwer», betont Lanfranconi. «Und doch haben die Protagonisten mir ein grosses Vertrauen entgegengebracht – in einer sehr kurzen Zeit.»

Nur sechs Tage hatte das Team vor Ort für jeden Protagonisten Zeit. (Bild: Voltafilm)
Nur sechs Tage hatte das Team vor Ort für jeden Protagonisten Zeit. (Bild: Voltafilm)

Die verschiedenen Arten der Sehnsucht

Die Sehnsüchte der drei im Film sind unterschiedlich: nach der Familie, nach Freunden, nach den eigenen Wurzeln, wenn man älter wird, die Sehnsucht nach Traditionen wie der Fasnacht.

Es ist ein doppelter Blick, den die drei zurückwerfen: einen auf das Fernweh, welches vor Jahren dazu geführt hat, dass sie die Innerschweiz verlassen haben. Und sie berichten von ihren Erinnerungen und Bildern aus der Vergangenheit, die heute Nährboden für ihr Heimweh nach der Innerschweiz sind. Damit werden zwei der stärksten Formen von Sehnsucht in einer Person sichtbar.

Der Film

So, 24. April 2016, 20.00 Uhr PREMIERE im stattkino Luzern – AUSVERKAUFT

Do, 28. April, 19.30 Uhr im STA Travel & Jazzkantine Luzern

Mo, 2. Mai, 19.30 Uhr im STA Travel & Jazzkantine Luzern

Mo, 9. Mai, 19.30 Uhr im STA Travel & Jazzkantine Luzern

Do, 12. Mai, 19.30 Uhr im STA Travel & Jazzkantine Luzern

Alle Vorführungen mit kurzer Einführung und anschliessendem Gespräch

Abendkasse jeweils 30 Minuten vor Beginn geöffnet

Protagonist Hugo Studhalter in Montreal, Kanada. (Bild: Voltafilm)
Protagonist Hugo Studhalter in Montreal, Kanada. (Bild: Voltafilm)

x
Ist Ihnen unabhängiger Journalismus etwas wert? Mit Ihrer Unterstützung helfen Sie zentral+, Beiträge wie diesen zu realisieren.

Ihre Meinung ist gefragt!

Um kommentieren zu können, müssen Sie auf zentralplus eingeloggt sein.
Bitte loggen Sie sich ein oder registrieren Sie sich jetzt und profitieren Sie
von den Vorteilen für z+ Community Mitglieder.

Mehr Kultur